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Lesung in Wittdün : Vom Sklaven zu einem reichen Mann

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Die Abenteuer des Hark Nickelsen: Udo Weinbörner liest heute Abend aus seinem historischen Roman über den Amrumer Seefahrer.

Udo Weinbörner ist derjenige, der zwei Amrumer Supermänner literarisch so richtig schön hat aufleben lassen: Vor ein paar Jahren Hark Olufs und nun Hark Nickelsen. Sein neues Buch „Lieber tot als Sklave“ trägt den Untertitel „Die letzte Fahrt des Amrumer Kapitäns Hark Nickelsen“, aber natürlich beschreibt es auf seinen 480 Seiten weit mehr, nämlich das ganze Leben dieses Amrumers, der als Sklave nach vier Jahren Algier freigekauft wurde, sehr arm nach Amrum zurückkehrte, sich in einer großen Karriere bis zum Kapitän aufschwang – da war er 27 Jahre alt und man schrieb das Jahr 1733 – und am Ende einer der reichsten Männer Nordfrieslands war, so reich, dass er sogar der dänischen Krone (zu der Amrum ja gehörte) Geld leihen konnte. Für so ein Leben sind 480 Seiten schon knapp.

Udo Weinbörner ist Mannheimer und 57. Er hat auch schon ein Buch über Friedrich Schiller geschrieben, und für seine Arbeit über Georg Büchner hat er 2014 einen Literaturpreis bekommen. Der ehemalige Jurist und Rechtspfleger, der immer schon schrieb (Reden) und eigentlich immer nur schreiben wollte, war Mitte der 1980-er Jahre das erste Mal auf Amrum und blieb an den Grabsteinen auf dem Nebeler Friedhof hängen. So interessantes Material. „Diese unglaublichen Lebensgeschichten, die man da lesen kann, haben mich total fasziniert. Wahnsinn! Dieses wilde Leben, ich hatte Lust, darüber etwas herauszufinden.“

Und dann dachte Weinbörner, dass man darüber eigentlich einen Roman schreiben müsse. Er begann verhalten zu recherchieren. Verhalten? „Na ja, über einheimische Größen zu schreiben, stößt ja vielleicht auf der Insel nicht nur auf Gegenliebe“, sagt er mit Blick auf seine gezügelte Neugierde. Dann legte der Historiker Martin Rheinheimer, Professor an der Universität im dänischen Odense, der Amrum, friesische Geschlechterreihen und die Seefahrt im Herzen und im Fokus seiner Arbeit hat, ein Buch über Hark Olufs vor: Der fremde Sohn. „Das war meine Initialzündung. Rheinheimers Arbeit war eine tolle Wissenschaftsarbeit mit riesigem Quellenregister. Jetzt wusste ich, wenn ich auch etwas erzählen will, dann los.“

Das Buch war längst noch nicht fertig, als Weinbörners Frau ein Ferienquartier bei Jens Quedens buchte. „Ich denke, das war nur so halb Zufall“, sagt Weinbörner schmunzelnd. „Ich glaube, sie wusste schon, bei wem wir da wohnen würden.“ Jens Quedens, der Amrumer Verleger und Friesisch-Experte, erwies sich als bereichernder Gesprächspartner. „Er hat mir auch komplett die Angst genommen, dass die Amrumer was dagegen haben könnten, wenn ich Hark Olufs zum Helden meiner Geschichte mache. 2010 erschien sein Buch „Der General des Bey“ im Horlemann Verlag und wurde schnell ein Erfolg. Und Weinbörner ermutigt, sich die nächste Lebensgeschichte vorzunehmen: Hark Nickelsen. Denn sympathisch war ihm auch dieser Abenteurer, und das ist wichtig beim Schreiben. Weinbörner lacht: „Ich guck mir schon an, wer das so ist, den ich da in mein Wohnzimmer lasse. So ein Romanheld, der wohnt ja dann schließlich lange Zeit bei mir.“

Weil Horlemann seine deutsche Buchsparte inzwischen eingestellt hatte, wechselte der Autor zum Wellhöfer-Verlag, wo das Thema so gut in eine Reihe mit norddeutschen Themen passte, dass man dieser Tage nicht nur den bereits vergriffenen Olufs-Titel – vom Autor überarbeitet – neu auflegte, sondern Weinbörner auch drängte, sein gerade halb fertiges Buch doch bitte möglichst schnell zu Ende zu schreiben. „Also hab ich eigentlich in den letzten Monaten nichts anderes getan“, sagt Weinbörner und kann seiner Frau dafür nur danken. „Mit mir kann man in solchen Zeiten nicht mehr viel anfangen; ist dann etwas schwierig, mit mir zu leben.“

Weinbörner hatte nie nachgelassen, zu recherchieren. Er hat sich in Museen und auf alten Schiffen umgesehen, antiquarische Bestände gesichtet und Bücher über die Zeit gelesen und damit all die Lücken gefüllt, die sich in den sparsamen Aufzeichnungen jener Jahre natürlich zuhauf auftun. Eine seiner Quellen war eine Wochenschrift von 1860, mit einem Aufsatz über „Erlebnisse an Bord eines Sklavenschiffs“, das genau den Weg entlang der afrikanischen Goldküste (Ghana) nahm, den auch Sklave Nickelsen passiert hatte. Weinbörner hat sich eingelesen in Navigation, Segelkunde, Bordleben und Schiffstypen, genauso wie in die Historie des Sklavenhandels und der Schatzinsel- und Feindliche-Segel-Zeiten.

