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Auf Föhr : Schreiben als (Über)-Lebenselixier

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Neues Angebot in der Wyker Klinik Sonneneck ist eine Werkstatt für Krebspatienten. Kursleiterin ist die Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan.

Patienten, die in die Wyker Klinik „Sonneneck“ kommen, haben bereits viel hinter sich – mussten den Schock einer Krebsdiagnose verdauen, mussten körperlich und psychisch belastende Behandlungen über sich ergehen lassen. Nun haben sie die Möglichkeit, sich zu erholen, durch verschiedene Therapien neue Kraft und neuen Lebensmut zu schöpfen. Neben den auch in anderen Reha-Kliniken üblichen psychologischen, Kreativ- und Bewegungsangeboten beschreitet das „Sonneneck“ nun einen ganz neuen Weg: An Krebs Erkrankte können sich in einer Schreibwerkstatt Belastendes von der Seele schreiben und dabei „von Patienten zu selbstbestimmten Autoren werden“, beschreibt die Kursleiterin das Konzept.

Die Kursleiterin – das ist keine Geringere als die bekannte Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan. Schreiben, das ist für die Künstlerin längst zum (Über)-Lebenselixier geworden, ist für sie „der einzige Ort, an den wir uns selbst zurückziehen können, ohne großen Aufwand“. Einen solchen Rückzugs- und Reflexionsraum möchte sie nun auch den Teilnehmern an ihrer Werkstatt in der Wyker Klinik eröffnen, die, „da bestehe ich drauf“, allerdings nicht als therapeutisches Schreiben angelegt sei. „Ich fordere die Teilnehmer auf, Geschichten zu erzählen“, so Demirkan, die mit ihrem Konzept bei der Chefärztin des „Sonneneck“, Dr. Cornelia C. Kaufmann, gleich offene Türen einlief.

Doch wie kam Demirkan überhaupt darauf, mit Krebspatienten zu arbeiten, und das auch nicht in der Nähe ihres Wohnortes im Rheinland, sondern auf der abgelegenen Nordseeinsel Föhr? „Nur auf Föhr, nur im ‚Sonneneck‘. Im Moment könnte ich mir das woanders gar nicht vorstellen“, sagt sie. Und das hat mit ihrer eigenen Biografie zu tun. Im Jahr 2013 erkrankte Renan Demirkan selbst an Brustkrebs, erholte sich selbst im „Sonneneck“. Die Therapieangebote in der onkologischen Klinik, das Meer, die Insel, sie taten ihrem Körper gut und ihrer Seele. Dann fuhr sie nach Hause, musste sich gleich in die Arbeit stürzen, einen Vertrag mit einem Verlag erfüllen, „und plötzlich merkte ich, dass da etwas in mir war, das größer war, als ich bisher zugelassen hatte. Denn nach der Diagnose musst du als Patient funktionieren, musst gegenüber deiner Familie funktionieren“, beschreibt sie, wie sie erst, als der Alltag sie wieder hatte, so richtig begriff, was in den zurückliegenden Monaten mit ihr geschehen war. Die Arbeit an ihrem Buch half der Autorin, zu verstehen, was mit ihr passiert war, half ihr bei der Verarbeitung. So entstand die Idee, durch eine Schreibwerkstatt anderen Krebspatienten einen Weg aufzuzeigen, wie sie eine Tür zu sich selbst aufstoßen und sich einen eigenen (Gedanken)-Raum schaffen können, in den sie sich jederzeit zurückziehen können und der nur ihnen gehört.

Zwei Seminare mit Renan Demirkan hat es bereits im „Sonneneck“ gegeben, ein weiteres ist am kommenden Wochenende geplant, und Demirkan – „ich hatte vorher ordentlich Schiss, ob das wirklich klappt“ – und Kaufmann sind überwältigt davon, was in diesen jeweils drei Tagen entstanden und was mit den Patienten passiert ist.

Da schufen Menschen, die teilweise noch nie oder schon sehr lange nicht mehr geschrieben haben, berührende Texte, die von Schicksalsschlägen, aber auch von Überlebenswillen und Lebensfreude handeln. Sie fanden den Mut, diese bei der Abschluss-Lesung den anderen Klinikpatienten vorzutragen. Sie wuchsen über sich selbst hinaus und wurden für einige Tage tatsächlich von passiven Patienten zu Autoren, von Kranken, denen etwas Schreckliches und schwer begreifliches widerfahren war, zu aktiv Handelnden und sich mit sich selbst auseinandersetzenden Menschen.

„Ich mache seit 25 Jahren Onkologie und dachte, mich könne nichts mehr überraschen. Aber hier gab es bei der Abschluss-Lesung ein Aha-Erlebnis“, sagt Chefärztin Cornelia Kaufmann. Sie würde die Seminare mit Renan Demirkan gerne als festes Angebot an ihrer Klinik etablieren. Und auch Demirkan würde gerne weitere Schreibwerkstätten in der Wyker Klinik „Sonneneck“ anbieten. Vielleicht dann sogar ohne stundenlange Anreise auf die Insel. Denn Renan Demirkan hat Föhr als so wohltuend erlebt, dass sie seit ihrer Reha immer wieder zurückkommt und gerne ganz dort hin ziehen würde – wenn sie denn eine bezahlbare Wohnung findet.

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erstellt am 18.Feb.2016 | 17:30 Uhr

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