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In Alkersum : Schüler-Ausflug in die „Steinzeit“

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Zehntklässler der Eilun-Feer-Skuul arbeiten im Museum Kunst der Westküste. Dort spinnen sie die Herbert-Dombrowski-Ausstellung mit Fotos aus den 1950-er Jahren weiter.

Kunst kommt von Können – oder von Üben. Die beiden zehnten Klassen der Eilun-Feer-Skuul (EFS) haben sich vorgenommen, die gerade im Museum Kunst der Westküste (MKDW) laufende Herbert-Dombrowski-Fotoausstellung fortzuschreiben und damit auch im Museum präsent zu sein. Die Idee, die sowohl im Kunst- als auch im Deutschunterricht seit Wochen den Themenplan beherrscht, kommt von Antonia Invidia. Die 20-Jährige verbringt ihr freiwilliges kulturelles Jahr am MKDW, und weil ihr Berufsziel Lehrerin ist, hat sie sich gleich mal so ein richtig herausforderndes Projekt ausgedacht. Und hatte Glück: In Joachim Freytag, seit 30 Jahren Kunstlehrer an der EFS, fand sie sogleich einen begeisterten Partner.

Gemeinsam mit den Deutschlehrern Volker Sonnenberg und Lars Reise erfinden die Schüler Dombrowskis Fotos neu. Der 1917 geborene Fotograf hielt in der Nachkriegszeit in wunderbar schlichten Schwarz-weiß- Bildern das inzwischen längst vom Neubauwahn verdrängte Hamburg-St.-Pauli fest. Hafenarbeiter, Arme-Leute-Gassen, Fischmarkt und Nachtleben. „Es soll etwas Neues entstehen, zu dem Dombrowski uns den Anlass liefert“, sagt Lehrer Freytag zur Kunst seiner Schüler.

So wird eine Deutschklasse Dombrowskis 50-er-Jahre-Welt mit korrespondierenden Alltagsgeschichten, Tagebüchern und Briefen erweitern. Die andere hingegen erzählt anhand der Fotos einen Krimi. Jeder der 22 Schüler hat zu einem von Dombrowskis Protagonisten eine Rollenbiografie entworfen, die später alle zu einer Handlung vernetzt werden. Diese Figuren – und da kommt nun der Kunstunterricht ins Spiel – werden im Werkraum lebensgroß entstehen und später, ausgestellt vor dem jeweiligen Dombrowski-Pendant, dessen Geschichten weiter erzählen. Noch wird gemeinsam mit Lehrer Freytag darüber nachgedacht, wie das werkstoffmäßig am besten zu bewerkstelligen ist.

Ohnehin ist vieles noch in der Planung und abhängig vom Elan und den Ideen der Schüler. Was dann wirklich Mitte Juni im MKDW zu sehen sein wird, entscheidet sich, wenn klar ist, was künstlerisch so weit gediehen ist, dass es in ein richtiges Kunsthaus einziehen kann. Motiviert sind die 15- und 16-Jährigen allemal.

Angefangen hatte alles mit zwei Tagen Museumsbesuch unter Leitung von Invidia: mit einer Führung und Infos zu den Arbeitsweisen der gerade ausstellenden Künstler. Dombrowskis Fotos wurden formal und inhaltlich analysiert, die Frage geklärt, was eine Rollenbiographie ist und erste Stichpunkte notiert. „Es gab ein tolles Feedback von den Schülern“, erinnert sich Freytag.

Seine Deutschkollegen Sonnenberg und Reise haben die herausfordernde Aufgabe angenommen, den jungen Leuten ein Gefühl für das Leben in den 1950-er Jahren zu geben. Das Problem: „Das kommt denen vor wie Steinzeit“, sagt Freytag stellvertretend für seine Kollegen. Wäsche von Hand waschen; im Winter in den Wohnungen frieren... Und die Namen sind ganz andere: „Heute heißen Kinder Ben oder Joyce. Früher hießen sie Heinz und Gudrun.“

Während also im Kunstunterricht an den lebensgroßen Aufstellern gewerkelt wird, inszeniert man in den Deutschstunden zum ersonnenen Krimi eine realistische Fotostory. Ganz im Geiste der Fotokunst-Gurus auf diesem Gebiet, Cindy Sherman und Duane Michals. Vorher gab es einiges zu lernen: Kameraachse, Handlungsachse, Perspektiven, Licht.

Auch da ist noch längst nicht geklärt, wie diese Fotos später im Museum präsentiert werden können. „Vor meinem geistigen Auge schwebt natürlich schon eine Idee“, sagt Freytag und lacht. „Aber mal schauen, was den Schülern so vorschwebt.“

Unter ihnen gibt es eine Steuerungsgruppe aus fünf bis sechs Jugendlichen, die ein bisschen den Daumen drauf und am Gas hat. Von der lässt Freytag sich regelmäßig briefen. Der letzte Stand vom Krimi, den sie aus Dombrowskis Fotos herausgedichtet haben: Eine Geschichte vom Fischmarkt. Mit einem, der entlassen wurde und Rache schwört. Mit Kindern, die nachts Geräusche hören. Einer Leiche in der Elbe. Und einer Familie, die die Mordwaffe findet.

Antonia Invidia ist mit dem Projekt und ihren Schülern total glücklich. „Klar, war das eine Herausforderung, schließlich ist das mein erstes Projekt, und vorher kannte ich ja auch nur Schule.“


Auch Lust auf Rollenbiografie schreiben? Der nächste Workshop im MKDW für Jugendliche zu dem Thema ist am 17. Juni. Anmeldung: 04681/747400 oder Mail an: info@mkdw.de




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