Alkersum : Ob Dirndl oder Friesenkleid: Tracht ist Trend

Rungholt:  Der junge Designer Nico Dams ließ sich von Friesentrachten inspirieren.
Rungholt: Der junge Designer Nico Dams ließ sich von Friesentrachten inspirieren.

Interessante Ausstellung im Museum Kunst der Westküste. Dort beginnt am 8. Januar die Winterpause.

shz.de von
26. Dezember 2017, 11:21 Uhr

Die Tracht ist in. Selbst die Inseljugend stylt sich gerne mit ihr. Zu Konfirmationen ist sie obligatorisch, und zu den Heimatabenden und Tanzvorführungen drängen sich die Zuschauer, um die schönen Gewänder schwingen zu sehen. Der filigrane silberne Brustschmuck wird gehütet, und manch Insulaner hat einen eigenen Schrank für die wertvolle Ware. Und wenn die Trachtenbeauftragte des Nordfriesischen Vereins im Winter zum Schneiderkurs auf die Inseln kommt, sind die Plätze heiß begehrt.
Dem wunderbaren Stoff, seiner Geschichte und Zukunft hat das Museum Kunst der Westküste eine ganze Ausstellung gewidmet: „Reload! Tracht Kunst Mode“. Wobei das Wort reload – englisch für neu laden – schon zeigt, dass Bewegung in der Sache ist. Denn: „Was wir heute unter Tracht verstehen, ist eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts und war immer schon auch modischen Einflüssen ausgesetzt“, sagt Sabine Schlenker, die Kuratorin der Ausstellung.
Die Vielschichtigkeit des Themas zeigt sich in der Bandbreite der rund 80 Ausstellungsstücke: Alten Werken von August Wilkens, Johan Julius Exner und Otto Heinrich Engel, ihren von Natursehnsucht leicht verklärten Darstellungen inselfriesischer Tradition, stehen aktuelle Arbeiten der 1972 in Kopenhagen geborenen Trine Søndergaard gegenüber, die in den letzten zehn Jahren Frauen der Insel Fanø fotografiert hat, deren Tracht so handfest ist, dass sie dem harten Klima der Westküste trotzt. Die porträtierten Frauen mit ihren Strude-Masken, die das Gesicht vor Wind und Sonne schützen, konfrontieren den Betrachter gleichzeitig mit Schönheit und Fremdheit. Im letzten Jahr bat Søndergaard eine Föhrerin ums Modellsitzen in Trauertracht; die Arbeiten sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.
Auch interessant: Der Amsterdamer Fotograf Hendrik Kerstens, der seine Tochter im Stil alter niederländischer Malerei ablichtet, ihr dabei aber Plastiktüten, Aluminiumfolien oder ein Geschirrhandtuch um den Kopf faltet. Damit führt er die Kleiderordnung vergangener Jahrhunderte ganz subtil ad absurdum, wenn man bedenkt, dass früher besonders der Kopfschmuck Aufschluss über den sozialen Status der Frau gab. Ebenfalls vertreten ist der junge Düsseldorfer Modemacher Nico Dams, der im letzten Jahr seine Abschlusspräsentation an der Modeakademie der 1362 versunkenen nordfriesischen Handelsstadt Rungholt gewidmet hat. Die Mystik seiner Modelle ist ergreifend. Ganz anders geht die junge Wiener Künstlerin Catharina Bond an das Thema heran: Mit kritischem Blick setzt sie einer möglichen Verklärung der Tracht ihren persönlichen Ansatz von Migration und Armut entgegen – mittels PVC-Material. Die Schau nimmt drei Säle des Alkersumer Museums ein und ist spannend gemacht. Allein das Miteinander der 14 aktuellen Künstler mit den fast ebenso vielen Meistern des 19. und 20. Jahrhunderts bringt viel Überraschendes hervor.
„Wir machen Tracht!“ Die Idee von Museumdirektorin Ulrike Wolff-Thomsen wurde vom Team des Hauses sofort um weitere Aspekte ergänzt. „Wir machen auch zeitgenössische Kunst!“ – „Und Mode! Denn welche Rolle spielt die Tracht heute in der Mode?“
Es scheint, so steht es im Katalog, dass die Tracht in der heutigen Gesellschaft wieder einen festen Platz eingenommen hat. Dirndl und Lederhose sind ein Dresscode, der dem Träger Tradition, Heimatliebe und ein Gefühl des Dazugehörens zu vermitteln scheint. Die Kombi wird bis nach Japan und in die USA exportiert, wo sie – eigentlich urbayerisch – als eine Art allgemeine deutsche Tracht gesehen wird.
Schaut man genauer hin, dann offenbart sich etwas ganz Interessantes, denn Tracht ist längst nicht das, was wir immer glaubten. Sie ist nämlich nicht uralt und traditionell gewachsen, sondern, im Gegenteil, eher eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, inszeniert und erdacht, um sich in der eigenen Region von anderen modisch abzusetzen. In den Jahrhunderten zuvor war Tracht nichts anderes als „das, was man trägt“. Gemeint waren die einfachen einheimischen Stoffe und Felle, die der Landbevölkerung von den Herrscherhäusern der damaligen Zeit oktroyiert wurden. Erst nach der Französischen Revolution zum Ende des 18. Jahrhunderts wuchs der Wunsch nach dem sich Abheben, nach Unterscheidung. Und das funktionierte gut über Kleidung, weil sie nach außen sichtbar ist. So ist gerade das Dirndl mitnichten Tracht im klassischen Sinn. Sein Ursprung ist das einfache Unterkleid einer Magd. Erst modebewusste Städterinnen auf Landpartie machten daraus das pompöse Gewand, was man heute auf den Festen bewundert. „Es ist eine sehr komplexe, super spannende Angelegenheit“, sagt Kuratorin Schlenker zur >>>
