zur Navigation springen

Vom Südsudan nach Amrum : Von 50 000 Keimen runter auf Null

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Nach diversen Auslands-Aufenthalten ist Christoph Hagenbruch nun Chef der Versorgungsbetriebe auf Amrum – und schätzt die Perfektion.

Christoph Hagenbruchs erster Job nach dem Studium der Versorgungstechnik war bei den Stadtwerken in Viersen am Niederrhein. Es folgten Stationen in der Ukraine, in Mazedonien und Gaza. Dann Nepal, Palästina und Südsudan. Was kann danach schon noch kommen? Amrum! Von 50  000 Keimen runter auf Null. „Also im Sudan haben wir das so und so gemacht ... ich ertappe mich schon manchmal dabei, wie ich Sätze so einleite“, sagt der 54-Jährige und lacht.

Christoph Hagenbruch ist ständig auf Achse. Er hat auf Amrum nicht nur das Wasser unter sich und die Tankstelle, sondern auch die Abwasserbeseitigung über die Kläranlagen Wittdün und Nebel, den Hafen, mit der Fahrrinne, die regelmäßig freigebaggert werden muss, und die Mole in Steenodde, wo Frachtgut abgefertigt wird. Und verantwortlich für den Forst- und Landschaftsbau ist er auch: Dazu gehören die Mülleinsammlung auf Amrum sowie Strandreinigung und ein Stück der Waldpflege. Ach, und der Leuchtturm als Denkmal, seine touristische Vermarktung, das fällt auch in seinen Bereich. Und er hat die E-Mobilität der Insel im Blick, möchte mit den Gemeinden ran an ein Konzept für die Ladeinfrastruktur. Sein Firmenwagen ist ein Hybridauto. „50 Kilometer Reichweite, und es kann an die gleiche Steckdose wie der Fön.“

Christoph Hagenbruch war von Technik schon als Kind fasziniert. „Ich habe in der Ecke gehockt und mit meinem Elektrobaukasten alles zusammengelötet, was ging.“ Leistungskurs Mathe und Physik. „Schon während der Schulzeit in Coesfeld war ich bei den Stadtwerken als Praktikant.“ Wo andere nur an Fäkalien und Duschen denken, sah er glasklare Jobperspektiven. „Das Studium ist breit angelegt, man hat mit allem zu tun, was die Versorgung der Bevölkerung betrifft. Das ist schon spannend.“ Hagenbruch spezialisierte sich auf Trinkwasserversorgung. Elf Jahre blieb er in Viersen, aber auch da rief schon das Abenteuer: eine marode Versorgungsanlage in Viersens ukrainischer Partnerstadt. „Das Thema Entwicklungszusammenarbeit fand ich schon im Studium interessant“, sagt Hagenbruch über seinen nächsten Aufbruch nach Mazedonien, wo nach der Balkankrise die Wasserversorgung in den großen Städten am Boden lag. Für eine deutsche Förderbank ging er nach Indien, für eine asiatische Entwicklungsbank nach Nepal. „Ist man da einmal drin, dann entwickelt das so eine Eigendynamik.“ 2007/08 ging’s nach Gaza für das palästinensische Weltbankprogramm. „Wasserversorgung aufrecht erhalten. Das war ein gefährlicher Einsatz. Da hatte ich auch oft Angst“, erinnert er sich. Dann drei Jahre Südsudan: „Ein fragiler Staat mit einer absoluten Ungleichverteilung.“ Wo Rechnungen auf Bierdeckeln geschrieben werden. „Da kriegen Sie ein Problem, wenn Sie so was wie die Verdingungsordnung für Bauleistungen einhalten wollen“, sagt Hagenbruch und lacht. Geliebt hat er die Zusammenarbeit mit den jungen Leuten, die unglaublich wissbegierig waren. Gemeinsam haben sie Hunderttausend Menschen mit frischem Wasser versorgt, Brunnen gebohrt und Wasser-Kioske installiert. Dass drei Viertel des Jahres die öffentliche Stromversorgung nicht funktionierte, war normal. „Damit würden unsere Systeme gar nicht zurecht kommen“, sagt Hagenbruch bewundernd. Der letzte Einsatz ging nach Palästina ins Westjordanland. „Und danach hatte ich einfach keine Lust mehr auf schwierige Länder“, gibt Hagenbruch zu und suchte nach einem neuen Job.

