Auf Amrum : Muko-Lauf mit doppeltem Rekord

Rund 500 Läufer nahmen die gesamte Strecke in Angriff.
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Rund 500 Läufer nahmen die gesamte Strecke in Angriff.

700 Läufer waren bei dem Pfingst-Spektakel am Start. Spendensumme kletterte erstmals über 50 000 Euro. Auch Marcus Hausmann unter den Läufern.

shz.de von
26. Mai 2015, 15:45 Uhr

Es ist ein bisschen wie im Märchen: Es war einmal ein Mann, der war sehr krank. Er hatte keine gute Lunge und konnte nicht laufen. Da ließ er andere laufen und sammelte mit ihnen Geld für Menschen, denen es nicht so gut geht. Um ihnen Mut zu machen. So ging das viele, viele Jahre. Eines Tages schenkte jemand dem Mann eine neue Lunge. Damit lief er los ... und sammelte den Riesenbetrag von 5000 Euro ein.

Der Mann aus dem Märchen ist Marcus Hausmann, der zehn Jahre lang das größte Benefiz-Event Amrums organisiert hat, den Mukoviszidose-Lauf der Fachklinik Satteldüne zu Pfingsten. Vor zwei Jahren hat er das Spektakel in die Regie von Uwe Köller übergeben, weil die Krankheit es so forderte. Jetzt, neun Wochen nach seiner Transplantation, ist er mit neuer Lunge zurück. Am Start des 12. Muko-Laufes und am Start für ein, sagen wir ruhig: neues, frisches Leben.

Der Trubel ist dem 48-Jährigen gar nicht so recht, obwohl er natürlich weiß, dass große Aufmerksamkeit immer gut ist, eine große Sache voranzutreiben. Über 700 Läufer gingen dieses Jahr an den Start, das ist absoluter Rekord. Die Spendensumme ist es auch. Über 50  000 Euro kamen für die Regionalgruppe Amrum des Mukoviszidose-Vereins zusammen. Eine Bilanz, die über die letzten Jahre ganz steil nach oben geht. Das Spendenranking im Internet live zu beobachten, war oberspannend. Tagelang dominierten Vera Friesendorff vom Weinhaus Friese in Nebel und Malte Harjes, Kinderfacharzt der Satteldünen-Klinik. Aber am letzten Morgen, wenige Stunden vor dem Start, katapultierten große und kleine Spenden Marcus Hausmann an die Spitze und verdoppelten seine Spendensumme auf satte 5400 Euro.

Zum ersten Lauf (Einmal um die Insel und um die halbe Insel) zählte Hausmann von fünf runter auf Start, nachdem der ärztliche Direktor Dr. Christian Falkenberg und Verwaltungsdirektorin Saskia Louwers alle begrüßt hatten. Zur kleinen 4,5-Kilometer-Runde startete Hausmann im Pulk seines Hamburger Krankenhaus-Teams. Sein Arzt und er hatten sich vor der Operation in die Hand versprochen: wenn alles gut geht, laufen wir zusammen.

Das Faszinosum Nummer eins an diesem Laufevent ist der Spirit, der mit- und ins Ziel einläuft. Alle(s) für einen guten Zweck. Das glaubt man, ganz beseelt, selbst bei den Allerkleinsten zu spüren, die in der Kindergartengruppe organisiert, mit fliegenden Kopftüchlein über die Ziellinie wackeln. Mit am Start Patienten von der Klinik, Ärzte, Husumer Rotarier, der Bundesvorsitzende des Mukoviszidose-Vereins Stephan Kruip, Insulaner, Gäste und – Hochzeitsgäste. Eine tolle Aktion vom Team „Hochzeit“ um Anabel und Moritz Totzauer: Am Freitag geheiratet, am Sonnabend über die Zielschwelle des Mukolaufs getragen. Ein tolles Bild.

Dank bestens beschrifteter T-Shirts mit Namen und Funktion (Trauzeugin, Schwägerin) hatte Mathias Hölck bei seiner Zielmoderation in diesem Fall leichtes Spiel. In anderen Fällen behalf sich der Lehrer der Öömrang Skuul sehr elegant mit Zurufen und seinem guten Namensgedächtnis. Neben ihm immer mal wieder der ein oder andere Zieleinläufer zum kurzen Gespräch: Heike Janz zum Beispiel, aus Nettetal, jung, vor zwölf Jahren lungentransplantiert und jetzt glücklich, den Gegenwind und den tiefen Sand gemeistert zu haben. 1350 Euro Spenden hatte sie eingeworben. Sie lief das dritte Mal mit, war mit sechs Jahren das erste Mal Patientin auf Amrum und kommt jetzt als Gast immer wieder. Mit Freunden, die auch Mukoviszidose haben, die untereinander verdammt gut vernetzt sind, „dieser Buschfunk hilft uns sehr“.

Dann lief Marcus Hausmann mit seiner „Team LTX-UKE“-Entourage aus Medizinern, Familie und Freunden glücklich über die Ziellinie. Mal eben 5412 Euro fünfzig erlaufen – und wahrscheinlich ein ganz neues Lebensgefühl. Glückwunsch.

