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In Norddorf : Prickelnder Übermut und Präzision

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Amrumer und Föhrer Chor-Sänger holten sich bei einem Gospel-Workshop neue Impulse. Dazu war der Chorleiter Darius Rossol auf die Insel gekommen.

Am Ende des Gospel-Workshops mit dem Kölner Chorleiter Darius Rossol stand ein Konzert im Norddorfer Gemeindehaus. Das allein war schon schön; aber die Stimmung in den zig Arbeitsstunden davor war fast noch schöner. Glück für die, die dabei sein konnten.

Sie hatten sich in vier Gruppen aufgeteilt – Sopran, Alt, Tenor und Bass – knapp 60 Gospelfans; und sie wären noch 20 mehr gewesen, wenn die Grippewelle auf den Inseln nicht diese Wucht gehabt hätte. „Aber Hauptsache mehr als 40“, sagte Darius Rossol. „Das hat dann schon eine schöne Eigendynamik.“

Der 47-Jährige, der einst in Hannover Musik und Chorleitung studierte und dort vor 20 Jahren gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, einen Gospelchor zu leiten, wo er doch selbst auch in einem sänge, tourt heute mindestens zwölf Mal im Jahr kreuz und quer durch die Republik und holt aus seinen Teilnehmern eine Menge raus: Gute Töne und nicht zuletzt das Vertrauen in sich selbst. Seine didaktischen Kunststückchen machen, dass sich nahezu jede gerade erst gelernte Liedzeile im Hirn festsetzt, seine Verbesserungsvorschläge machen Kopfnicken, und wenn die Bässe ihr Selbstbewusstsein mal wieder aufgaben, dann holte er sie mit einem Satz auf die Singspur zurück. Rossol öffnet sich für seine Sänger, damit sie sich öffnen für ihn. Er erzählt von Liedern und Leben, dafür singen sie, was sie vermögen. Der Deal ging voll auf. „Von null auf hundert in fünfundzwanzigeinhalb Stunden“, sagt Rossol mit Blick auf die knappe Workshop-Zeit. „Mich fasziniert das immer wieder, ein Niveau zu finden, was alle zusammenbringt.“

Darius Rossol ist schon zum zweiten Mal auf Amrum. Die Amrumerin Anke Tadsen sprach ihn vor ein paar Jahren während eines Workshops auf Sylt an und holte ihn auf die Insel. 2015 dann Föhr, auch da war er so erfolgreich, dass jetzt gleich 18 Sänger des Föhrer Gospelchors mit rüber nach Amrum kamen. Und dank der Nebensaison auch Zimmer bekamen.

Der Zuschauerabend war schön gegliedert: zwischen den insgesamt acht Liedern des Chores (traditionelle, moderne und auch deutsche) sang der Amrumer Shanty-Chor und hatte Rossol sowohl ein Duo mit Martina Schmidt-Bendixen als auch ein Solo mit Liedern aus Afrika und zu Luther. Stimmgewaltig und mit einem weichen Klang in ganz viel Raum.

„Jeder kann singen“, sagt Rossol und macht eine Rechnung auf, die tatsächlich immer stimmt: „Gospel ist ein drittel Singen, ein drittel Zusammensein, ein drittel gemeinsam Essen“. Soll heißen, auch wer im Ton quer schlägt, hat immer noch zwei andere Möglichkeiten, sich toll in der Gruppe zu fühlen. Zum Beispiel mit Charme und viel Erdbeerkuchenessen (das von den Teilnehmern organisierte Kaffee- und Kuchenbuffet war dem tollen Tag ebenbürtig).

Er müsse dem Chor dienlich spielen, sagt Jonathan Baer. Der 27-Jährige aus Olpe tourt oft mit Rossol. Wenn er nicht vorsichtig das Cajón – eine Kistentrommel – spielt, dann macht er ein Volontariat bei Radio Siegen. Auch Lars Behrendsen spielt dienlich. Der 47-jährige Föhrer, sonst Masseur in Wyk, begleitet die Gruppe mit der Gitarre. Beide wissen: Sänger first, Instrumente next!

Für den Berichterstatter formidabel erwies sich Rossols Fragerunde in einer Singpause, wie die Teilnehmer diesen Tag erlebten, wie sie sich fühlten, was sie dachten. „Schaut euren Nachbarn an und gebt das Wort weiter“, schlug er vor. Knapp 60 Stimmen ruck, zuck aufgezeichnet: die eigene Stimme fühlen, schnelles, neues Lernen, Zutrauen, Input, zu Tränen gerührt, vom eigenen Können erstaunt, erfüllt, einfach nur schön, falsch ist nicht immer falsch. Und dann folgte eine Aussage, der folgte spontaner Applaus: „Für mich ist das hier prickelnder Übermut kombiniert mit Präzision.“ Alle lachten.

Wie hoch die Konzentration der Chorleute während des Übens war, merkte man in den kurzen Pausen. Dann wurden Rücken durchgedrückt und Arme gestreckt. Schultern kreisten, und der Nacken wurde gedehnt, ehe es weiter ging. „Ich bitte euch jetzt, nehmt jeden Ton in die Hand“, sagte Rossol. „Und weil das Lied 1000 Jahre Geschichte hat, steht bitte auf und stampft mit dem Fuß, damit es mittelalterlich klingt.“

Seine Bilder würden ihnen sehr helfen, hatten viele der Teilnehmer gesagt. Und tatsächlich, wenn Rossol den Gesang mit einem Handstreich unterbrach und anmerkte, man möge doch bitte an ein geöffnetes Fenster und die frische Luft denken, die hineinströme, dann strömten bei Wiederaufnahme der Probe sofort viel frischere Töne aus den Kehlen. Parallel schuf Rossol mit seinen Armen stimmliche Explosionen. „Sie tun so, als habe ihr Lieblingsverein verloren, aber das hat er nicht. Er hat sogar den Titel geholt“, singsangte Rossol. Und sofort hatte der Chor Begeisterung in der Stimme. „Alles ist möglich“, sagt Rossol und lacht. „Man muss es nur richtig erklären.“

Das Ergebnis war eine Wucht. Und als die Zuschauer zum Konzert in den Saal strömten, war die Aufregung spürbar. „Wenn ihr gleich Töne und Texte suchen und nicht finden solltet, dann macht das nichts – das ist geplant“, gab Rossol seinen Sängern augenzwinkernd mit auf den Weg. „Das Besondere hier dran ist wirklich, wir sprechen noch ein halbes Jahr später von diesen zwei Tagen“, sagt eine Teilnehmerin.

Woher kommt dieser den Zuhörer und Mitmacher mit Sicherheit ereilende Gänsehauteffekt beim Gospel? Das fragten sich zig Zuschauer am Konzertabend. „Wenn es groovt, potenziert sich die Energie und überträgt sich auf das Publikum“, sagte eine Zuhörerin. Darius Rossol überlegt. „Es könnte die Ehrlichkeit sein“, sagt er. „Manche Lieder erzählen von schweren Situationen. Die laufen in den Texten mit und berühren die Menschen.“

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