Lust auf türkische Literatur geweckt

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13. August 2011, 11:21 Uhr

Wyk | Schon mehrfach stand die Türkei als Länderschwerpunkt des diesjährigen Föhrer Literatursommers im Mittelpunkt von Lesungen, deren türkischstämmige Verfasser eines gemeinsam hatten: In Deutschland aufgewachsen und in beiden Kulturen zu Hause, betrachteten sie ihre Heimat von außen, näherten sich dem Tor zum Orient zudem jeweils von der humoristischen Seite. "Meilensteine der türkischen Literatur" hieß nun eine Lesung in der "Alten Druckerei", in deren Verlauf Michael Steuer und Torsten Tews Schriftsteller zu Wort kommen ließen, die eine Innenansicht boten und in ihren Büchern eigene und nicht immer positive Erfahrungen verarbeitet hatten.

Wer sich zu Beginn der Lesung aber an Till Eulenspiegel erinnert fühlte, lag nicht falsch. Denn der Auftakt gehörte Nasreddin Hoca und somit einer Tradition, die, so Steuer, "einen unversiegbaren Quell bildet, aus dem die modernen türkischen Schriftsteller und Poeten schöpfen", gleich, ob es sich um Realisten oder Romantiker, Satiriker oder Surrealisten handle. Hoca gilt als Vorreiter humoristischer und prosaischer Geschichten im gesamten türkisch-islamisch beeinflussten Raum. An einigen Anekdoten des weisen Narren, der mal die Rolle eines schlauen Menschen und mal die eines Idioten spielte, konnten sich die Zuhörer erfreuen und davon überzeugen, dass Humor und gesunder Menschenverstand sinnvoller als Dogmen sind.

Die moderne Erzählliteratur der Türkei ist geprägt von der rasanten Entwicklung seit der Republikgründung durch Mustafa Kemal Atatürk, mit einer seinerzeit dörflich bestimmten Gesellschaft, bis hin zur heutigen Industrienation. Traditionen lösten sich bisweilen auf, das Leben in den türkischen Dörfern aber ist auch heute noch von Armut, Analphabetismus und Traditionalismus sowie dem Zusammenhalt der Dorfbewohner geprägt.

Die so genannte Dorfprosa, in diesem Umfeld entstanden, prägte die frühe türkische Literatur. Geschichten, die das archaische Landleben beschrieben, deren Autoren das Milieu genau kannten und denen mitunter die Metamorphose vom wenig privilegierten Landbewohner zum international angesehen Schriftsteller gelang.

Einige kamen an diesem Abend zu Wort. Orhan Duru etwa ("Hermaphrodit"), der auf beeindruckende Weise sozialkritische Texte mit schwarzem Humor vereint. Oder Yesim Dorman ("Vollmond über Harran"), eine Geschichte, in der eine Ethnologin aus Ankara in dem Dorf bei Urfa als Aussteigerin zu sich selbst finden will und mit der Zuneigung des jungen Haydar konfrontiert wird. Und schließlich Fakir Baykurt, dessen Geschichte "Dann krieg ich mein Kind in den Bergen" Tews wunderbar zu Gehör brachte, dem es gelang, das Publikum in eine geradezu melancholische Stimmung zu versetzen. Das Leben in den anatolischen Dörfern lag im Fokus der Erzählungen und Romane des 1999 verstorbenen Baykurt, der neben Yaÿar Kemal zu den bedeutendsten Vertretern der sozialkritischen Dorfprosa zählte und dessen Werke das dortige Leben erschütternd realistisch zeichneten.

Steuer und Tews öffneten an diesem Abend ein Fenster, erlaubten einen Blick in eine türkische Erzählkunst, die den gesellschaftlichen Wandel in der Türkei widerspiegelt und in den europäischen Ländern noch ihren festen Platz sucht. Lust, sich ausgiebiger mit der türkischen Literatur zu befassen, machten beide allemal.

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