Lesung in Wittdün : Weitab vom eigentlichen Kurs

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Im Sturm zerbrach die „Pella“ mit einem Knall in zwei Teile.

Im Sturm zerbrach die „Pella“ mit einem Knall in zwei Teile.

Vor 55 Jahren: Frachter Pella strandet auf dem Weg von Cartagena nach Bremen im Rütergat vor Amrums Küste.

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11. Juli 2019, 15:53 Uhr

Amrum | Einen unterhaltsamen Abend erlebten die Zuhörer einer Autorenlesung in Wittdün: Clas Broder Hansen las aus seinem Buch „Gestrandet vor Amrum“ über den legendären Frachter „Pella“, der im Sommer 1964 im Sturm vor Amrum strandete,  und über Strandräuber, Plünderer und Schmuggler. Der Seefahrthistoriker und Wahl-Amrumer Clas Broder Hansen hat das Wrack damals als Zehnjähriger zusammen mit seinem Vater auf dem Ausflugsboot „Hansa“ unter Kapitän Helmuth Tadsen besucht. Fast 55 Jahre später erzählt er, wie er und auch sein Vater damals zu „Strandräubern“ wurden. Vor fünf Jahren hat der Autor und Verleger, der sowohl in Hamburg als auch auf Amrum lebt, diese Erlebnisse in seinem Buch „Gestrandet vor Amrum – Die Geschichte der Pella“ veröffentlicht.

Schlechte Wetter- und Sichtverhältnisse

Das 135 Meter lange Transportschiff strandete am 31. Juli 1964 vor Amrum und brach nach zwei Tagen auseinander. Der Frachter, anfangs noch eine Attraktion für Insel- und Halligbewohner, versank nach und nach und geriet in Vergessenheit. Die „Pella“, beladen mit gut 10.000 Tonnen Eisenerz, war auf dem Weg vom spanischen Cartagena nach Bremen. Auf dem Weg zur Weser kam das Schiff bei schlechten Wetter- und Sichtverhältnissen weit vom Kurs ab und lief zirka siebeneinhalb Seemeilen südsüdwestlich der Amrumer Küste im Rütergat auf Grund.

Alle Besatzungsmitglieder gerettet

Noch während der Sturm wütete, zerbrach die „Pella“ am frühen Morgen des 2. August mit einem Knall in zwei Teile. Bis zu diesem Zeitpunkt waren alle angebotenen Hilfen abgelehnt worden und der 37-jährige griechische Kapitän und 24 Besatzungsmitglieder noch an Bord. Harry Tadsen, Vormann auf dem auf Amrum stationierten Seenotkreuzer „Bremen“, schrieb in sein Logbuch: „Um 03.30 Uhr wurde es auf dem Schiff lebendig, es begann langsam durchzubrechen.“ Tadsen begann gegen 4 Uhr bei Sturm der Stärke acht, hohem Seegang und heftigen Regengüssen mit der Bergung der Seeleute. Knapp 30 Anläufe wurden benötigt, um 5 Uhr waren alle gerettet und um 6.45 Uhr im Wittdüner Tonnenhafen sicher an Land.

Seefahrthistoriker Clas Broder Hansen bei seiner Lesung.
Gerd Arnold

Seefahrthistoriker Clas Broder Hansen bei seiner Lesung.

 

Da der Reeder kein Interesse an einer Bergung zeigte, wurde die „Pella“ der stürmischen Nordsee überlassen. Für Insulaner und Touristen ein willkommenes Ausflugsziel: alles, was schwimmen konnte, machte sich auf den Weg zum Wrack. Jeder, der ein Boot hatte, fuhr hinaus und brachte etwas von der „Pella“ mit. Nicht ganz ungefährlich, denn die Nordsee war noch aufgewühlt und die Wellen schwappten über das Wrack. Polizei- und Zollboote patrouillierten in unmittelbarer Nähe. Eine schwierige Situation für die Behörden: Seitens der Versicherer wurden keinerlei Ansprüche geltend gemacht, das Plündern aber blieb illegal. Doch wie reagieren? Schließlich lag die „Pella“ außerhalb der Dreimeilenzone in internationalen Gewässern. Der clevere Kapitän August Jakobs wollte einer eventuellen Strafe entgehen und meldete seine Fahrten mit dem Ausflugsboot „Ambronia“ einfach beim Zoll auf Amrum an und gab alles, was er dem Wrack entnahm, zu Protokoll.

Ohne die Räuber wären all die schönen Dinge einfach versunken. Clas Broder Hansen, Autor
 

Geschehnisse, die der Autor lebendig in seinem Buch beschreibt. „Ohne die Räuber wären all die schönen Dinge einfach versunken“, sagt Clas Broder Hansen. „Die ursprünglich wertlosen Dinge besitzen heute einen großen Wert.“ Hinter jedem Messer, jeder Laterne und jeder Seekarte stecke die Geschichte eines Abenteuers.

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