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Bronzekunst mitten im Ort : Neu und die ganze Saison

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Norddorf hat jetzt ein Skulpturen-Pärkchen, ein sehr bereicherndes Stück Kunst mitten im Dorf.

shz.de von
erstellt am 26.Apr.2016 | 16:30 Uhr

Norddorf hat jetzt einen Skulpturenpark. Gut – ein Pärkchen. Aber ein sehr bereicherndes Stück Kunst mitten im Dorf. Und obwohl das Terrain zwischen Inselkino und Hüttmann-Hotel so groß nicht ist, musste Bildhauer Patrick Gerz viel laufen. Ständig schritt er zwischen den 16 Skulpturen hin und her, bewegte – mittels Muck-Truck, einer Sackkarre mit Antrieb – die bis zu 120 Kilo schweren Statuen mal hier, mal dort hin. Jetzt stehen sie perfekt und verteilt auf Rasen und Kies, und bekamen schon am Aufstellungstag jede Menge Aufmerksamkeit. Gerz musste seine Arbeit ständig unterbrechen, um Fragen zum Woher und Warum und Wie-geht-das zu beantworten. „Das freut mich“, sagt der 47-Jährige und lacht. „Das ist doch ein schönes Willkommen.“

Die Bildhauerwerkstatt Gerz in Nomborn im Westerwald positioniert ihre Werke gern in der Öffentlichkeit. So wie in Bad Wiessee oder Bad Zwischenahn. Fred Gerz, der Vater, urlaubt seit Jahren mit seiner Frau auf Amrum, und bald entstand, gemeinsam mit der Amrum-Touristik, die Idee, doch auch hier einige der schönen Bronzegüsse auszustellen. „Werte in Form bringen“ heißt die Ausstellung, und auf einer Schautafel werden die Künstler vorgestellt.

Gleich vorweg eine Besonderheit: die „Wasserschöpferin“ von Emil Cauer (dem Jüngeren), der 1946 starb und zu einer der größten deutschen Bildhauer-Dynastien gehörte, den Cauers aus Bad Kreuznach, die in den letzten beiden Jahrhunderten bedeutende Werke schufen. Das Original der wasserschöpfenden Dame von 1903 steht in der Berliner Nationalgalerie, die Form steht bei der Firma Gerz, die maximal neun Stück davon im Jahr gießt. Eine wahre Besonderheit für rund 8600 Euro.

Viele der anderen Stücke, signiert und nummeriert, sind von Helmut Bourger, der bei Cauer lernte, in Rom studierte und dessen Werke man heute in ganz Europa findet. Über Bourger wiederum kam Fred Gerz, Patricks Vater, zur Bildhauerei. Im Gegensatz zu Bourger, der als Vertreter der römischen Schule sehr klassisch und musisch arbeitete, steht bei Vater Gerz nicht so sehr die Figur, aber die Haltung oder eine besondere Lebenssituation im Vordergrund seiner Arbeit. Geprägt haben ihn Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Ganz süß sind die beiden Enkeltöchter, die als Bronzeguss jetzt auf dem Norddorfer Grün stehen. Sie heißen „Klein sein“ und „Kleines Glück“. Wobei – schöne Anekdote – „Klein sein“, heute 35 Zentimeter, anfangs als kindgroßes Modell geschaffen wurde, 50 Mal gegossen, und binnen kürzester Zeit 50 Sammler fand. Der stolze Kommentar der heute 15-jährigen Enkelin: „Ich bin schon ausverkauft!“ Patrick Gerz lacht, wenn er die Geschichte von seiner ältesten Tochter erzählt.

Von ihm selbst ist keine Arbeit dabei. „Aber wir schauen mal, wie den Amrumer Gästen unsere Auswahl gefällt, vielleicht können wir sie ja erweitern.“ Wenn man ihn im zickzack über die Wiese laufen sieht, hier in die Hocke gehend, da um den Baum herum schauend, dann ahnt man, was für Arbeit so eine Positionierung macht. „Die Figuren sollen sich ja harmonisch einfügen, sich nicht im Weg stehen und eigenständig wirken“, sagt Gerz. Sie haben schöne Namen: Klein sein, Besinnung, Lautenspieler, Lauscher, Freunde, Sehnsucht oder Max.

Unglaublich auch die Arbeit, die es für einen Bronzeguss braucht. Ein ewiges formen, auseinander schneiden, formen, gießen und modellieren. Ein Modell aus Ton wird in seine Einzelteile zerlegt ... Arme, Beine, Laute, zum Beispiel. Von denen wird eine Silikonform gemacht, woraus man wiederum ein Wachsmodell gewinnen kann, das dann eingebettet wird in einen mächtigen Quarz-Gips-Kokon. Der wiegt allein für so eine Laute 250 Kilogramm. Wenn der Block dann im Trocknungsofen erhitzt wird, fließt das Wachs ab und macht Platz für die flüssige Bronze, die später hineinkommt. Auf der Webseite www.gerz-atelier.de gibt es einen Film, der die komplizierte Prozedur veranschaulicht. Und der vom Licht erzählt, vom Material und von den Gedanken, die es braucht, bis etwas so schön ist, wie es jetzt in Norddorfs Mitte steht. Glücklicherweise bis zum Ende der Saison. Ein Begleitheft gibt es bei der Amrum-Touristik.

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