>>> Beschäftigung mit dem Thema. „Alle gehen immer davon aus, dass es Tracht schon immer gegeben hat. Aber sie ist eben wirklich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts dazu gekommen. Kleidung hat sich immer verändert.“ Also? Reload!
Gibt es eine Zukunft für traditionelle Handwerkstechniken? Ist globale Mode ohne lokale Verortung auf Dauer attraktiv? Das sind Fragen, die sich Hannoveraner Modedesignstudenten gestellt haben. Und sie sind aktueller denn je, was man daran sieht, dass auch Moderiesen merken, dass Masse nicht alles ist, wenn Verbraucher anfangen, Herkunft und Austauschbarkeit zu hinterfragen. Völlig unvoreingenommen und beschwingt haben die Hochschul-Absolventen aus Hannover die alte Schaumburger Tracht neu erdacht und präsentieren ihre Ergebnisse aus zwei Jahren Arbeit jetzt in der Föhrer Ausstellung. Da sind aus Nesselstoff nachgenähte Trachten zu bewundern, die durch Eigenkreationen eine ganz neue Wirkung entfalten – vom Jeans-Outfit bis hin zur mondänen Exzentrik.
Nicht minder imposant sind die afrikanisch-bunten Stoffe, aus denen zwei kamerunische Schwestern für ihr Münchner Label Noh Nee Dirndls schneidern – wild, und sehr besonders. Der Detailreichtum der Trachten lässt sich auch an dem riesigen Scherenschnitt der Leipziger Kunstprofessorin Annette Schröter erkennen oder an den Arbeiten von Sandra Heinz und Anja Luithle, die Kleider und Hauben von ihren Trägerinnen isoliert haben, was zum Nachdenken über den Umgang mit Kopftüchern in der eigenen Kulturgeschichte anregt. In den üppigen, plakativ mit Farbe ausgefüllten Dekolletés der 1971 geborenen Berliner Künstlerin Sabine Dehmel hängen Porträts berühmter streitbarer Frauen. Vielleicht ein Zeichen, dass Herz, Charme und Verstand auch keine schlechten Geschlechtsausprägungen sind.
Was den Reiz dieser Ausstellung erhöht, ist der Tempuswechsel: Hier Exzentrik, dort Weichzeichner. Die Schneiderpuppen mit den Trachtenroben der Künstler – darunter auch die Grande Dame des Mode-Punks, Vivienne Westwood – stehen neben und zwischen den Gemälden, Zeichnungen und Figuren mit alt-friesischer Kleidung. Immer wieder stößt man auf die Werke der alten Klassiker aus der museumseigenen Sammlung, Wilkens, Exner, Engel, die, laut Katalog, unter „Volkslebenmalerei“ zusammengefasst werden können und verklärende Darstellungen zeigen von unverdorbenen Menschen, die in schönen Landschaften fröhlich ihren Tätigkeiten nachgehen. Amüsant dabei: Wir sind nicht die erste „Generation Landlust“. Schon diese schönen Inselflausch-Kunstwerke vom Ende des 19. Jahrhunderts sind getrieben von der Sehnsucht des städtischen Bürgertums nach Natur.
Alt und neu – gegeneinander gehängt zeigt sich die Parallele zwischen Romantik früher und heute. In der Ausstellung gibt es auch ein Wiedersehen mit der 1974 in Kiew geborenen, in Berlin lebenden Fotokünstlerin Mila Teshaieva, die ihre Artist-in-Residence-Zeit im Museum Kunst der Westküste vor zwei Jahren dazu nutzte, Insulaner mit ihrer hoch komplexen Lichtmalerei hinreißend in Szene zu setzen.
Zum interessanten Begleitprogramm der Ausstellung, die bis zum 7. Januar dauert, gehören ein Artist-Talk mit dem Fotografen Hendrik Kerstens am 2. Januar 2018, Mitmach-Modeworkshops für Jugendliche und Erwachsene am 16. und 17. Dezember mit der Modedesign-Professorin Martina Glomb aus Hannover (Lieblingsteile oder Fehlkäufe mitbringen), ein Vortrag über die Föhringer Tracht am 10. Dezember in der Ferring-Stiftung, und für „Tanzlaune und Trachtenpracht“ kommt am 29. Oktober die Utersumer Trachtengruppe ins Museum. Bereits am 15. Oktober erzählt die Wyker Goldschmiedin Ilke Engeland über die Geschichte des wunderschönen Trachtenschmucks der Insel. Nicht verpassen: Die Alkersumer Museumsnacht am 1. Dezember.


„Reload! Tracht Kunst Mode“ im Museum Kunst der Westküste. Bis 7. Januar 2018. Infos unter www.mkdw.de.




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