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Spannende Erkenntnisse : Was Grabsteine über die Insel-Luft erzählen

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Flechten reagieren empfindlich auf Verschmutzungen – Forscher beobachten besorgt die Bestandsentwicklung seltener Arten auf Föhr.

shz.de von
erstellt am 07.Nov.2017 | 14:30 Uhr

Ein imposanter Pelz gelb-grüner Flechten auf Sträuchern und an Bäumen, auch alte Grabsteine und die Kirchenmauern sind davon überzogen – in der Vorstellung des Laien erscheint alles so idyllisch, urtümlich und naturnah. Doch der Schein trügt – und das ganz gewaltig: Die Gelbe Wandflechte, mit wissenschaftlichem Namen Xanthoria parietina, dominiert unter den Flechten das Föhrer Landschaftsbild, und das ist ein deutliches Zeichen eines sehr großen Nährstoffeintrages durch die Luft. So jedenfalls sehen es Dr. Christian Dolnik, Biologe und Landschaftsökologe von der Arbeitsgemeinschaft Geobotanik Schleswig-Holstein, Patrick Neumann, Botaniker, Agrarwissenschaftler und Koordinator für Naturschutzplanungen, Dr. Ulf Schiefelbein, als Agrarökologe tätig beim Landesamt für Umwelt- und Naturschutz in Mecklenburg-Vorpommern, und Dr. Matthias Schultz, Biologe am Herbarium der Universität Hamburg.

Die vier Wissenschaftler gehören einem 2008 gegründeten Arbeitskreis an, der sich mit den Küstenflechten beschäftigt. An ihren Kartierungs-Wochenenden vereinen sie Hobby, Wissensdrang und Austausch. Der erste Aufenthalt in Nordfriesland und auf Föhr war 2009. Damals wurde ein besonderes Augenmerk auf die Gegend nördlich des Wyker Hafens gelegt. Auch die Kirchenmauern der Süderender St.-Laurentii-Kirche wurden genau unter die Lupe genommen, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Dank des Flechtenforschers Christian Frido Eckhard Erichsen (1867 -1945), der ausführlich die Moos- und Flechtenpopulation im norddeutschen Raum beschrieben hatte, konnten und können heute Vergleiche gezogen werden. Der Frage, ob empfindliche Arten noch vorkommen – in Schleswig-Holstein, so die Biologen, kenne man knapp 800 verschiedene Arten – gehen die Wissenschaftler mit einem kleinen Vergrößerungsglas nach, das ihnen als Arbeitsutensil um den Hals baumelt. Und empfindlichere Arten, wie die früher überall anzutreffenden Strauchflechten, müssen buchstäblich mit der Lupe gesucht werden. „Wir haben auf Föhr kaum Flechten gefunden, die saubere Luft anzeigen“, erklärt Neumann etwas besorgt. Von der Eschen-Astflechte (Ramalina fraxinea) habe man lediglich je ein Exemplar in Nieblum und Alkersum entdeckt, die an der Kirche in Süderende gefundene Elfenbein-Astflechte (Ramalina siliquosa) sei in einem erbärmlichen Zustand, das Exemplar an einem Friesenwall in Utersum sei besser entwickelt. „Diese Arten gelten als akut vom Aussterben bedroht“, so Dolnik, „und kommen nur noch an vier Standorten in Schleswig-Holstein vor.“

Da Moose und Flechten kein schützendes Abschlussgewebe hätten, nähmen sie Wasser und gelöste Nährstoffe mit Regen oder Tau über ihre gesamte Oberfläche auf. Wegen ihres großen Ausbreitungsgebietes und fehlender Möglichkeiten, schädliche Stoffe abzuscheiden, eigneten sie sich hervorragend als lebende (Schadstoff-)Anzeiger, sogenannte Bioindikatoren. Eine Flechte ist eine Art Doppellebewesen aus Alge und Pilz, sehr störanfällig und durch Milieuänderungen leicht zu beeinträchtigen. „Im Prinzip reden wir von Landlebewesen“, so Schiefelbein, „wegen der Anpassung an das Salzwasser leben an den Küsten wenige, aber besondere Arten.“ Und ähnlich wie bei Queller und Andelgras gebe es Flechten, die mehr und solche, die weniger Salzwasser vertrügen. Dazu gehöre die Elfenbein-Astflechte, die zwar eine salzhaltige Basis benötige, aber ansonsten auch etwas fernab des Strandes auf Grabsteinen prächtig gedeihen würde. Besonders geeignet zur Untersuchung seien hier alte Steine, da sie schon lange in der Nordseeluft stünden. Die hohen Stickstoffwerte in den Aerosolen vertrage die Flechte nicht, erläutert Dolnik weiter und sieht die Gülle als Verursacher des Problems. „Trotz des stetigen Windes auf der Insel wabert immer wieder Ammoniak aus den Feldern nach“, so der Biologe, „dabei haben wir die technischen Möglichkeiten, das zu ändern, zum Beispiel durch Fermentierung der Gülle, oder mit Zusätzen, die das Ammoniak binden.“ Ammoniak ist ein beißendes, übel riechendes Gas, das sich mit anderen Luftschadstoffen zu Salzen bindet. Man spricht dann von Feinstaub oder Aerosol.

Dass eine konsequente Politik Gutes bewirken könne, zeigten die 1990-er Jahre. Durch den sauren Regen seien damals viele Arten bedroht gewesen. Gegenmaßnahmen wie die Entschwefelung von Rauchgasen fossiler Kraftwerke oder der Einbau von Katalysatoren hätten dazu geführt, dass diese sich im Bestand wieder erholen konnten. Der stetig steigende Stickstoffgehalt der Luft und des Grundwassers in unmittelbarer Nähe von konventionell genutzten landwirtschaftlichen Flächen bedrohe nun wieder die Artenvielfalt.

Die Pauschalaussage „Flechten zeigen gute Luft an“ sei gefährlich, so Schultz. Dennoch gibt es auch Positives von Föhr zu vermelden. Die drei alten Kirchhöfe der Insel zählen für die gesteinsbesiedelnden Flechtenarten zu den bedeutendsten Orten in Schleswig-Holstein. Mit über 15 Arten der Roten Liste sind sie ein Hort für die heimische Artenvielfalt.


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