Oldsum : Prachtstück oder hässlicher Wildwuchs?

Als ihre Gartenwelt noch in Ordnung war: Waltraut und Christian Brückner.
Als ihre Gartenwelt noch in Ordnung war: Waltraut und Christian Brückner.

Was in Gärten stehen darf, ist oft Anlass für Nachbarschaftsstreit. Das musste jetzt auch der Schauspieler Christian Brückner erfahren.

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05. August 2018, 13:00 Uhr

Der eine mag raspelkurze Rasenflächen, der nächste hält einen Garten erst dann für idyllisch, wenn er naturbelassen und ein bisschen wild ist – schnell ist da Zoff programmiert. Auseinandersetzungen über die Gartengestaltung gehören zu den Klassikern bei Nachbarschaftsstreitigkeiten.

Das musste jetzt auch Christian Brückner erfahren. Der bekannte Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher und seine Frau Waltraut besitzen seit 1976 ein Friesenhaus in Oldsum. „Da war der Baum schon riesig“, erinnern sie sich. Der Baum – damit ist eine an die 100 Jahre alte Esche im Brücknerschen Garten gemeint, ein prachtvoller Laubbaum. „Der war Zentrum und Schutz dieses Gartens, ich habe ihn geliebt“, so Christian Brückner.

Habe – denn diesen Baum gibt es nicht mehr. „Er war ein lebendiges Wesen, das ermordet worden ist“, grämt sich der Künstler, zutiefst verletzt, weil sein Garten verstümmelt wurde.

Aber der Reihe nach: Die alte Esche, deren Krone einen Durchmesser von rund 14 Metern hatte, stand am Rand, da, wo über viele Jahrzehnte eine Wiese an das alte Reetdachhaus grenzte. Und diese Wiese wurde verkauft, an den Föhrer Architekten Henry Jacobs, der dort Feriendomizile gebaut hat und verlangte, dass der große Baum, der genau auf der Grenze stehe und sein Grundstück verschatte, entfernt werden müsse. Brückners antworteten, dass sie mit einer Fällung auf gar keinen Fall einverstanden seien. „Und als wir dann fast ein Jahr nichts mehr von ihm gehört hatten, dachten wir, er hätte das akzeptiert und die Sache sei erledigt“, erinnert sich Waltraut Brückner.

Doch weit gefehlt, plötzlich kam ein weiteres Schreiben von Henry Jacobs, in dem er eine Frist von zwölf Tagen setzte, innerhalb derer die Nachbarn ihr Einverständnis zur Fällung des Grenzbaumes geben sollten. Sonst „werde ich ohne weitere Vorankündigung gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen und sie auf Zustimmung verklagen“, drohte der Föhrer Architekt und kündigte außerdem an, bei einer verspäteten Fertigstellung der Außenanlagen des Neubaus Schadenersatz zu fordern.

Brückners hatten sich inzwischen von Anwälten beraten lassen und das erfahren, was zuvor auch Henry Jacobs von seinem Anwalt gehört hatte: Ein Nachbar kann die Entfernung eines Grenzbaumes, der auf beiden Grundstücken wächst, verlangen, muss diese aber gerichtlich durchsetzen.

Während Waltraut und Christian Brückner im fernen Berlin noch überlegten, wie sie sich verhalten sollen, überschlugen sich in Oldsum die Ereignisse. Eines morgens bekam Brückners Nachbarin Renate Peters einen Anruf, dass gerade der Baum gefällt werde. Die alte Dame lief sofort in den Brücknerschen Garten und konnte die Arbeiter noch überreden, das Fällen zu stoppen, bis die Rechtmäßigkeit geklärt sei – doch da war schon alles zu spät. Der Baum war bereits so verstümmelt, dass er nicht mehr zu retten war.

Henry Jacobs liegt eine Einverständniserklärung zum Fällen des Baumes vor – datiert einen Tag vor Ablauf der von ihm gesetzten Frist. Die hätten sie nach der plötzlichen Fällaktion gegeben, als klar gewesen sei, dass der noch übrig gebliebene Rest-Stamm nicht mehr lebensfähig war, erklären Christian und Waltraut Brückner.

„Ich bin erst tätig geworden, nachdem ich die Zustimmung hatte“, sagt dagegen Henry Jacobs, der nicht verstehen kann, warum die Berliner sich so gegen das Fällen des Baumes gewehrt haben. An der Grundstücksgrenze sei hässlicher Wildwuchs gewesen, „und ich wollte auf meine Kosten eine schöne, geordnete Grenzsituation schaffen“, erklärt er. Außerdem sei es schließlich üblich, darauf einzugehen, wenn ein Nachbar die Entfernung eines Baumes verlange. „Aber das wissen die wohl nicht, die sind ja nicht von hier“, meint Jacobs.

Wildwuchs oder schöne Grenze, üblich oder nicht – die 100 Jahre alte Esche macht das nicht mehr lebendig. Christian Brückner fehlt sie so sehr, dass er sich eine Zeit lang nicht vorstellen konnte, jemals wieder in das Oldsumer Haus zu fahren, in dem die Familie so viele glückliche Sommer verbracht hat. Und sie fehlt nicht nur ihm. „Wir sind schon oft im Dorf darauf angesprochen worden, was denn mit dem schönen großen Baum passiert ist“, berichten Waltraut Brückner und Renate Peters.

Eine Baumschutzsatzung, die die alte Esche hätte retten können, gibt es in Oldsum noch nicht. „Es wäre gut, wenn wir eine ähnliche Satzung wie die Nieblumer hätten“, will Bürgermeister Hark Riewerts jetzt das Schicksal dieses Baumes und weitere Fälle zum Anlass nehmen, eine entsprechende Diskussion in der Gemeindevertretung in Gang zu bringen.

Christian Brückner war jetzt nur einige Tage auf der Insel, seine Frau genießt zurzeit das herrliche Föhrer Sommerwetter. „Aber wenn ich den Garten betrete, schaue ich immer in die Richtung, wo der Baum stand. Es ist zwar jetzt heller, aber er fehlt und diese Lücke wird immer bleiben“, sagte sie gestern.

Ihre neuen Nachbarn hat Waltraut Brückner noch nicht kennengelernt. Aber sie ist gespannt darauf, die Leute zu treffen, die das von Henry Jacobs gebaute Ferienhaus gekauft haben – und darauf, ob die Fällaktion in deren Sinne war, oder sie sich womöglich genauso an der prächtigen 100 Jahre alten Esche gefreut hätten, wie die Familie Brückner das so viele Jahrzehnte getan hat.

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