Norddorf : Liebes-Urlaub auf der Insel

Sebastian Rolke, der Belegstellenleiter vom „Züchterring Himmel“ (re.), berät Manfred Kurfürst und Sandra Martinen beim Einbringen der Königinnen in die Amrumer Belegstelle.
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Sebastian Rolke, der Belegstellenleiter vom „Züchterring Himmel“ (re.), berät Manfred Kurfürst und Sandra Martinen beim Einbringen der Königinnen in die Amrumer Belegstelle.

Sie kommen vom „Züchterring Himmel“: 60 junge Bienenköniginnen vom Festland feiern auf Amrum Hochzeit.

shz.de von
16. Juli 2018, 12:00 Uhr

Der Tag des königlichen Besuchs auf der Insel begann grisselig grau in Erwartung des angekündigten Regens, wie so oft um Mittsommer herum. Etwa 60 junge Königinnen – Bienenköniginnen – wurden zu einem befruchtenden vierwöchigen Aufenthalt auf der Insel erwartet. Zu zweit oder viert würden sie sich, umgeben von ihren kleinen Hofstaaten, je einen der Holz-Bungalows teilen, die in etwa so aussehen wie die Briefkästen im schwedischen Bullerbü, wenn auch mit gewissem Anstandsabstand. Kaum war der kleine weiße Lieferwagen mit Pinneberger Kennzeichen angekommen, riss ganz unerwartet der Himmel auf und die Königinnen konnten bei strahlendem Sonnenschein ihre Hochzeitsquartiere beziehen. Die in Erwartung ihrer Begattung Angereisten trugen ein rotes Plättchen als Kopfschmuck, wodurch man sie in der Menge des mitgebrachten Hofstaates gleich erkennen konnte.


Königinnen kommen jedes Jahr

Ganz besondere Königinnen sind das, die auf Amrum einmal im Jahr empfangen werden. Es sind junge Bienenköniginnen des „Züchterrings Himmel“, die in die Inselbelegstelle des Imkerverbands Schleswig-Holstein und Hamburg gebracht werden, um von den Drohnen der Amrumer Bienenvölker befruchtet zu werden. Sie gehören zur Zuchtlinie Apis mellifera carnica-Peschetz und gelten als besonders sanftmütig, leistungsfähig (früher Honigertrag), standtreu (selten vom Schwarm abtrünnig) und widerstandsfähig.

Damit diese Eigenschaften linientreu weitergegeben werden und die Bienenköniginnen sich nicht von Drohnen mit anderen Eigenschaften begatten lassen, schicken die Imker vom Festland ihre Königinnen gern in die Linienbelegstelle auf der Insel, da sie außerhalb des Flugradius anderer Bienenvölker liegt, der höchstens sieben oder acht Kilometer beträgt. Auf ganz Amrum dürfen andere Bienenvölker als die Zuchtvölker nicht aufgestellt werden, denn schon seit 1958 ist die gesamte Insel gesetzlich geschütztes Schutzgebiet für die Befruchtung von Bienenköniginnen des „Züchterrings Himmel“. Der Zuchtverband versorgt auch die etwa zehn Bienenvölker der Imker auf Amrum regelmäßig mit neuen Königinnen aus anderen Carnica-Peschetz-Linien, um Inzucht auf der väterlichen Seite zu vermeiden und immer genügend Drohnen für die Befruchtung der Zuchtköniginnen zu bekommen.


Sandra Martinen knüpft an Familientradition an

Vor drei Jahren übernahm der Biologe Manfred Kurfürst aus Nebel die Bienenstöcke von Bäckermeister Karsten Schult und auch Sandra Martinen, die Schwieger-Enkeltochter von Martin Martinen aus Norddorf, der die Belegstelle nach dem Krieg mit aufgebaut hat, knüpfte wieder an die Familientradition an und begann zu imkern. Zusammen betreuen sie mit Unterstützung des Zuchtverbands die Belegstelle und halten das Gros der Bienenvölker auf der Insel, aus denen die – übrigens stachellosen – männlichen Bienen (Drohnen) zur Begattung ausschwärmen.

Die Amrumer Drohnen sammeln sich dann irgendwo über der Insel und erwarten die Königinnen zur Paarung in der Luft. Während der Hochzeitsflüge lassen sich die Königinnen (Weiseln) von mehreren Drohnen in der Luft begatten und sammeln deren Spermien für den Rest ihres Lebens. Nach dem Hochzeitsflug kehren die jungen Königinnen zur Eiablage in ihre Quartiere zurück. Dort werden sie von den mitgebrachten Arbeiterinnen versorgt und beschützt, bevor Belegstellenleiter Sebastian Rolke vom „Züchterring Himmel“ die Begattungsvölkchen abholt und es mit der ganzen Brut in der weißen Karosse wieder zurück aufs Festland zu den Imkern geht.

Im vergangenen Jahr lag die Erfolgsquote der Amrumer Belegstelle um die 80 Prozent. Der ökonomische Nutzen, den Honigbienen durch die Bestäubung von Nutzpflanzen leisten, ist enorm und wesentlich größer als der wirtschaftliche Wert der Honigerzeugung, denn über 80 Prozent aller europäischen Nutzpflanzenarten, insbesondere Beeren, Früchte, Gemüse, Nüsse und Raps, sind mehr oder weniger auf die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten angewiesen. Ohne Bienen stürbe die Landwirtschaft.

Etwa 3000 Imker mit insgesamt rund 22 000 Bienenvölkern sind im Landesverband Schleswig-Holsteinischer und Hamburger Imker organisiert – in 16 Kreisverbänden, 77 Ortsvereinen und elf Züchterringen. Einer von ihnen ist der „Züchterring Himmel“, der nach dem Wohnort seines Vorsitzenden in Klein Nordende benannt ist.

Weitere Informationen dazu gibt es unter www.npz-ev.de/wp_zuechterringe/ zr_himmel.



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