Jubiläum : Oldsums Hualewjonken bewahrt die Tradition

<strong>Präsident </strong>Melf Sönnichsen freute sich über die rege Teilnahme. Foto: ger
Präsident Melf Sönnichsen freute sich über die rege Teilnahme. Foto: ger

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20. April 2010, 06:45 Uhr

Oldsum | "Ik hed ei toocht, det diar so fölen kaam!" war Melf Sönnichsen, Präsident des Oldsumer Hualewjonken, überrascht angesichts der großen Schar von Gratulanten - darunter viele derzeitige und ehemalige Mitglieder - bei der 125-Jahr-Feier. Traditionell wurde die Flagge vor dem "Ual Fering Wiartshüs" mit lautem Knallen eingezogen, bevor sich die Gratulanten zum Kommers versammelten. Für die musikalische Untermalung des Abends sorgten die "Musikfreunde Föhr-West" .

Warum es zur Gründung des Hualewjonken - die friesische Bezeichnung für (Abend)-Dämmerung, wörtlich "Halbdunkel" - gekommen sei, wisse wohl keiner so genau, erklärte der Oldsumer Julius Nickelsen. Vermutlich hätten sich erste Wurzeln bereits in der Walfängerzeit gebildet. Junge Männer des Dorfes könnten regelmäßig in den Herbst- und Wintermonaten zusammengekommen sein, um Erfahrungen auszutauschen, die sie beim Walfang gesammelt hatten.

Das erste schriftliche Protokoll des Oldsumer Hualewjonken ist datiert auf den 13. April 1885, der damit als Gründungstag gilt. Wer unverheiratet und jünger als 30 Jahre alt war, männlichen Geschlechts und aus den Dörfern Oldsum, Klintum, Toftum, Süderende oder Klein Dunsum kam, durfte an den Tref-fen teilnehmen, wobei die Jüngsten, auch Rekruten genannt, den älteren Mitgliedern mit dem gehörigen Respekt zu begegnen hatten. Man traf sich in der Zeit vom 1. September bis zum 1. Mai, in früheren Zeiten sogar täglich. Später wurden dann - so wie heute auch noch - wöchentliche Treffen vereinbart. "Die Winterabende sind in gemeinsamer Weise durch Kartenspiel und Erzählungen zu verbringen", so der erste Leitsatz aus den Statuten, die zum ersten Mal 1904 schriftlich verfasst wurden.

Als ehemaliges Mitglied ließ Nickelsen seine Erinnerungen aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg Revue passieren: Die jungen Männer des Dorfes mieteten sich ein Zimmer, zumeist bei einer Witwe, die sich durch die Mieteinnahmen ihr schmales Einkommen etwas verbessern konnte. Für Beleuchtung und Heizung hatte das Hualewjonken selbst zu sorgen. Neben den regelmäßigen Treffen, so Nickelsen, gab es über das Jahr verteilt weitere Aktivitäten, die zumeist mit einem Festball endeten. Hier waren Mädchen nicht nur akzeptiert, sondern durchaus erwünscht.

"Zum Schutze der Schwester" diente das "Ütjschiten": Wer sich nach längerer "Anbändelung" mit einem Mädchen zu nächtlicher Stunde im Hause traf, musste irgendwann Farbe bekennen: Steckten ehrliche Absichten dahinter, wurde nach dem "Ütjschiten", dem Gewehrknall vor der Haustür, die Verlobung bekannt gegeben. Der Bräutigam in spe lud das Hualewjonken daraufhin zum Umtrunk ein. War er nicht bereit, sich zu binden, so wurde eine Schiebkarre mit Stroh gepolstert, der Freier hineingelegt und außerhalb des Dorfes in den Graben gefahren. Dass bevorzugt holprige Wege gewählt wurden, verstand sich von selbst. "Die Zahl der unehelichen Geburten war denn auch die niedrigste im ganzen Land!" so Nickelsen in seinem Vortrag.

Weltkriege und Auswanderungen hätten die Reihen der Hualewjonken-Mitglieder licht werden lassen, ein Neubeginn nach 1945 sei daher schwierig gewesen. Geblieben sei bis heute eine lange Verbundenheit der Mitglieder. Nickelsen hob als besonders lobenswert hervor, dass bei den Treffen nach wie vor friesisch gesprochen und damit ein wesentlicher Beitrag zum Erhalt der Sprache geleistet werde.

Premiere feierte am Jubiläumsabend das Buch der Gruppenbilder vom Hualewjonken Olersem. Von 1902 bis 2005 wurden in regelmäßigen Abständen Fotos gemacht, die Ralf Brodersen zusammengetragen und mit Namenslisten versehen hat. Gelobt wurde Brodersen auch für seine Durchsicht und Transkription alter Protokolle in Sütterlin-Schrift. "Vielleicht werde ich diese auch mal herausgeben", kündigte er an und erklärte seinen Einsatz für das Hualewjonken: "Tradition ist nicht das Aufbewahren der Asche, sondern das Weiterreichen des Feuers."

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