Das nächste Faszinierende an diesem Laufevent hat seinen Ursprung in der Arbeit, die vorher zu leisten ist: Spenden auf sich zu vereinen. Der Lauf ist dann nämlich nur noch Belohnung. Kinderarzt Malte Harjes sprach von „sehr nachdrücklichen Erinnerungsmails“ an Freunde, Kollegen und Bekannte – und grinste. Vera Friesendorff, die mit Mann Jens und einem österreichischen Freund auf die Halbe-Insel-Strecke ging, hatte zwei, drei Wochen zuvor eine Spendendose aufgestellt und die rund 50 Mitglieder ihres Freundeskreises „Weinfriese“ ebenfalls „sehr offiziell und mehrmals“ an dieses Event erinnert. Marcus Hausmann bekam am Morgen des Lauftages einen Anruf von Organisator Uwe Köller, weil gerade eine Summe gespendet worden war, von der man erst dachte, das Komma sei verrutscht. Dem war nicht so, wie Köller auf Nachfrage beim Spender erfuhr. Derart gepuscht, hat Hausmann dann noch mal alle Hebel in Bewegung gesetzt. „Leute, da geht noch was – spendet!“

Die drei Spendenkönige gewannen je ein paar Tage im Haus Sturmvogel des Mukoviszidose-Vereins in Wittdün. Das Elf-Appartment-Seele-baumel-Haus für Muko-Patienten und ihre Familien ist perfekt ausgerüstet und sehr bedacht, allergikerfreundlich, für deren Belange ausgerüstet. Dazu tragen auch jedes Jahr die Rotarier aus Husum und die Damen des Inner-Wheel-Clubs bei, die wieder zwei Schecks über insgesamt 1500 Euro an Uwe Köller überreichen konnten. Zusammengekommen aus privaten Spenden der Husum-Rotarier und dem Verkauf von handgearbeiteten Körnerkissen in Apotheken und Arztpraxen. Die Gruppe, zu der auch die Architektin Barbara Barten gehört, kümmert sich seit Jahren rührend. Barten hat vor drei Jahren gemeinsam mit Hausmanns Frau Gudrun die Sanierung und Neuausstattung des Sturmvogel-Hauses verantwortet.

Uwe Köller, Chef-Organisator dieses wieder so erfolgreichen Events, war froh, dass er zur Siegerehrung nicht mehr so viel sagen musste. Das nahm ihm der Bundesvorsitzende Stephan Kruip ab, der dieses Jahr 50 geworden und das beste Beispiel ist für den Forschungs-Fortschritt bei dieser unheilbaren Erbkrankheit, an der in Deutschland rund 8000 Menschen leiden. Denn vor 50 Jahren, als der Mukoviszidose-Verein gegründet wurde, hatten Kinder, die mit dieser Krankheit geboren wurden, eine Lebenserwartung von vier Jahren. Heute sind es rund 40. Und Kruip ist schon 50. Und die Hoffnung – und die Forschung – gehen weiter. Kruip hat aber auch an die Muko-Betroffenen erinnert, die nicht laufen können und ihr Leben „zwischen Treppenlift und Krankenhaus“ verbringen.

Auch Köller, dessen anstrengender Orga-Job für dieses Jahr langsam zu Ende ging, gehört zu denen, die in ihrer Jugend die Prognose „wird nicht erwachsen“ bekamen. Ein Irrtum, dank besserer Therapien und Antibiotikabehandlungen. Der 42-Jährige, der vor acht Jahren der Luft wegen nach Amrum kam, weiß, wie wichtig die Fachklinik Satteldüne für die Muko-Patienten ist. Seit den 1980-ger Jahren wird die Krankheit hier behandelt. Und für ganz viele Menschen ist die Satteldüne zu einem Fixpunkt geworden. Zu dem sie immer zurückkehren.

Die später am Abend vor der Bühne zur rockigen Musik von Johnny Hamburg und Band tanzenden Jugendlichen sieht man mit ganz anderen Augen, wenn man weiß, dass ihnen dieses wilde Rumgezappel zu Hause gar nicht möglich wäre. „In Potsdam würde ich das luftmäßig gar nicht schaffen“, sagt Aileen. Die 16-Jährige ist zum zweiten Mal auf Amrum und liebt diesen Ort. „Du kommst her, hustet dich einen Tag lang frei und bekommst dann vier Wochen toll Luft.“ Von dem Luftphänomen berichten auch andere Teenies. Zwölf von der „Station Sonnendeck“ sind mitgelaufen. Muss ein unglaublicher Unterschied sein zwischen Festlands- und Inselluft. Die Jugendlichen nutzen Amrum als Kraftort. „Hier konzentriere ich mich wieder ganz in Ruhe auf mich und meine Atemtherapie, hier ist nichts, was mich ablenkt, kein Alltag, kein Schulstress und das ganze Drumherum“, sagt Aileen. Ihre Lebenserwartung war bei Bekanntwerden ihrer Krankheit schon um 16 Jahre angestiegen. Da ist sie nun. Es geht ihr gut. Natürlich denkt sie an das, was kommt. Daran, dass sie irgendwann – wie alle – eine neue Lunge brauchen wird. „Es gibt gute und schlechte Tage“, sagt sie. Journalistin, das wär so ihr Traumjob. Gute Wahl, denke ich und freue mich, dass ich sie fotografieren darf.

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