Auf Föhr : Stricken, hamstern, ackern

Für Kinder war der Erste Weltkrieg eine schwere Zeit.
Für Kinder war der Erste Weltkrieg eine schwere Zeit.

Eine unbeschwerte Kindheit gab es im Ersten Weltkrieg auch auf der Insel nur selten. Vor 100 Jahren prägten Mangel und Verluste das Leben schon der Jüngsten.

shz.de von
30. März 2017, 18:30 Uhr

Die damals 16-jährige Agnes Osning sitzt im März 1917 im „Haus Tanneck“, wo sie in Stellung ist, und schreibt. Das wird sie ihr ganzes Leben lang tun – sich mit abgeschriebenen Aphorismen und Gedichten oder eigenen, kurzen Erinnerungsskizzen die Seele erleichtern. „Das Vaterhaus“ heißt das Gedicht vom März 1917 und beginnt mit den Zeilen. „Die ihr noch wohnt im Kreis der Lieben“. Für Agnes ist diese Zeit schon länger vorbei. Gleich nach der Schule muss sie arbeiten gehen, um die Familie zu unterstützen. Ihr Herz ist schwer. Im vorigen Jahr hat sie ihren Vater Julius durch Krankheit verloren, mit der Mutter versteht sie sich nicht, und der Bruder Sievert ist im Krieg. Viele, viele Postkarten, immer mit Wyker Ansichten, gehen im Laufe der Zeit an den Grenadier im 1. Badischen Grenadier Regiment Nr. 109, „28. Division, Im Westen“. Agnes hat Glück, ihr Bruder Sievert wird zurückkommen.

Vorne in dem Poesiealbum haben sich Freundinnen und Mitschülerinnen eingetragen. Die Brüder von Christine Ipsen, Johanna Okkens, Anna Gries und Margarethe Sönksen, die zwei Brüder nie mehr wiedersehen sollte, fallen. Auch ihre Mitschüler Ernst Brix und Adolf Dreesen gehören zu den Opfern des 1. Weltkriegs.

Noch immer kommen im Sommer einige Kurgäste nach Föhr – ein kleines Stückchen Normalität für das vom Krieg geprägte Inselleben. Selbst die Kleineren wissen, um was es geht. So berichtet die 1911 geborene Sophie Friedrichsen: „Mit meiner Cousine Mimi habe ich mal versucht, auf dem Lande zu hamstern – es wurde aber streng überwacht von der Gendarmerie. Meine Cousine hatte Konfirmation, und ihre Mutter wollte zu dieser Feier doch Kuchen backen – aber wir hatten keine Eier. So zogen wir im dicken Schnee und mit schlechten Kriegsschuhen von Bauer zu Bauer und bekamen überall ein ‚Nein‘ zu hören. Als wir schon ganz mutlos waren, gab uns eine alte Frau in Wrixum zehn Eier aus einer Kiste im Flur. Wie schnell sind wir da nach Hause gerannt! ... Wir Kinder empfanden es als selbstverständlich, dass wir täglich loszogen, um Holz zu sammeln, ob am Strand oder an den Knicks. Oft frage ich mich, wie meine kleinen Beine diese weiten Wege geschafft haben.“

An der sogenannten Heimatfront kann man immer weniger auf die Arbeitskraft der Kinder verzichten. Oldsumer Schüler und Schülerinnen schicken 1914 „Liebesgaben an die Hindenburg-Armee“, in der „Reichswollwoche“ 1915 sammeln Midlumer Schulkinder alte Wollsachen, aber auch Blei, Zinn, Kupfer und Gummi für die Sammelstelle in Spandau. Ähren, Kümmel, Kamillen, Champignons und Brombeerblätter werden gesammelt, zum Teil zur Herstellung von Medikamenten. In Goting bringen die Kinder vom Februar bis zum Juni 1918 über 180 Kilogramm Knochen, 72 Kilogramm Kork und 700 Gramm Frauenhaar zusammen. Alles für die Kriegswirtschaft. Auch an den Kriegsanleihen beteiligen sie sich immer wieder – Alkersumer Schulkinder mit 700 Mark, und in Wyk bitten Kinder unter dem Einfluss des Lehrers ihre Eltern, Kriegsanleihen zu zeichnen.

Junge Midlumerinnnen stricken für die Männer im Feld, wobei das Garn von vorher gesammeltem Geld bezahlt wird. Wyker Schulkinder pflanzen unter der Anleitung ihrer Lehrer Kartoffeln auf dem Dreieck an und verteilen sie an Bedürftige. Daneben sind viele Kinder für Landarbeit dispensiert, um die Arbeiten der im Feld stehenden Männer zu übernehmen. Sie besuchen nur noch unregelmäßig die Schule. Oldsumer Schulkinder züchten Kaninchen und verdienen damit 250 Mark. Alkersumer Schulkinder verkaufen 60 Postkarten „Weihnachtsgruß Sr. Majestät des Kaisers“ für zwölf Mark. Und alles wird gespendet oder für Liebesgaben an die Männer im Feld ausgegeben.

Schulkinder aus Alkersum spenden 1916 für Kriegswaisen, von denen es nun schon einige gibt, wie die zweijährige Magda Limbrecht, später verheiratete Schimmelfeder, oder die fünf Kinder der Oldsumer Kaufmannsfrau Klara Rickmers. Schulkinder aus Goting sammeln für zwei kriegsversehrte Soldaten aus Oldsum und Alkersum, damit sie Korbmacher beziehungsweise Schuhmacher werden können. Schon früh sind die jungen Föhrer in Kontakt mit den Kriegsfolgen gekommen. Als im August 1914 Soldaten der Seeschlacht bei Helgoland auf Föhr angetrieben wurden, waren es Föhrer Kinder, die ihre Gräber mit Kränzen und Blumen schmückten.

Aber es gibt auch leichtere Tage. Besonders zu Beginn des Krieges, wenn es schulfrei gibt wegen der siegreichen Masurenschlacht, dem vermeintlichen Sieg in der Skagerrak-Schlacht, für den Karpatensieg oder die Wiedereroberung Lembergs. Auch die Kaisergeburtstage werden bis 1918 gefeiert, ebenso Bismarcks 100. Geburtstag und das 500-jährige Bestehen des Hauses Hohenzollern. Die Jubelfeiern aber werden weniger. Schulfrei gibt es 1917 aus ganz anderen Gründen. Die Unterrichtsräume können nicht mehr geheizt werden. „Kältefrei“ ist ein neues Wort im deutschen Sprachgebrauch. Ihre Aufgaben holen sich die Inselkinder in der Schule ab und nehmen sie mit nach Hause. Der jahrelange Mangel zeigt nun seine Auswirkungen bei den Kindern Föhrs. In Goting wird ein Schüler Opfer einer Scharlachepedemie. 1918 erfasst die Spanische Grippe auch Föhr. In Midlum und Oldsum sind fast alle Kinder krank, in Alkersum sterben Schulkinder an Diphterie.

Christina Martens aus Nieblum meint zunächst: „Das Gute war, dass der Krieg ganz, ganz weit weg war“. Aber dann sagt sie: „Als dann 1917 unser Bruder Nanning, noch nicht 18-jährig, eingezogen wurde, da schien das Grauen näher zu rücken. Alles was Krieg und Soldatsein hieß, das war seinem Wesen so fremd und sein Abschied war ein Losreißen von Scheune und Stall, Acker und Vieh, den vertrauten Räumen und geliebten Menschen.“

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