zur Navigation springen
Insel-Bote

23. November 2017 | 16:09 Uhr

In Wyk : Mutter – Geliebte – Kamerad

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Premiere in der „Alten Druckerei“: Die Schauspielerin Dorit Meyer-Gastell präsentierte einen Tucholsky-Abend aus Sicht der Frau.

Man kann gerne gar keine Ahnung von Kurt Tucholsky haben. Also vielleicht nur das Minimum: Schriftsteller und Journalist, lebte Anfang letzten Jahrhunderts, ein kritischer Geist in der Weimarer Republik, „Schloss Gripsholm“ und „Sudelbuch“ sind von ihm, er war Mitherausgeber der „Weltbühne“, schrieb zig Gedichte, Kabaretts – und Frauen Lieder auf den Leib. Er starb früh, da war er gerade 45. Und jetzt während der Vorstellung kann man sich herrlich wundern, was dieser kleine, dicke Mann so alles in Sachen Frauen fabriziert hat. Und was die Hamburger Schauspielerin Dorit Meyer-Gastell so passgenau herausgezogen hat aus diesem ganzen Werk und Frauenwust von dem Herrn T. Er soll es wirklich krachen gelassen haben: „Männer so in allen ihren Posen – Ein Tucholsky-Abend aus der Sicht der Frau“ heißt das Stück, das in der „Alten Druckerei“ jetzt Premiere hatte.

Bereits beim Entrée des Abends warf Mitinhaber Torsten Tews den Satz von Tucholskys erster Frau ein, die sich genau in dem Moment zur Scheidung entschlossen habe, als sie auf dem Weg ins Bett über zig Damen hinweg steigen musste. Klein, dick, und oho!

„Ich will schon seit 20 Jahren etwas über Tucholsky machen“, sagt Dorit Meyer-Gastell. „Und ich glaube ja, dass er selbst erstaunt war, wie viel Glück er bei den Frauen hatte.“ Die Regie kommt von Druckerei-Chef Michael Steuer. Der kleine Gastraum in der Wyker Mittelstraße: rappelvoll. Auf der Bühne auch Meyer-Gastells Partner, Jurij Kandelja, gebürtig aus Moldawien, der auf seinem Knopfakkordeon sehr virtuos schöne Musik aus der Zeit Tucholskys spielte: Getragen, fidel, salonig oder kabarettistisch – seine Partnerin unterstützend in ihren verschiedenen Rollen als Chansonnière (mit Zylinder) und Geliebte (kokett mit Puderbausch).

Die Idee, die dem Stück vorausging und zwischen Schauspielerin und Regisseur eine langsame Annäherung fand, war, die Memoiren Lisa Matthias’ mit einzuflechten: jener Journalistin, die 1962 – also weit nach Tucholskys Tod –ihre Liaison mit dem berühmten Schreiber enthüllte, mit dem sie „so intim befreundet gewesen (war), wie man das als Frau mit einem Mann sein kann“. Das alles war wunderbar frisch, verspielt und erotisch ... nämlich genau so, wie man Tucholskys für die damalige Zeit ungewöhnlichen Ton beschrieb. Dementsprechend groß und lange war auch der Applaus.

Weitere Aufführungen auf den Inseln werden folgen: Dorit Meyer-Gastell und Jurij Kandelja sind mit „Tucholsky“ am 12. Juni auf Amrum und am 19. Juni, 12. September und 4. Oktober wieder in der „Alten Druckerei“. Solo ist die Schauspielerin dort auch mit ihrem Mascha-Kaléko-Programm am 29. Mai und 31. August. Außerdem tritt sie als „Schlampe, Witwe, Mörderin“ am 31. Mai im Kurgartensaal auf.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen