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Föhr vor 100 Jahren : Viele Sorgen und nichts zu essen

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Kriegsweihnacht 1916: Von Enthusiasmus und Siegestaumel war auf der Insel nicht mehr viel zu spüren.

Während des 1. Weltkriegs blieben die Nordseebäder mit Ausnahme von Föhr geschlossen. Der Krieg erreichte aber auch diese Insel. Karl Matthiesen, seit 1916 im Dienst der Wyker Dampfschiffs-Reederei (WDR) berichtet, dass er viele Eisfahrten mitmachte, aber während des Eiswinters 1916/17 waren sie am schlimmsten. „Viele Male ging eine Mine hoch. Einmal lagen wir an der Dagebüller Brücke, da kam mit der ersten Flut eine Mine angedümpelt. Kapitän Julius Müller gab Befehl: ‚Schmiet los för un achter.‘ Eben waren wir von der Brücke entfernt, da traf die Mine die Brücke, und mit Donnergetöse ging die Mitte der Brücke in die Luft.“

Der erbärmlich kalte Winter 1916/ 17 mit seinem lang anhaltenden, eisig schneidenden Nordostwind an der Nordseeküste geht als Kohlrübenwinter in die deutsche Geschichte ein. Eine wetterbedingt schlechte Ernte ließ die Menschen hungern, die Liste der Ersatzstoffe für ehemals verfügbare Nahrungsmittel wurde immer länger, Kohlrüben wurden für viele Menschen zum Hauptnahrungsmittel. Seit Kriegsbeginn 1914 existierten die traditionellen Waren- und Lieferketten nicht mehr, der Weltmarkt war zusammengebrochen. Der Kohlenmangel wurde immer größer. In Midlum wurden die Weihnachtsferien deshalb verlängert. In Alkersum war die Weihnachtsfeier am 23. Dezember bis auf den letzten Platz belegt. So hatte man es jedenfalls einigermaßen warm.

Der Alkersumer Lehrer Johannes Anthony konnte Mitte November 1916 eine Kiste mit 45 Weihnachtspäckchen an die Front schicken. Dort fiel am 5. Dezember zwar Bukarest und das Erdölgebiet um Campina und Ploiesti, und es gab deswegen auch Schulfeiern und schulfrei, aber über die tatsächliche militärische Lage konnte das nicht mehr hinwegtäuschen. Verdun hatte nicht den erhofften Sieg gebracht, an der Somme hielten die Deutschen zwar stand, aber nur unter fürchterlichen Verlusten. Die Ostfront geriet immer mehr zum Grabenkrieg, an der Italienfront (Insonzo) gab es keinen Sieg. Und die so gefeierte Skagerak-Schlacht hatte letztendlich keinen Sieger und blieb für den Kriegsverlauf ohne Folgen. Ein Soldat: „Glücklicherweise ist alles schon so abgestumpft, daß ich mir gar nicht vorstellen kann, es könnten besonders freudige Gefühle noch zutage treten, wenn doch einmal Friede werde sollte.“

Auf Föhr kam es in allen drei Kirchspielen zugleich bis Weihnachten zu einer eigenartigen Pause des Schicksals. Im Kirchspiel Boldixum fiel der Wyker Gerhard Ipsen als letzter Soldat des Jahres 1916 am 30. Oktober, im Kirchspiel Süderende der Oldsumer Jens Chr. Mittgaard am 30. September 1916 und im Kirchspiel St. Johannis nicht lange davor der aus Oldsum stammende Nieblumer Bäcker Boy Cornelius Rickmers, genannt Boy „Bäcker“. In der Weihnachtszeit gab es dann auf der Insel keine Kriegsopfer mehr zu beklagen.

Der Frieden war in den Weihnachtstagen 1916 noch weit entfernt, und es sollte Föhr noch viele Opfer kosten, bis es zum Friedensschluss 1918 kam. Manche Insulaner waren aber auch 1916 noch enthusiastisch und inserierten im „Insel-Boten“: „Ein prächtiger Kriegsjunge ist angekommen.“ Von der Kriegswirklichkeit hörte der jahrelange Wahlföhrer Günther Petersen später von seinem Vater. Heilig Abend 1916 kamen in Güterwaggons zwei Kompanien, die am nächsten Tag an die Front nach Frankreich fahren sollten, in Köln an. Sie hörten die Glocken des Kölner Doms, stiegen aus „un süngen ohne jede Opforderung un ohne jedes Kommando von sick ut mit alleman dat Leed ‚Stille Nacht, Heilige Nacht ..‘. De Gesang steeg in de hoogen glösernen Kuppeln op un füll den ganzen Bohnhoff. Un alle Zivilisten hebbt mitsungen. Vadder hett seggt, de een und de anner hett sick heemlich en poor Troonen afwischt.“ Und wenige Tage danach „wär fast de Hälfte von de jongen Pioniere ... fullen“.

Im Januar 1917 erreichten ganz besondere Grüße die Insel Föhr. Im Bahnknotenpunkt und Etappenort Nesle/Nordfrankreich hatte sich unter der Leitung des Wykers August Münster und des Oldsumers Jan Ketelsen ein „Föhrer Verein“ gebildet, der Grüße zum neuen Jahr schickte. Auch Münster und Ketelsen wurden Opfer des 1. Weltkriegs.

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