Natürlich musste Weinbörner als Autor auch mutmaßen und abwägen. „Die Suche nach dem möglichst hohen Wahrheitsgehalt, natürlich nehme ich die sehr ernst“, sagt er. Dass Nickelsens finanzieller Erfolg mit dem Befehligen von Sklavenschiffen zu tun hatte, steht für ihn außer Frage. Dass er vielleicht trotzdem kein überzeugter Sklavenschifftreiber war, entnimmt Weinbörner unter anderem der Tatsache, dass Nickelsen sich trotz dreimaliger erfolgreicher Transatlantikfahrt im Dienste seiner Westindien-Guinea-Kompanie unter fadenscheiniger Begründung vom Dienst freistellen ließ. Da bat also ein Mann um Entlassung, der bis dato – 43 Jahre alt, Wohnsitz im prosperierenden Kopenhagen – das modernste Schiff der Flotte, die Vesuvius, geführt hatte und sowohl kauf- und seemännisch als auch bei Kompanie und Mannschaft eine unglaublich gute Figur gemacht hatte. „Hätte er so gehandelt, wenn er seinen Job geliebt hätte?“, fragt Weinbörner. Geliebt hat Nickelsen auf jeden Fall Amrum, wohin er zurückkehrte ins elterliche Haus seiner Frau Marret in Süddorf schräg gegenüber von Hark Olufs’ Haus, der übrigens sein Vetter war. Fortan war Nickelsen Kapitalist, hat verkauft und gekauft und auch viele Amrumer und Husumer Fischer mit Darlehen versorgt. Er starb 1770 an einem Fieber.

„Amrum,“ sagt Weinbörner, „Amrum ist für mich immer wieder Dreh- und Angelpunkt all dieser Geschichten. Diese Verbundenheit, die die Seefahrer mit dieser Insel hatten, die versuche ich immer auch im Buch einzufangen.“ Da Amrum und Föhr dank der verteufelt guten Navigationsschulen jede Menge Seeleute auf die Schiffe schwemmten, die sich untereinander in ihrer Heimatsprache unterhielten, was an Bord sicherlich den Zusammenhalt stärkte, hat Weinbörner einige Passagen Inselfriesisch in sein Buch eingebaut. Auf all diese lokalkoloritischen Einschübe hatte der friesenfeste Amrumer Jens Quedens ein kritisches Auge. Was schön ist: Diese teils sehr bildhaften Aussprüche („Sie können der Kuh das Kalb wegfragen, S. 49) werden in den Fußnoten übersetzt.

Weinbörner schreibt noch viel mit Füller. Später kommt dann alles in den Computer. Während seiner Arbeit am Nickelsen-Buch sah sein Arbeitszimmer dementsprechend aus. „Ich hab’ den Schreibtisch mit allem tapeziert, was den Roman betraf“, sagt er und schickt auch gleich ein Foto seiner Schreibtischunterlage: Schiffsgrundrisse, Landkarten, Stadtansichten … alles voll.

Udo Weinbörners Thema sind auch immer die Freiheits- und Menschenrechte, das klingt auch im Roman mit an. „Für mich ist er Plädoyer für den Freiheits- und Gleichheitsbegriff.“ Sein Sohn ist auf Hawaii mit einer Farbigen verheiratet. „Da sind leider immer noch Unterschiede zu spüren“, sagt Weinbörner.

Und zum Schluss: „Ich kann den wagemutigen Nordfriesen nur immer wieder danken, dass sie solch abenteuerliche Leben geführt haben. Sonst gäbe es diese Romane ja nicht.“ Er hat sich vorgenommen, dass auch in seinen Lesungen zu erzählen. Der Mann liebt die Insel wirklich, wohl deshalb hat er auch eine CD mit Amrum-Songs aufgenommen. Aber das ist eine andere Geschichte …

Bei Foto-Quedens in Wittdün liest Udo Weinbörner am heutigen Mittwoch, 7. Juni, ab 20 Uhr. Alle Lesungen auf der Homepage: www.weinboerner.de.

>Udo Weinbörner: Lieber tot als Sklave, Die letzte Fahrt des Amrumer Kapitäns Hark Nickelsen, Wellhöfer Verlag, Mannheim 2017, 14,95 Euro

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erstellt am 07.Jun.2017 | 16:30 Uhr

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