Föhr : Mit Backpulver und ganz viel Sachverstand

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Lenz Roeloffs hat die Öchsle-Grade immer im Blick. Fotos: len
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Lenz Roeloffs hat die Öchsle-Grade immer im Blick. Fotos: len

Lenz Roeloffs aus Süderende ist Deutschlands nördlichster Winzer. Er freut sich über einen Föhrer Jahrhundert-Wein.

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12. Oktober 2018, 22:12 Uhr

Als ganz kleines Kind träumte Lenz Roeloffs aus Süderende davon, entweder Bauer oder Vulkanologe zu werden. Doch diese Ziele hängte der heute 23-Jährige in der elften Klasse an den Nagel und entschied sich für einen auf Föhr nicht alltäglichen Beruf: „Ich werde Winzer“. An dieser Entscheidung ist Christian Roeloffs, der Vater von Lenz, nicht ganz unschuldig. Vor mehr als zehn Jahren machte er sich schon Gedanken darüber, ob im Zuge des Klimawandels die Insel Föhr ein Weinanbaugebiet werden könnte. Im Verlauf des vergangenen heißen und trockenen Sommer wurde deutlich, dass Christian Roeloffs Überlegungen durchaus sinnvoll waren, und der Ertrag von rund 10 000 Litern Most, die zu Waalem-Wein werden wollen, gibt ihm recht.

Im Jahr 2008 bekam Schleswig-Holstein von Rheinland-Pfalz Wein-Anbaurechte für zehn Hektar. Davon konnten zwei Hektar für die Insel „abgezweigt“ werden und nach aufwändigen Klima- und Bodengutachten fiel die Entscheidung, die Sorten „Solaris“ und „Johanniter“, zwei sehr robuste und dem Nordseeklima angepasste Weißwein-Rebsorten, anzupflanzen. Inzwischen werden 2,8 Hektar bearbeitet, wovon ein kleiner Teil auch für Neuanpflanzungen genutzt werden. Als fachkundigen Berater hatten die Föhrer anfangs den Winzer Jens Heinemeyer aus dem rheinhessischen Biebelsheim an ihrer Seite. Er ist Spezialist für Weinanbau in nördlicheren Bereichen.

Im Jahr 2009 wurden bei Alkersum die ersten Rebstöcke gepflanzt. Vater und Sohn Roeloffs bekamen rasch einen Eindruck von der aufwändigen Arbeit im Weinfeld, wo Handarbeit unverzichtbar ist. Rund 1600 Stunden müssen nach Schätzung von Lenz Roeloffs für einen Hektar aufgewandt werden, wobei ihnen zugute kam, dass Schulfreunde als tatkräftige Helfer dabei waren und auch heute noch regelmäßig Hand anlegen.

Die anstrengende Arbeit vermochte Lenz Roeloffs nicht abzuschrecken, und bei Praktika in Weinbaugebieten wurde sein Entschluss noch fester: „Ich werde Winzer“. Inzwischen hat er seine zweijährige Lehre in Biebelsheim als Winzergeselle abgeschlossen und studiert an der hessischen Hochschule Geisenheim Internationale Weinwirschaft. Dabei handelt es sich um einen dreijährigen Bachelor-Studiengang. „Ich könnte mir vorstellen, noch ein Studium der Önologie, also der Weinkunde, anzuhängen, weil ich dann noch tiefer in die Materie eindringen könnte. Ich weiß aber nicht, wie lange mein Vater das mitmacht“, meint der junge Student, der absolut sicher ist, dass er langfristig als Winzer auf Föhr existieren kann. „Meine Studienkollegen sind sehr von ihren Gegenden eingenommen und haben zunächst nur gegrinst, als ich von unserem Föhrer Wein berichtete“, erzählt er. Bei Weinproben und Besuchen auf Föhr konnte er aber seine Kommilitonen eines Besseren belehren – auch ihnen schmekte der norddeutsche Tropfen.

Trotz seines Studiums in Geisenheim ist der junge Weinbaufachmann Lenz Roeloffs auf Föhr im Winzereinsatz, und den Jahrgang 2018 bezeichnet er als „außerordentlich gut“. Dem Ertrag von 10 000 Litern Most in diesem Jahr stehen 7000 Liter im vorangegangenen Jahr gegenüber und die Öchsle-Grade fallen nach den ungewöhnlich sonnenreichen Sommermonaten äußerst gut aus. Dabei sind die Föhrer Weinstöcke auch ohne Bewässerung mit der Trockenheit bestens zurechtgekommen. „Die Wurzeln suchen sich die Feuchtigkeit in der Tiefe.“

Zwar ist das Weingut Waalem offiziell keinem Bio-Siegel angeschlossen, doch Lenz Roeloffs Wirtschaftsweise richtet sich nach deren Vorschriften. „Auf Föhr sind unsere Weinreben eigentlich nur von Rehen und von Pilzen bedroht“, berichtet er, „Gegen Rehe haben wir die Zäune errichtet, und gegen Pilze ist Backpulver ein kaum zu übertreffendes Mittel“.

In früheren Jahren reiste Jens Heinemeyer mit seiner mobilen Presse und später mit einer Abfüllanlage auf die Insel. Inzwischen ist das Weingut Waalem in dieser Beziehung autark. In der großen Halle des Hofes zwischen Alkersum und Nieblum haben eine Kelterei mit Kelter, blitzenden Stahltanks und fünf Fässern aus französischer Eiche Einzug gehalten. Das Ergebnis der diesjährigen Bemühungen gluckert nun in den Gefäßen. Regelmäßig kontrolliert der Föhrer Winzer den Fortschritt der Gärung, bis der Wein dann in Flaschen abgefüllt werden kann. Der Waalem-Wein entsteht komplett auf Föhr, während die Sorte „Fering Dringer“ eine Cuvée des Föhrer Weins mit rheinhessischem Wein ist und dazu einen Ausflug aufs Festland unternehmen muss. Mit rund 12 000 Flaschen des Weines von Föhr sollen dann die Liebhaber des edlen Rebengetränkes erfreut werden.






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