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Alle drei Jahre: : Singende und tanzende Insulaner

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Friesische Lieder von Föhrer und Amrumer Chören: Rund 200 Gäste sorgen für eine eindrucksvolle Kulisse bei der Veranstaltung „Frisia cantat“.

shz.de von
erstellt am 18.Sep.2015 | 09:00 Uhr

Man hat ja keine Vorstellung davon, wie das aussieht, wenn sich die Chöre von Föhr und Amrum zum gemeinsamen Singen treffen. Zwei kleine Inseln, ein paar Leutchen, friesisches Liedgut, Verbeugung, Klatschen und Tschüs – denkt man. Und dann kommt man in das Norddorfer Gemeindehaus, wo Frauen in weißen Blusen und Männer in dunklen Anzügen dicht an dicht an langen Tischen sitzen, die Luft voll von Stimmen und Essensduft, und kommt sich vor wie beim traditionellen Grünkohlessen der Hamburger Reeder im Festsaal der Stadt: Großartige Kulisse und jetzt schon große Stimmung. „High end, wod ik sai“ frieselte jemand.

Im Norddorfer Gemeindehaus gab es Gulasch, Kartoffeln und Krautsalat, zubereitet von einem Chormitglied mit (professionellen) Kocheigenschaften. Nach der Eröffnung durch Gerd Grevenitz, dem Vorsitzenden des Gesangvereins Norddorf, gab es eine Stunde Tischgespräch zum leckerem Essen für knapp 200 Leute. So viele waren zu dem Chortreffen gekommen, das die Föhrer und Amrumer nun seit 57 Jahren alle drei Jahre abwechselnd ausrichten. Und auch wenn das Repertoire der einzelnen Sangesgemeinschaften deutlich über friesisches Liedgut hinausgeht, ist die Devise für diesen Abend ganz klar: Es wird Friesisch gesungen.

Fünf Chöre, je drei Lieder. Wobei eins davon oft neu ist, entweder mit neuem, friesischem Text zu einer wohl bekannten Melodie oder – sehr charmant – ein altes Kleinod, ausgegraben und zur Premiere vorgetragen bei diesem Chortreffen. So wie „Harewstinjem“ (Herbstabend) von den „Feer Ladies“. Die Moll-Version eines altbekannten Liedes, die wieder das Licht der Chorwelt erblickte. Mit der Dur-Version warteten gleich zwei Chöre auf, was natürlich nicht beabsichtigt war, aber bei der Planung wegen der Angabe unterschiedlicher Liedtitel nicht erkannt wurde. Egal – dieses Dreierlei von sehnsuchtsvollen Herbstabenden veranlasste Jens Quedens, den Vorsitzenden des Öömrang Ferian, zu einer kreativen Tat: er schrieb mal eben zwei neue Strophen für die Melodie, die er später auf der Bühne unter großem Gelächter und Beifall vortrug.

Zurück zur Musik: Die „Feer Ladies“, in Lila, eine erfrischende Föhrer Frauentruppe, belustigte das Publikum unter anderem mit dem Song der „Smok Tille“, der hübschen Tilla, die – leider – der Farbe Lila verfallen, einmal in Seenot geraten, den roten Rettungsring verschmähte und lieber ersoff, als ihre modische Überzeugung zu verraten. Auch schön und selten noch zu sehen: eine Melodica, die Leiterin Birke Buchhorn-Licht kurzzeitig spielte.

Der Norddorfer Gesangverein spürte den Heimvorteil schon beim Betreten der Bühne, er wurde förmlich dorthin geklatscht. Die Damen und Herren um Sylvia Hocke hatten mit „Nuurdlaacht“ (Nordlicht) ein neues Lied von Amrums altem Leuchtturmwärter Arthur Kruse im Repertoire. Ein starker Chor mit vielen Stimmen. Die Amrumer Gesichter, die man dort vermisste, traf man beim Auftritt des Nebeler Rüm-Hart-Chores. Was einmal mehr zeigt, wie tief Singen – gemeinsames Singen – in der Gesellschaft dieser Inseln verwurzelt ist. Irgendwie scheint jeder, den man kennt, in einem Chor zu sein. Was ja auch eine tolle Aufgabe ist für lange Winter.

Fast alle Gruppen proben in der dunklen Jahreszeit mindestens einmal wöchentlich. Während einige Proberäume im Sommer durch den Tourismus belegt sind, können andere ihr Singdomizil weiter nutzen. Und alle singen im Sommer auch für die Feriengäste und oft über die Inselgestade hinaus. „Es ist auch schön, dass man mit diesen friesischen Liedern so viele Menschen verbinden kann“, hörte man oft an diesem Abend. Der Rüm-Hart-Chor also, der von Inken Rolfs wunderbar enthusiastisch dirigiert wurde, begeisterte mit einem Harry-Belafonte-Stück, dem man friesischen Text beigegeben hatte: „A winj as üüsens san“ (Der Wind ist unsere Sonne).

Eigentlich war vielen Liedern immer genau ein Gefühl inne: meine Heimat, meine Insel, egal ob Wind, ob Sturm. Heimweh, Liebe, Wiederkehr. Was man eben so im Herzen trägt, wenn man auf zwei der schönsten Inseln der Welt wohnt …

Als der Männergesangverein Föhr-West mit Roluf Henning voran sein „Somerinj“ (Sommerabend) in den Saal sang, das Lied von dem jungen Mann und seiner Liebsten abends am Deich von Utersum mit der Sonne hinter Amrum, da spürte man wieder diese unglaublich gute Akustik des Hauses, die einen glauben ließ, nicht nur die 24 Menschen dort vorn singen, sondern der ganze Saal tut es. Mit Begeisterung wurde auch die Idee vom Gemischten Chor Nieblum beklatscht, der, unter der Leitung von Monika Reincke, das Vaterunser auf Friesisch sang. Da war es kurzzeitig still wie in einer Kirche.

Einen Traumjob hatte/machte DJ Oliver Heckel, der, als er sich erstmals am Abend mit dem Holstein-Lied Gehör verschaffte, die Reihen sofort zum Schunkeln brachte, dann nachlegte und sieben Minuten später mit einer knallvollen Tanzfläche belohnt wurde. Die Regler leiser drehen musste Heckel immer dann, wenn links von ihm aus dem Saal wieder friesisches Liedgut erscholl, unangemeldet eingeschoben von mal der einen, mal der anderen Chorfraktion. Die Amrumer, traditionell wohl die Zurückhaltenderen, machten sich zwischendurch schon spaßeshalber Sorgen, ihre Amrum-Hymne „Min öömrang lun“ (Mein Amrumer Land) nicht anbringen zu können, weil die Föhrer mit ihrem „Min eilun feer“ (Meine Insel Föhr) und regelmäßig nachgelegten Liedern gar keine Lücke ließen. Aber natürlich schallte dann auch bald Amrums Lied durch das Gemeindehaus. Jeder fiel in den Gesang des anderen ein. So ging das immer hin und her.

Als gegen Mitternacht die „Hauke Haien“ nach Föhr ablegen musste, mit diesen singenden Frau- und Mannschaften an Bord, da war das Fest für die meisten im Herzen noch voll im Gange.

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