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Gnadenfrist für Bauernhof : Schwere Geburt nach reger Diskussion

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Finanzausschuss verschiebt Beschluss über Abriss des Fritsch-Hofes um drei Monate. Stadt hofft auf Käufer für die maroden Gebäude.

von
erstellt am 21.Jul.2017 | 12:30 Uhr

Der ehemalige Fritsch-Hof im Wyker Gewerbegebiet wird vorerst nicht abgerissen. Auf eine Drei-Monats-Schonfrist einigte sich der Finanzausschuss in seiner jüngsten Sitzung mit fünf Ja- und drei Nein-Stimmen. Eine Niederlage für Wyks Bürgermeister Paul Raffelhüschen (CDU), der sich vehement für einen Abriss eingesetzt hatte. Nicht wenige Mitglieder des Gremiums fühlten sich von der Beschlussvorlage überfahren, denn eine eindeutige Entscheidung pro Abriss hatte es zuvor in keinem Wyker Ausschuss gegeben.

Hintergrund: 2012 hatte die Stadt das Grundstück erworben. Seinerzeit mit der Absicht, dass der Hafenbetrieb dort Einzug halten sollte. 120  000 Euro wurden vorsorglich für einen möglichen Abriss in den Haushalt eingestellt, die nie Verwendung fanden. Denn mittlerweile gehören der Stadt weitere Flächen am Klärwerk, der Bauhof soll nun in direkter Nachbarschaft zu dem vorhandenen Grünbau-Betrieb angesiedelt werden. Dennoch hat der Bürgermeister die Ausschreibung für den Abbruch jetzt auf den Weg gebracht. Rechtlich in Ordnung, da das Geld für diesen Zweck im Haushalt geparkt war. Das günstigste Angebot, das mit gut 150  000 Euro die bewilligte Summe deutlich überschreitet, sollte der Finanzausschuss nun abnicken.

Das von Schimmel befallene Wohnhaus, leckende Heizkörper und Wasserschäden im Gebäude ließen keine Alternative, argumentierte das Stadtoberhaupt vor dem Ausschuss. Ähnliches gelte für die ehemaligen Stallungen. Hier hätten durch gelagerten Kuhmist freigesetzte Ammoniak-Gase die Stahlträger derart angegriffen, dass das Gebäude zusammenbrechen könnte, berief sich Raffelhüschen auf den Rat von Fachleuten. Auch der Boden müsse aufwendig bebaubar gemacht werden. Der weist, der Tierhaltung geschuldet, unterschiedliche Höhenebenen auf. Zudem hatte der Bauer die Laufbetonwege aus den Güllekanälen entnommen; das Befahren der entstandenen Spalten mit schwerem Gerät ist daher mit Risiken verbunden.

Die Aktion sei übereilt und ein großer Fehler, hielt Otto-Eberhard Schaefer (KG) dagegen. „Ich sehe keinen Grund, den Hof jetzt wegzureißen, um dann nachzudenken, was wir machen“, verwies der Stadtvertreter auf das fehlende Konzept. Dabei geht es Schaefer weniger um das Wohnhaus, dessen Zustand er für nicht so dramatisch hält. Eine Nutzung für Büroräume ist aus seiner Sicht durchaus möglich. Schaefer setzt sich vielmehr vehement für den Erhalt der Halle ein, die für Handwerker interessant sein könnte. Diese, eine Leimbinderhalle, verfüge über einen soliden Untergrund und auch das Dach sei – bis auf zwei fehlende Platten – in Ordnung. „Als das gebaut wurde, wurde bis auf vier Meter runtergebaggert und mit Beton aufgefüllt“, betonte Schaefer. Für ihn ein wichtiges Argument für künftige Firmen, im Gewerbegebiet, wo auch andere Betriebe für aufwendige Gründungen vier Meter ausgekoffert hätten.

Eine Ansicht, die Holger Frädrich (SPD) teilt. Der galt an diesem Abend allerdings als befangen und nahm an der Diskussion nicht teil. Wie Schaefer nutzt auch Frädrich das Gelände: Noch bis zum August ist dort ein Traktor untergestellt. Otto-Eberhard Schaefer hatte die Sitzung nicht verlassen und sieht seine Befangenheit als „äußerst gering“ an. Zwei Boote stünden noch in der Halle, der Vertrag allerdings sei fristgerecht im Mai ausgelaufen und er könne die Jollen jederzeit anderweitig unterbringen.

Schaefer ärgert vor allem, dass die Absicht der Stadt, das Gelände zu verkaufen, nie öffentlich gemacht worden ist. Es reiche nicht, dass diese Tatsache, wie vom Bürgermeister behauptet, hinlänglich bekannt sei. Man solle sich Zeit nehmen und möglichen Käufern Gelegenheit geben, sich zu bewerben. Sollte sich dann kein Erfolg einstellen, könne man immer noch abreißen. Ein Argument, das an Paul Raffelhüschen abprallte. „Es waren genügend Leute hier, die dort ein Grundstück kaufen wollten, weil die Situation um die Fläche bekannt ist. Doch der Föhrer Handwerker ist nun einmal nicht so schnell, der überlegt länger“, ließ Raffelhüschen das Gremium wissen.

Doch er konnte mit seinen Argumenten nicht überzeugen. Auch wenn kaum einer den Optimismus Schaefers, einen Käufer zu finden, teilte: Dass es keinen Grund zur Eile gebe, befand quer durch die Fraktionen die Mehrheit der Politiker. Weitere Planungen gebe es ohnehin noch nicht und auch der Bebauungsplan sei noch nicht rechtskräftig. „Vielleicht kann der eine oder andere ja gebrauchen, was da steht“, befand Peter Schaper, Fraktionssprecher der SPD. Man sollte es zumindest versuchen. „Wenn sich ein Käufer findet, spart sich die Stadt gut 150  000 Euro Abrisskosten.“

Dass diese Aussicht sonderlich groß ist, bezweifelt Fraktionssprecher Till Müller (Bündnis 90/Die Grünen). Müller sieht durch die zeitliche Verschiebung die weitere Nutzung des Grundstückes blockiert. Zudem könnte ein Verkauf die Parzellierung und Erreichbarkeit des hinteren Grundstückes erschweren. Ob das Interesse so groß sei, müsse sich zeigen, sieht auch Dr. Silke Ofterdinger-Daegel, Fraktionssprecherin der KG, die Möglichkeit eines Verkaufserfolges eher skeptisch.

Der Aufschub bringt für die Stadt ein Problem mit sich. Die Ausschreibung ist erfolgt, die Bewerbungen sind gesichtet und man ist in der Phase der Auftragsvergabe mit dem daraus resultierenden rechtlichen Anspruch des günstigsten Anbieters. Auf drei Monate wurde die Bindungsfrist mittlerweile im gegenseitigen Einvernehmen verlängert. Ob die Stadt nach dieser Zeit mit Regressforderungen konfrontiert wird, sollte tatsächlich ein Käufer gefunden und der Abriss damit unnötig werden, bleibt abzuwarten.

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