Erster Weltkrieg : Nasser Tod nach Minentreffer

<p>Fand den Tod in der Nordsee: John Jessen.</p>
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Fand den Tod in der Nordsee: John Jessen.

John Jessen aus Boldixum versinkt am 14. Mai mit seinem Torpedoboot im Meer.

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16. Mai 2018, 19:30 Uhr

Die Minen, U-Boote und Torpedos des 1. Weltkriegs veränderten die maritime Kriegsführung grundlegend. Ein einziger Minen- oder Torpedotreffer konnte ein großes Kriegsschiff versenken oder zumindest nachhaltig beschädigen. Die Besatzung der Torpedoboote nannte man „Schwarze Gesellen“, weil sie einerseits durch die Feuerung mit Kohle entsprechend aussahen, andererseits die Torpedoboote zur Tarnung komplett schwarz angestrichen waren.

John Jessen, Sohn des Seemanns Jens Daniel Jessen aus Boldixum, geht am 14. Mai 1918 nach einem Minentreffer mit seinen „Schwarzen Gesellen“ in der Nordsee unter. Im Juni geben die „tiefgetrübten Eltern und Geschwister“ bekannt, dass ihr Sohn und Bruder „sein Leben fürs Vaterland geopfert hat“. Die Todesanzeige endet mit den hoffnungsvollen Worten: „Auf Wiedersehn, so gingst Du fort aus Deiner Eltern Haus, Auf Erden wird’s nie mehr gescheh’n, doch tröstet uns: Es gibt ein Wiedersehn dort oben in des Himmels Höh’n.“ Hinweise, dass ein Bruder von John Jessen ebenfalls bei Kämpfen in der Nordsee umkam, können bis jetzt nicht bestätigt werden, auch findet sich kein zweiter Mann dieses Namens auf dem Boldixumer Ehrenmahl.

Elf Tage nach John Jessen, am 25. Mai, fällt Nickels A. Hinrichsen aus Alkersum an der Westfront. Erst im Januar 1919 erhält seine Frau Anna geb. Volkerts die Nachricht, dass ihr bisher als vermisst geltender „innigstgeliebter Mann“ nicht mehr lebt. Annas Enkelin Anni Haprich-Mommsen schreibt über die junge Witwe: „Sie färbte die bunt bestickten Tücher der Friesentracht schwarz und hat nie wieder ein buntes Tuch getragen.“ Anna Hinrichsen überlebt ihren Mann um 60 Jahre.

Am 29. Mai 1918 fällt Ocke Hinrich Flor aus Oldsum an der Westfront in den Kämpfen bei Amiens. Seine Schwester Marie verheiratete Niermann ist zu diesem Zeitpunkt erst wenige Wochen alt.
 

Und was geschieht auf Föhr?

Am 27. Mai 1918 lesen die Föhrer, deren Insel während der gesamten Kriegszeit nicht gesperrt ist, in der Zeitung: „Deutsche! Achtet auf Personen, die Euch über militärische und wirtschaftliche Angelegenheiten auszufragen versuchen. Spionagegefahr größer denn je!“

Es wird auch darauf hingewiesen, dass „selbstgewonnene Kanninchenfelle“ nicht für den eigenen Bedarf verwendet werden dürfen. Wer sich daran nicht hält und die Felle nicht abgibt, macht sich strafbar. Und es wird gemeldet: „Unsere Volksschulen beschäftigen sich derzeit mit der Sammlung sämtlicher Knochen. Infolge des großen Fettmangels darf kein einziger Knochen verloren gehen. Das Knochenfett hat eine große Bedeutung erlangt. Es wird zur Herstellung von vollwertigem Speisefett, Ölen für die Bekleidungsindustrie, Glyzerin, Stearin, Pech und Torpedo-Schmieröl in unserer Marine verwendet.“ Die Schüler der Gotinger Schule sammeln vom Februar bis zum Juni des letzten Kriegsjahres 183 Kilogramm Knochen. Je nach Ertrag gab es dafür eine Extraportion Margarine, so in Boldixum sieben, in Oldsum drei, in Goting zwei und in Wyk elf Pfund.

Der Schulleiter des Nordsee-Pädagogiums, Dr. Kuno Meyer, und seine Frau geben am Mai 1918 in der Zeitung bekannt: „Uns wurde heute ein Töchterchen geboren.“ Als Bürgermeister von Wyk und dem 1924 eingemeindeten Boldixum wurde er 1934 aus dem Amt gedrängt und musste Föhr nachts mit dem Motorboot verlassen. 1966 besuchte er noch einmal Föhr.

1914 - 1918: Die Opfer

Vor 100 Jahren brachte der Erste Weltkrieg unendliches Leid über die Menschen in den beteiligten Staaten – auch für Föhr hatte dieser Krieg weitreichende Folgen.  Viele Insulaner zogen begeistert in die Schlacht,  etliche kehrten nicht mehr zurück.  Die Historikerin Dr. Karin de la Roi-Frey  hat den Schicksalen der Kriegstoten von 1914 bis 1918 nachgespürt, deren Namen auf dem  Ehrenmal des Boldixumer Friedhofs stehen.  In einer Serie wird sie in den kommenden Jahren – jeweils zum 100. Todestag – an diese Menschen erinnern.

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