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Geburtshilfe auf Föhr : Verunsicherung und Proteste

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Die Schließungspläne rufen viele Insulaner auf den Plan. Heute um 16 Uhr ist eine Demonstration vor dem Amtsgebäude geplant. Dort steht zu dieser Zeit der Klinikchef dem Amtsausschuss Rede und Antwort.

Wenn der Geschäftsführer des Klinikums Nordfriesland, Frank Pietrowski, heute in einer Sondersitzung des Föhr-Amrumer Amtsausschusses zu seinen Plänen, die Geburtshilfe in der Inselklinik zum 1. Dezember zu schließen, Rede und Antwort stehen muss, wird er sich nicht nur von den Inselpolitikern Kritik anhören müssen. Vor dem Amtsgebäude soll zeitgleich, ab 16 Uhr, eine von betroffenen Eltern initiierte Demonstration für den Erhalt der Geburtshilfe stattfinden.

Denn Empörung und Solidarität sind, seit Pietrowski seine Pläne am 15. September bekannt machte, groß. So haben sich bereits mehrere tausend Menschen an einer Online-Petition beteiligt oder in die Unterschriftenlisten eingetragen, die in vielen Föhrer Läden ausliegen, und auch etliche Föhrer Geschäftsleute wollen heute die Demonstranten unterstützen, indem sie von 16 bis 17 Uhr ihre Läden schließen.

Auch eine Woche, nachdem das Aus für die Geburtshilfe auf Föhr verkündet worden war, reichen die Empfindungen der Betroffenen von Schockstarre über Verunsicherung bis zu Kampfgeist. Verunsichert sind die werdenden Mütter, die nun wohl aufs Festland müssen, obwohl sie sich darauf eingestellt hatten, in einigen Monaten ihr Kind in Wyk, unterstützt von der vertrauten Frauenärztin und der vertrauten Hebamme, zur Welt zu bringen. Verunsichert sind auch Gynäkologin Juliane Engel und die drei Insel-Hebammen Kirsten Rickmers und Kerstin Lauterberg (Föhr) sowie Antje Hinrichsen (Amrum).

Denn der Klinikchef hatte die Schließung der Geburtshilfe unter anderem mit einem hohen Haftungsrisiko und Engpässen in der Laborversorgung begründet. Ursprünglich hatte Pietrowski die Schließung auf den 1. Oktober terminiert, der Geburtshilfe dann aber doch noch eine Schonfrist bis zum 1. Dezember eingeräumt. Doch was ist, wenn während dieser Schonfrist irgendetwas schiefgeht, fragt sich Juliane Engel, ob sie, nachdem der Klinik-Geschäftsführer das Haftungsrisiko benannt hat, in den nächsten Wochen überhaupt noch bei Entbindungen tätig werden darf.

Schiefgegangen, das bestätigt Kirsten Rickmers, ist in der Wyker Klinik allerdings seit vielen, vielen Jahren keine Geburt. An einen einzigen Fall kann die erfahrene Hebamme sich erinnern, und der liege über 20 Jahre zurück. Rickmers war übrigens just an dem Tag, an dem Pietrowski die Schließung der Wyker Geburtshilfe verkündete, 25 Jahre dort tätig. „Ich kam gerade aus dem Kreißsaal, als der Geschäftsführer mich anrief, und dachte, er wolle mir zum Dienstjubiläum gratulieren“, war sie vom tatsächlichen Grund des Anrufs noch Tage später völlig vor den Kopf gestoßen.

„Wir sind sehr sehr vorsichtig“, berichtet Rickmers, dass werdende Mütter, bei denen sich nur das geringste Risiko abzeichne, ohnehin an größere Kliniken auf dem Festland überwiesen würden. „Ich bin überzeugt davon, dass wir auch während einer Geburt auftretende Risiken wesentlich besser beurteilen können als das in großen Häusern der Fall ist, in denen sich Hebammen gleichzeitig um fünf oder sechs Frauen kümmern müssen“, ergänzt Kerstin Lauterberg.

