Serie „Der Einsatz meines Lebens“ : Rettungsschwimmer auf Föhr berichtet: „Es hätte tödlich enden können“

Ärgert sich noch heute, wie unverantwortlich der Lehrer gehandelt hat: Brar Nissen.
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Ärgert sich noch heute, wie unverantwortlich der Lehrer gehandelt hat: Brar Nissen.

Brar Nissen (49) rettete 2014 eine ganze Schulklasse aus dem Watt vor Föhr. Der Lehrer wusste nicht, wie viele Kinder er dabei hatte.

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06. Januar 2018, 13:57 Uhr

Wyk auf Föhr | Gerade als ich mir mit zwei Kollegen von der DLRG ein Bier zum Wochenende gönnen wollte, kam der Alarm. Auf dem Melder stand „Person im Wasser gesichtet“ und „Technische Hilfe Y“ – wobei das Y immer signalisiert, dass Menschenleben in Gefahr sind. Mehr wussten wir erstmal nicht als wir zum Strand zwischen Nieblum und Wyk auf Föhr gefahren sind. Per Funk haben wir dann erfahren, dass wohl eine ganze Schulklasse aus Stuttgart im Watt ist – und das in völliger Dunkelheit.

Ein Passagier auf einer Fähre, die von Föhr nach Amrum unterwegs war, hatte mehrere Kinder im Watt gesehen, die an der Wasserkante entlang spazierten. Als wir eintrafen, konnten wir die Lichter der Fähre sehen, die gestoppt hatte. Dann kam noch ein Polizeiboot dazu, das damals zufällig dort unterwegs war. Auch für die Feuerwehr und die DLRG wurde Vollalarm gegeben, solch einen Einsatz gibt es mit so einer großen Zahl zu rettender Personen vielleicht nur alle zehn oder 20 Jahre auf der Insel.

Ich bin seit 1995 bei der DLRG, mittlerweile als Vorsitzender der Ortsgruppe Föhr. Ich habe schon oft Menschen am Strand gesucht, sie auch aus Lebensgefahr gerettet und schon erlebt, wie Leute reanimiert wurden. Doch dieser Einsatz im September 2014 ist ein besonderer, an den ich auch heute immer noch denke.

Das Wasser begann anzulaufen

Als wir damals mit unserem Landrover am Strand ankamen, konnten wir die Kinder nicht sehen, wir wussten durch die Lichter der Schiffe nur ungefähr, wo sie sein mussten. Sie hätten ohne uns vermutlich nicht zurückgefunden. Das Wasser begann zwar gerade erst aufzulaufen, aber wenn die Kinder weiter Richtung Nieblum gegangen wären, hätten sie leicht auf einer Sandbank landen können und der volllaufende Priel hätte ihnen den Rückweg ans Land versperrt. Es hätte tödlich enden können.

Wir sind dann mit unserem Landrover einfach ins Watt gefahren, bestimmt so einen Kilometer weit. Wir haben gerufen, aber niemand hat geantwortet. Dann sind wir vielleicht noch einmal 800 Meter bis ans Wasser gelaufen, bis wir die ersten Kinder gefunden haben. Die meisten der 14- bis 15-Jährigen waren sich der Gefahr noch gar nicht bewusst, in der sie sich befanden, wobei die Mädchen aufgebrachter waren als die Jungs. Wir hatten extrem helle Scheinwerfer am Auto und außerdem das Blaulicht eingeschaltet. Das war wie ein kleiner Leuchtturm, an dem die Kinder sich orientieren konnten. Ein Kollege ist beim Fahrzeug geblieben, hat die Jungs und Mädchen weiter Richtung Land geschickt.

Wir sind aber immer nur auf kleine Gruppen getroffen, wussten nie, wie viele Menschen noch in Gefahr sind. Selbst der Lehrer, den wir vielleicht so zur Hälfte des Einsatzes mit einer kleinen Gruppe gefunden haben, konnte nicht sagen, wie viele Kinder er dabei hatte. Wir haben dann stundenlang immer weiter gesucht, bis uns ein Mädchen und ein Junge gesagt haben, sie seien die letzten. Das hat sich dann später durch einen Anruf im Schullandheim zum Glück bestätigt.

Einsätze wie diesen gibt es immer wieder

Noch heute, über drei Jahre später, ärgert mich, wie unverantwortlich der Lehrer gehandelt hat. Offenbar ist die Klasse direkt nach dem Eintreffen an diesem September-Nachmittag nur mit leichter Bekleidung und zum Teil barfuß ins Watt gegangen. Dabei muss der aufziehende Seenebel schon zu erkennen gewesen sein. Man sollte nie bis zur Dunkelheit im Watt bleiben, und wenn man mit einer Gruppe unterwegs ist, immer einen ortskundigen Führer dabei haben, von denen es auf Föhr jede Menge gibt.

An Land sind die Kinder und der Lehrer von Feuerwehr, Rettungsdienst und unseren Sanitätern versorgt worden, niemandem ist etwas passiert. Von der Klasse haben wir danach nie wieder etwas gehört – ach doch, eine Mutter hat angerufen und sich bedankt.

Diese Einsätze im Watt haben wir immer mal wieder – so auch ein halbes Jahr nach diesem Vorfall. Da hatte sich eine Frau mit ihrem Mann gestritten, der dann ins Watt gegangen war. Abends hatte die Frau ihn dann als vermisst gemeldet, weil sie sich Sorgen machte. Als wir mit Feuerwehr und Polizei am Strand standen, kam der Mann uns schon entgegen und sagte: „Ich glaube, Sie sind wegen mir hier.“ Er hatte nur in einer Kneipe ein paar Bier getrunken.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie auf shz.de. Lesen Sie morgen: Eine ungewöhnliche Fahrt ins Hospiz.

Bisher erschienen:

Feuerwehrmann aus Niebüll berichtet: „Ich bin einfach froh, dass ich lebe“

THW-Spezialist aus Lübeck berichtet: Eisige Nächte am Herrenteich

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