Rüm-Hart-Schule : Spielend Stärken stärken

Viel Spaß haben die Kinder auch in der Pause. Die Menschenpyramide ist gerade eingestürzt.
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Viel Spaß haben die Kinder auch in der Pause. Die Menschenpyramide ist gerade eingestürzt.

Unterricht einmal anders: Wyker Grundschüler lernen an zwei Tagen, wie man mit Konflikten und Stress-Situationen umgeht.

shz.de von
30. März 2017, 12:45 Uhr

22 Kinder sitzen auf Bänken in einem Halbkreis. In der Mitte steht ein erwachsener Mann, seine Augen sind von einer Schlafbrille verdeckt. An seiner Seite steht Paulina. Die Schülerin gibt ihm Anweisungen, wohin er laufen soll. „Ein bisschen nach links. Dann etwas gehen. Stooop!“, ruft sie. Fast wäre der Mann in die sitzenden Kinder hineingelaufen. Diese lachen kurz auf, verfolgen anschließend gespannt, wie Paulina ihn zu einem Stoffball führt, er diesen aufhebt und ins Ziel, ein weißes Plakat an der Wand, wirft. Jubel bricht aus.

Dirk Buhmann nimmt die Schlafbrille ab und hockt sich wieder zu den Kindern. Der Sozialpädagoge leitet den zweitägigen Kurs „Stärken stärken“, der gerade an der Rüm-Hart-Schule in Wyk stattfindet. Die Schüler der dritten und vierten Klasse sollen zum einen ihre eigenen Stärken und Schwächen erkennen und dadurch Selbstvertrauen gewinnen. Zudem soll die Veranstaltung den Kindern zeigen, wie man mit Konflikt- und Stresssituationen umgeht. „Wir machen hier Grenzerfahrungen, es werden auch pädagogische Kämpfe ausgeführt. Die Kinder sollen lernen, sich selbst und andere zu loben. Und sich in andere hineinzuversetzen. Beispielsweise wie es ist, als letztes in ein Team gewählt zu werden“, so Buhmann. Es gehe vor allem darum, dass die Kinder ihre Angst ablegen, zu verlieren. Der ganze Lernprozess soll spielerisch und mit viel Spaß ablaufen.

Dazu gehören viele verschiedene Übungen. Buhmann erklärt gerade das nächste Spiel: Die Kinder sollen sich in Zweier-Teams zusammentun. Einer bekommt die Augen verbunden, der andere muss ihn mit Worten durch die Halle leiten. Ziel ist es, den „Blinden“ zu einem der Stoffbälle im Raum zu führen, dieser muss ihn aufheben und damit einen anderen „Blinden“ abwerfen. Dies kann von dessen Begleiter verhindert werden, indem er sich etwa vor ihn stellt. Wird ein „Blinder“ getroffen, muss sein Begleiter drei Kniebeugen machen.

Es geht los. Sogleich bricht lautes Geschrei aus. Die Teams brauchen ein paar Minuten, um sich in der neuen Situation zurecht zufinden. Doch schon bald fliegen die ersten Bälle durch die Luft.

„Das ist ein Spiel, wo man schnell die Muster der einzelnen Schüler erkennt“, sagt Buhmann. „Klassen-Clowns, Raufbolde, Kinder, die sich generell nicht an die Regeln halten, Anführer oder auch Kinder, denen es schwer fällt zu reden.“ Aber genau darum gehe es. „Hier kommt es auf Vertrauen, Kommunikation und Nähe zulassen an“, sagt der Experte. Die Schüler mit den verbundenen Augen seien ganz auf die Hilfe ihres Partners angewiesen. Wichtig für den Erfolg des Trainings sei auch, dass die Klassenlehrer dabei sind, damit das Training nachhaltig wirkt. Das sieht auch der Schulleiter Christoph Steier so. „Die Plakate mit Spielregeln, die hier erarbeitet wurden, werden später auch in der Klasse aufgehängt. So können wir uns immer wieder darauf zurückbeziehen“, erklärt er. Möglich wurde das Projekt mit der Unterstützung der Föhr-Amrumer Bank. In der Überlegung sei, so Steier, das Training alle zwei Jahre zu wiederholen, damit die Grundschüler es zwei Mal mitmachen. In den Kindertagesstätten und der weiterführenden Schule werde es ebenfalls angeboten. So werden die Kompetenzen nachhaltig vermittelt. „Für uns Lehrkräfte ist es wichtig, sich während der Veranstaltungen zurückzuhalten. Als Außenstehender bekommt man nochmal einen ganz anderen Blick auf die Kinder und ihr Verhalten“, sagt Steier. Es sei sehr interessant zu sehen, wie sie mit anderen Autoritätspersonen umgehen.

Dirk Buhmann kommt bereits seit mehreren Jahren an die Wyker Grundschule. Insgesamt seit 13 Jahren gibt er solche Kurse. Seit neun Jahren arbeitet er freiberuflich für das Institut für Gewaltprävention, Selbstbehauptung und Konflikttraining.

Reflexion, so sagt er, sei ganz wichtig, damit die Kinder verstehen, was sie gerade machen. Am Ende holt Buhmann die Schüler deshalb noch einmal zurück in den Kreis und fragt: „Was war das Wichtigste bei diesem Spiel?“ Vertrauen, Fairness, Teamwork, Zuhören und miteinander sprechen, Aufmerksamkeit, nicht schummeln – so lauten ein paar der Antworten der Kinder.

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