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Auf Föhr und amrum : Toller Endspurt nötigt Respekt ab

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Quer durch die Parteien auf den Inseln wird dem Wahlsieger eine gute Aufholjagd bescheinigt. Eine Jamaika-Koalition gilt als bevorzugtes Modell.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2017 | 12:30 Uhr

So wirklich viel hat sich am Wählerverhalten auf den Inseln gegenüber der Landtagswahl vor fünf Jahren nicht geändert – zumindest, was die etablierten Parteien angeht. Die CDU blieb in allen Inselorten mit Abstand stärkste Kraft, die SPD und die Grünen behaupteten sich auf den Rängen zwei und drei und die FDP schnitt überall auf Föhr und Amrum ähnlich stark ab, wie 2012. Größere Abweichungen zu den Ergebnissen vor fünf Jahren hatten die Etablierten vor allem in den kleinsten Inselgemeinden zu verbuchen, da, wo Prozentzahlen bereits dramatisch rauf- oder runterschnellen, wenn sich nur ein Wähler umentschieden hat.

Anders der SSW, dem offenbar die fünf Jahre Regierungsbeteiligung in der Wählerwahrnehmung auf den Inseln nicht gut getan haben – fast überall auf Föhr und Amrum musste die Partei der dänischen und friesischen Minderheit Federn lassen. Und die Piraten, Senkrechtstarter der Wahl 2012, dümpelten dieses Mal nur noch irgendwo zwischen null und einem Prozent. Neuer Senkrechtstarter bei der Landtagswahl 2017 auf Föhr ist die Partei Zukunft.SH, die in etlichen Inselorten deutlich über fünf, teilweise sogar an die neun Prozent erreichte – offenbar ein Heimspiel für den Wyker Mitbegründer Markus Herpich. Ein Heimvorteil, von dem auf Amrum schon nichts mehr zu spüren war, dort rangierte Z.SH unter ferner liefen.

„Das Wahlergebnis ist toll, das hat Daniel Günther in der kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung stand, gut hingekriegt“, war Wyks Bürgermeister Paul Raffelhüschen (CDU) gestern voll des Lobes für die Landespartei. Er räumte freimütig ein, trotz aller Prognosen nicht mit einem Machtwechsel gerechnet zu haben. Von einer tollen Aufholjagd in den letzten Wochen sprach auch Claudia Andresen. Insbesondere begrüßte die Wyker CDU-Fraktionssprecherin, „dass endlich auch mal nach Inhalten gewählt wurde“. Ganz besonders über das gute Abschneiden von Ingbert Liebing freute sich Cornelius Bendixen, Ortsvorsitzender der CDU Amrum. Er zollte aber auch dem Wahlsieger Daniel Günther Respekt, der schließlich als Spitzenkandidat von Liebing vorgeschlagen worden sei.

Dass die nun folgenden Koalitionsgespräche schwierig werden, erwarten die CDU-Politiker unisono. „Ich könnte mir sehr gut eine Jamaika-Koalition vorstellen“, erteilt Raffelhüschen einer großen Koalition eine klare Abfuhr, und ist damit auf einer Linie mit Ole Sieck. Denn dass die Gespräche am Ende auf Schwarz-Gelb-Grün hinauslaufen, davon ist der Vorsitzende der CDU Föhr-Land ebenfalls überzeugt. Und auch Andresen hätte nach eigenen Worten keine Probleme mit dem bisherigen Küstenkoalitions-Partner.

„Wir haben verloren, warum auch immer. Es ist müßig, im Nachhinein über das Ergebnis zu spekulieren“, kommentierte gestern kurz und knapp Peter Schaper, Fraktionssprecher der SPD in Wyk, das Wahldebakel seiner Partei. Er hielt es für möglich, dass eine gewisse Selbstsicherheit und -zufriedenheit auf der Zielgeraden des Wahlkampfs dafür gesorgt hatte, dass der nötige Elan fehlte. Schade sei das Ergebnis, denn die Küstenkoalition habe gute Arbeit geleistet. Das werde durchaus auch überparteilich anerkannt. Nun Torsten Albig allein zum Sündenbock zu machen, hält Schaper für falsch: „Dadurch lässt sich der prozentuale Unterschied am Wahltag nicht begründen“. Vielmehr gelte es, nach vorn zu schauen. Entscheidend sei, dass Schleswig-Holstein eine gute Regierung habe. Ob diese am Ende von der CDU geführt werde, müsse sich zeigen.

Eine Meinung, die Carl-Hermann Klüßendorf, Vorstandsmitglied des Amrumer SPD-Ortsvereins, gestern teilte. „Noch ist das Machtstreben der SPD nicht ausgereizt, warten wir ab, was die Gespräche am Ende ergeben“. Das Ergebnis habe ihn überrascht, so Klüßendorf, der es bedauerte, „dass die ganze Mannschaft bestraft wurde“. Denn es scheine, dass eher gefühlsmäßig entschieden wurde, weniger auf sachlicher Ebene. Damit allerdings müsse eine Demokratie leben können.

„Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, so Till Müller, Fraktionssprecher der Grünen in Wyk, zum Wahlausgang. „Ich war sehr glücklich über unser Ergebnis und bedaure sehr, dass die Küstenkoalition abgewählt wurde.“ Die nun anstehenden Gespräche für eine künftige Koalition mit der CDU hält auch Müller für schwierig. „Bei vielen Themen liegen wir teilweise schon sehr weit auseinander.“ Ohne Zweifel sei die SPD eingebrochen. Dass dafür nun Torsten Albig allein die Schuld tragen soll, hält auch Müller für falsch. Schließlich hätten alle den Wahlkampf mitgestaltet und mitgetragen.

Zehn Prozent plus x lautete das Wahlziel, das die FDP auch erreicht hat. Für das Föhrer FDP-Urgestein Bernd Wigger ein Triumph und eine Bürde zugleich. Denn es werde schwierig, dieses Ergebnis mit dann vielleicht anderen Personen zu wiederholen. Überrascht zeigte sich Wigger weniger von dem Wahlergebnis, als vielmehr von der lautstarken Diskussion über mögliche Regierungsbildungen. Schließlich sei die SPD eindeutig abgewählt worden. „Die Partei kommt für mich momentan gar nicht in Betracht“, hofft auch Wigger auf ein künftiges Bündnis von Schwarz-Gelb-Grün.

„Ich finde unser Ergebnis nach so kurzer Zeit, die wir dabei sind, nicht so schlecht“, zog Politik-Neuling Markus Herpich gestern ein eher zufriedenes Fazit. Zumal, so der Mitbegründer der Partei Zukunft.SH, „die Informationispolitik des Kreises über unser Bürgerbegehren zur Zukunft der medizinischen Grundversorgung im Vorfeld einseitig war, wir mehr oder weniger als die Deppen dargestellt wurden und uns nur Steine in den Weg gelegt wurden“. Dennoch habe man auf Föhr sehr gute Ergebnisse erzielt. Womit Herpich gerechnet hatte, „denn hier ist die Hoffnung weiterhin sehr groß, dass die Geburtsstation wieder geöffnet wird“. Entmutigt ist der Föhrer von den 1,9 Prozent nicht. „Wir werden als Partei weitermachen, Mitglieder gewinnen und uns breiter aufstellen. Für Themen wie Windkraft oder Bildung wollen wir uns mehr als ohnehin schon öffnen und dies noch mehr in die Öffentlichkeit transportieren.“

Als „Außenstehende“ beleuchtete Dr. Silke Ofterdinger-Daegel das Wahlergebnis, das als Höhepunkt einer spannenden Entwicklung überraschend gewesen sei. Aus kommunaler Sicht bewertete die Fraktionssprecherin der Kommunalen Gemeinschaft in Wyk den Ausgang eher zurückhaltend. Viele guten Sachen seien in der Vergangenheit von der Küstenkoalition angeschoben worden. Man könne nur hoffen, dass diese nun weitergeführt würden. Eine Jamaika-Koalition hält Ofterdinger-Daegel für wahrscheinlich, eine Ampel-Koalition – dann allerdings ohne Torsten Albig – für möglich.

Der Ausgang des Bürgerentscheids überraschte die KG-Politikerin nicht. Sie kritisierte, dass ein Nein nur auf den Inseln diskutiert worden sei. „Ich finde es schade, dass niemand über eine Alternative zur Geburtsstation in Husum nachdenkt.“

Dass das Ergebnis beim Bürgerentscheid absehbar gewesen sei, befand auch Markus Herpich, der vor allem den Nein-Anteil der Stimmen lobte. Allerdings sei die Fragestellung derart unkonkret gewesen, dass der Kreis das Geld nun für alles Mögliche verwenden könne. „Ich persönlich glaube nichts von dem, was jetzt alles angekündigt wird.“

Das sehen die übrigen Parteien-Vertreter auf Föhr und Amrum anders, die durch die Bank zufrieden mit dem Ergebnis waren. Peter Schaper begrüßte, dass nun Investitionen getätigt werden können. „Für Nordfriesland ist das eine gute Sache, für Föhr sind die Probleme damit allerdings noch nicht gelöst“, sagte der SPD-Politiker. Froh, dass die Gelder nun eingesetzt werden können, ist auch Claudia Andresen, die ebenfalls den Finger in die Wunde legte und betonte: „Glücklicher wäre ich, wenn ein Teil der Gelder in die Föhrer Geburtsstation fließen würde.“ Und Paul Raffelhüschen war erstaunt über die vielen Nein-Stimmen. Scheinbar seien viele Wähler verunsichert und falsch informiert gewesen und hätten nicht verstanden, dass das Krankenhaus in Wyk nicht geschlossen werden soll.

Keine zwei Meinungen gab es in Sachen Wahlbeteiligung, die Till Müller als „schon fast peinlich“ bezeichnete. Dass sie beim Bürgerentscheid höher war, zeige, wo die Menschen die Schwerpunkte setzen: „Hier waren sie direkt betroffen“.

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