200 Jahre Seebad Wyk : Proviant für eine Wanderung rund Föhr: 25 Stullen pro Person

Macht Eindruck auf die kleinen Gäste: Das Portal aus Walkiefern am Eingang zum „Marienhof“.

Macht Eindruck auf die kleinen Gäste: Das Portal aus Walkiefern am Eingang zum „Marienhof“.

In 18 Heimen werden auf Föhr untergewichtige Stadtkinder aufgepäppelt und gemästet. Auch spätere Prominenz ist dabei.

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02. Dezember 2019, 18:44 Uhr

Föhr, „das schwimmende Fettauge“ in der Nordsee, ist ein kreisrundes Fleckchen fruchtbarer Erde, von dem es um 1900 heißt: „Das Vieh ist fett, die Bauern sind fett, ja sogar die Abkömmlinge der alten Walfischfänger haben das Gold, in welches diese den Tran verwandelten, wieder zu Fett umgesetzt“. Die so in Aussicht gestellte sehr gute Ernährung sowie die „hier besonders heilkräftige Eigenschaft des Meeres“ sorgen für die Eröffnung von Kinderheilstätten. Und die sind in Zeiten miserabler Wohnverhältnisse in den Städten und Mangelernährung „von außerordentlicher Wichtigkeit“.

Der Speisesaal des „Seehospiz“.
Karin de da Roi-Frey

Der Speisesaal des „Seehospiz“.

 

Die Kinder werden nach Föhr „verschickt“, um ordentlich zuzunehmen, damit sie mit einem „Gesundheitsvorrat“ der widrigen Lebensumstände zu Hause „auf lange Zeit trotzen“ können. Und so besteht denn um 1900 der Proviant einiger Kinder des „Seehospiz“ (später: „Hamburger Kinderheim“) für eine Wanderung um die Insel pro Person (!) in 25 Butterschnitten und einer Flasche Saft. Und mit jedem Kilo werden Hose oder Rock enger. Macht nichts, genug Stoff zum Auslassen und Verlängern ist eingeplant.

1909 ziehen die ersten Kinder ins „Haus Schöneberg“

1909 ziehen die ersten Kinder ins „Haus Schöneberg“, in dem sich vor allem Berliner Kinder, die an Haut- und Knochentuberkulose erkrankt sind, erholen sollen. 1916 wird das Kinderheim „Haus Rothraut“ in der Badestraße   eröffnet, das zu einer langen Reihe von noch heute bekannten Wyker Kinderheimen gehört: Jacobi, Hilligenlei, Jungborn, Köhler, Sonnenschein, Michelmann, Seepferdchen, Vollhardt (heute: Jugendherberge), Remé  und noch etliche andere. Zu Beginn der 1930-er Jahre gibt es 18 Kinderheime auf Föhr.

Ein alter Hausprospekt des Kinderheims Remé an der Ecke Grünstreifen/Strandstraße. Einer der kleinen Gäste, die sich dort erholten, war Claus von Amsberg, der spätere Ehemann der niederländischen Königin Beatrix.
Petra Kölschbach

Ein alter Hausprospekt des Kinderheims Remé an der Ecke Grünstreifen/Strandstraße. Einer der kleinen Gäste, die sich dort erholten, war Claus von Amsberg, der spätere Ehemann der niederländischen Königin Beatrix.

 

Klein-Claus wird später Prinzgemahl

So kommt auch ein  weit gereister Junge für ein halbes Jahr ins „Kinderheim Remé“. Er soll sich von den nachteiligen Folgen eines mehrjährigen Aufenthalts in Afrika  erholen, wohin seine Eltern mit ihm 1928 ausgewandert waren, als er gerade zwei Jahre alt war. 1948 besucht er Wyk ein zweites Mal und nimmt als ehemaliger Schüler der Baltenschule in Misdroy, aus der das Wyker Hunnius-Internat entstand, am traditionellen Pfingsttreffen teil. Der kleine Junge heißt Claus von Amsberg und wird 1966 die niederländische Kronprinzessin Beatrix heiraten.

Gestrandet wegen der großen Flut

Vier Jahre zuvor plagen Helmut Diederichsen, Heimleiter des „Hamburger Kinderheims“, fast unlösbare Probleme. Es ist der Abend des 17. Februar 1962. Wegen Sturm, Hochwasser und einer vorhergesagten Sturmflut kann ein Sonderzug mit 450 Kindern, die zur Erholung ins „Hamburger Kinderheim“ fahren, nicht mehr auf die Dagebüller Mole gelangen, von einer Überfahrt nach Föhr ganz zu schweigen. Wohin mit 450 Kindern über Nacht? Der diensthabende Offizier des Jagdgeschwaders 52 in Leck-Stadum hilft. In Bundeswehrbussen werden die „Gestrandeten“ samt Heimleiter von Niebüll abgeholt und in die eilig geräumten Stuben der Soldaten einquartiert. Warmes Essen, Süßigkeiten und eine Gute-Nacht-Geschichte machen diese Nacht der verheerenden Sturmflut 1962 zu einem Erlebnis der besonderen Art. Am nächsten Morgen hat sich die Lage soweit beruhigt. Und so heißt es: Auf nach Föhr!

Zum ersten Mal am Meer

Manche Kinder sehen zum ersten Mal das Meer und den Strand. „Unbeschreiblich, die Größe des Meeres“ heißt es in der Erinnerung eines Jungen, der 1963 zur Erholung im „Haus Tanneck“ ist. Das 1909 von Dr. Carl Häberlin und Dr. Karl Gmelin ursprünglich als Nordseehospital gegründete Haus am Olhörnweg trägt sich nicht und erlebt eine wechselvolle Geschichte. 1938 wird es an die Reichsbahnversicherungsanstalt verkauft, steht im Zweiten Weltkrieg leer, wird dann Lazarett und in den 1950-er Jahren zum Kinderheim. Dort geht es streng geregelt zu: „Unangenehm war die verordnete Mittagsruhe in der Liegehalle“, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen und geschlossenen Augen, „und das eine volle Stunde lang“ unter der Kontrolle einer Betreuerin. Viel schöner sind die kleinen Ausflüge mit der ganzen Gruppe und einer „Tante“ nach Wyk, wo Souvenirs gekauft werden. Noch heute besitzt der Junge von damals ein kleines Plastikschiff mit der Aufschrift „Wyk auf Föhr“.

Wie mag erst der Walkieferknochen am Eingang zum Kinderheim „Marienhof“ die kleine Edda beeindruckt haben, die 1951 an die dritte  Klasse der Volksschule Nieder-Würzbach/ Saar schreibt: „Die besten Grüße sendet Euch Allen Edda. Hier ist es sehr schön“.

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