Doch nun sollen bald alle schwangeren Insulanerinnen in größeren Häusern entbinden und möglichst schon zwei Wochen vor dem Geburtstermin aufs Festland fahren. Nicht nur für Kristina Hommel eine Horrorvorstellung. Die Föhrerin erwartet Mitte Februar ihr zweites Kind und fragt sich, was in dieser Zeit aus ihrem dreijährigen Sohn Justus wird. „Wenn ich nicht schon schwanger wäre, weiß ich nicht, ob ich jetzt noch ein Kind kriegen würde. Man sollte nicht ältere Geschwister zu Leidtragenden machen“. Es sei enorm wichtig, dass in Notsituationen auf der Insel ein Kreißsaal und ein Geburtshilfeteam vorhanden seien, ist die junge Mutter überzeugt, „denn was ist, wenn plötzlich ein Blasensprung eintritt, das Kind die Nabelschnur um den Hals gewickelt hat und das Wetter so schlecht ist, dass weder Hubschrauber noch Rettungskreuzer kommen können?“ fragt sie. Letztendlich bedeute eine Schließung der Geburtshilfe nicht mehr, sondern weniger Sicherheit, fürchtet nicht nur Kristina Hommel. „Selbst im Sommer kann der Hubschrauber oft nicht fliegen, weil Nebel ist“, weiß Ann Diekmann. Die junge Föhrer Ärztin hat ihren Sohn Luke in Wyk zur Welt gebracht und sich, so betont sie, „sicherer gefühlt, als in jeder Uniklinik“.

Ähnlich ergeht es auch Rebecca Lehmann, die unmittelbar vor der Geburt ihres vierten Kindes steht. Ihre beiden ersten Kinder hat die Wyker Apothekerin in großen Kliniken in Düsseldorf bekommen und erinnert sich noch genau an die anonyme Massenabfertigung, die in krassem Gegensatz zu dem stand, was sie bei ihrer dritten Entbindung auf Föhr erlebt hat. „Wenn wir uns auf der Insel ein Krankenhaus leisten, dann muss es auch alle Stationen haben, da darf nicht selektiert werden“, fürchtet Lehmann, dass die Schließung der Geburtshilfe nur der Anfang vom Ende der Inselklinik ist.

Eine Befürchtung, die auch ihre Amrumer Kollegin Sibylle Franz teilt. „Den Gedanken, dass die die ganze Klinik schließen wollen, muss man leider auch haben. Und das geht gar nicht“, betont die Vorsitzende des Krankenhausfördervereins. Der hat in den zurückliegenden Jahren nicht nur große Summen in den Kreißsaal investiert, um diesen auf den neuesten, sicheren Stand zu bringen, sondern auch weitere Anschaffungen für das Krankenhaus finanziert, die eigentlich Sache der Klinik wären. So wie den neuen Sterilisator, für den der Förderverein vor fünf Jahren 100  000 Euro locker gemacht hat, und der vor einigen Wochen stillgelegt wurde. Davon erfahren hat der Förderverein übrigens erst jetzt, ganz zufällig.

„Das Gefühl drängt sich auf, dass hier ein Nagel eingeschlagen wurde, an dem auch anderes aufgehängt werden soll“, teilt auch Dr. Andreas Müller, einer der beiden Chefärzte der chirurgischen Abteilung, die Sorgen um den Bestand des Krankenhauses. Dabei habe dessen Verlust unabsehbare Folgen nicht nur für die Versorgung der Bevölkerung. Die Existenz der Rehakliniken hänge von der Anbindung an ein Akutkrankenhaus ab und auch viele ältere Gäste würden bei der Wahl ihres Urlaubsziels auf das Vorhandensein eines Krankenhauses achten. Somit hingen auch viele Arbeitsplätze auf der Insel vom Fortbestand der Klinik ab.

Für Katrin Petersen und ihre Mitstreiter von der Elterninitiative gegen die Schließung der Wyker Geburtshilfe ist es deshalb „wirklich wirklich wichtig, das am Mittwoch unglaublich viele Menschen kommen“. Denn, so Petersen, „Wenn die Geburtshilfe wegfällt, ist das ganze Wyker Krankenhaus in Gefahr“.

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erstellt am 23.Sep.2015 | 00:15 Uhr

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