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Der Erste Weltkrieg : Mitten im Krieg ein Stück Normalität genießen

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Im Sommer 1917 kamen 4814 Gäste nach Föhr – ihre Verpflegung bereitete den Verantwortlichen einiges Kopfzerbrechen.

shz.de von
erstellt am 23.Jul.2017 | 08:30 Uhr

Der Winter 1916/17 war nicht nur von den Temperaturen her hart gewesen. Die frierenden, schon lange unterversorgten Menschen hatten außer Kohlrüben so gut wie nichts mehr zum Essen gehabt. Dann aber brachte schönes Frühlingswetter Hoffnung zu den Menschen. Sie brachen auf zu Spaziergängen am Meer und lauschten dem ersten Lerchengesang in den Feldern der Insel.

Die zu erwartenden Gäste bereiteten dem Wyker Bürgermeister Gustav Bergmann große Sorgen. Im Sommer 1916 waren 3420 Gäste nach Föhr gekommen, im Sommer 1917 stieg die Zahl auf 4814. Schon im Januar 1917 begab sich Bergmann nach Berlin, um sich an höherer Stelle über die Verpflegung auf der Insel zu beraten. Und obwohl im April auch noch der Miesmuschelfang verboten wurde und 50 Gramm Tee schon etwas ganz Besonderes waren, gelang es Bergmann, „seine Stadt Wyk“ einigermaßen zu versorgen. Zur Unterhaltung der Gäste veranstaltete der Wyker Schützenverein Wettschießen, der bekannte Lautensänger Niels Sörensen trat auf, und im Königsgarten wurde ein Karussell aufgebaut.

Die Urlauber waren froh und erleichtert, sich für eine kurze Ferienzeit in ein Stückchen „Normalität“ weit ab vom Kriegsgeschehen begeben zu können. Was machte es da schon, dass man schon vor der Abfahrt in Dagebüll klatschnass wurde, dass es in diesem Jahr auf Föhr auch im August regnete und stürmte? Baden, Besuche machen, spazieren gehen in den wunderschönen Inseldörfern und lesen beim abendlichen Lampenschein konnte man trotzdem.

In Wyk sorgte das ungewöhnliche Wetter mitten im August für Gewitter und wolkenbruchartigen Regen. Aus dem Keller von Schlachtermeister Volkert Friedrichs in der Hafenstraße, vom „Altdeutschen Keller“ an der Ecke Sandwall/Große Straße und dem des Rathauses in der Königstraße wurde „Hochwasser“ gemeldet, das bei Friedrichs sogar bis in den Laden stieg.

Im September schien sich die Lage beruhigt zu haben. Ein Kurgast schrieb nach Wiesbaden: „Meine Lieben, viele herzliche Grüße von der schönen See. Gegend und Unterkunft sind gleich ausgezeichnet. Wir verleben herrliche Tage“.

In Wyk sprach sich schnell herum, dass Dr. Carl Häberlin zu einem sechswöchigen Erholungsurlaub von der Front nach Hause gekommen war. Der mit einem Rheumaleiden aus dem Feld zurückgekehrte Dr. Moritz Edel konnte sich kurieren und seine Praxis wieder eröffnen. Weiterhin in China interniert blieb Jakob Doorentz aus Boldixum. Als Maschinist war er in ostasiatischen Gewässern unterwegs gewesen, als ihn der Krieg 1914 überrascht hatte.

„Jakob Chines“, wie man ihn später nannte, sprach nie mit Bitterkeit von dieser Zeit, die er bei einem fremden Volk verbringen musste. Ihm und der Schiffsbesatzung war es gestattet gewesen, sich einigermaßen frei zu bewegen. Nach dem Krieg kehrte Doorentz zurück nach Föhr und hatte später zusammen mit seinem Nachbarn Ipke Siewertsen den Lustkutter „Forelle“. Sie war „ein großes, schönes Boot mit prächtigen braunen Segeln“, erinnerte sich 1983 Ada Heymann, die 1921 als Heilgymnastin an das Nordsee-Sanatorium gekommen war.

Im Prospekt des Hauses von Dr. Carl Gmelin heißt es für 1917: „Die Verpflegung ist kurgemäß. ... Selbst eine der Zeit angemessene Unterhaltung durch edle Musik fehlt nicht.“ Milch, Butter und andere wichtige Nahrungsmittel konnten laut Prospekt auf der Insel besorgt werden. Eine „Vereinfachung der Küche im Sinne der Verfügungen der Behörden“ wurde aber angekündigt. Zur Versorgung der Gäste und des Personals trug die eigene Backstube des Sanatoriums bei, entscheidend aber der Obst- und Gemüsegarten des Obergärtners, Wilhelm von Bülow.

Verarbeiten konnte man fast alles: Ähren, Kümmel, Kamillen, Champignons, Brombeeerblätter und vieles mehr. Russische Gefangene gehörten zu den Helfern in den Anlagen des Nordsee-Sanatoriums. Zu den Köchen in dieser Zeit gehörte der aus Nagold stammende Walter Finckh, der bei der Amrumer Inselwache war und dann eingezogen wurde. Ihm gehörten später die Häuser rechts neben dem heutigen „Kaufhaus Südstrand“ in der Osterstraße.

In den Unterlagen des Missionshauses der Gemeinde „Eben Ezer“ (Wyker Kapelle in der Süderstraße) heißt es über 1917: „Wenn Gott den Frieden gibt, wer weiß, ob dann nicht doch manche Menschen, auf denen nun beständig ein Druck liegt, Gottes Güte erkennen und zu ihm sich wenden und halten.“ Im Sommer 1917 kamen die ersten Gedanken an eine Gedenkstätte für die Gefallenen des 1. Weltkriegs auf.

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