Amrum: Sauberes Wasser aus dem Hahn und wenig verfeindete Stämme. Von offenen Trinkwasserkanälen mit Tierchen und 50  000 Keimen pro 100 Milliliter ist Hagenbruch jetzt runter auf Null. „Hier weiß man einfach genau, was zu tun ist, kann es tun – und tut es“. Hagenbruch klingt erleichtert. „Na klar, das ist ein dankbareres Projekt, als immer auf Barrieren zu stoßen, die vermeidbar scheinen.“ Seine beiden 19 und 21 Jahre alten Kinder, die zuhause in Bonn blieben, während er im Ausland war, finden die Insel „cool“. Die Familie mochte immer das Meer, fuhr viel nach Spiekeroog. Nach einem Skype-Interview und einem Inselbesuch war der neue Job fest.

Seine Themen jetzt: Kanalsanierung. „Sehr komplexes Thema.“ Amrums 27 Kanal-Kilometer haben teilweise Wurzeleinwuchs in den Muffen und Materialien, die unterschiedlich altern. Auch eine Herausforderung sind die Saisonschwankungen: Im Winter ist so wenig Abwasser da, dass die Anlage nicht ausgelastet werden kann und nicht immer genug Nährstoff für eine optimale Reinigung mitführt. „Diese Bakterien sind Mitarbeiter in jedem Klärwerk. Werden nicht bezahlt, machen aber eine tolle Arbeit.“

Wenig Keime, gut schmeckend, schön klar und keine Schadstoffe: so soll Trinkwasser sein. Dazu das Mantra aller Wasserwerker: 24 Stunden, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr Wasser in guter Qualität und ausreichendem Druck zur Verfügung stellen können. „Wasser ist ein ganz wichtiges Stück Lebensqualität“, findet auch Hagenbruch. Und eben nicht selbstverständlich. Weshalb auch die größte Herausforderung an seinem neuen Job auf Amrum die ist: „Wir sind hier allein. Wenn was ist, hilft kein Wasserversorger von nebenan. Wir haben keine Übergabepunkte und keine leitungsmäßige Verbindung. Wir sind auf uns selbst angewiesen.“

Das Gelände des Wasserwerks in Nebel-Westerheide liegt idyllisch und abgeschieden. „Na klar haben wir auch schon mal über Wasserlehrpfade nachgedacht“, sagt Hagenbruch. „Die Leute finden so was anderswo total spannend.“ Aber: Wasserschutzgebiet! Betreten weitestgehend verboten. Es gibt die Gefahr der Bodenverschmutzung, hier liegen fünf Brunnen mit Zugang zur Süßwasserlinse unterhalb der Insel, hier sind die Hähne zur Wasserprobennahme. Hier sind die drei Kessel, in denen das Brunnenwasser über Kalkstein filtriert wird. Damit das CO2 eliminiert werden kann, was durch die Abbauprodukte der Mikroorganismen entsteht. Wasser aufhärten, nennt man das im Fachjargon. Bis zu acht Meter tief in die Erde reicht einer der beiden 800  000-Liter-Bassins, die Trinkwasser vorhalten. Seine Edelstahlhaut glänzt, er wurde erst 2012 installiert. Der zweite Speicher hat das Haus nebenan und ist aus den 1970-er Jahren. „Wenn die Pumpen ausfallen, deckt das immer noch einen Tagesverbrauch in der Nebensaison“, erklärt Hagenbruch. Im Sommer ist der Verbrauch viermal höher. Wenn etwas sein sollte: Er und seine Mitarbeiter können sich von überall her auf das System aufschalten. Binnen weniger Minuten wäre jemand vor Ort.

zur Startseite

von
erstellt am 10.Jul.2017 | 12:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen