Erster Integrationskurs auf Föhr : „Lernen war keine Einbahnstraße“

Die Schüler feierten mit den Verantwortlichen ihren erfolgreichen Abschluss.
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Die Schüler feierten mit den Verantwortlichen ihren erfolgreichen Abschluss.

Erfolgreiches Ende: 17 von 20 Teilnehmern haben die Sprachprüfung bestanden.

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02. Dezember 2017, 17:30 Uhr

Es duftet nach arabischem Kaffee, der Tisch biegt sich unter Schüsseln und Platten mit leckeren Speisen und die Stimmung konnte nicht besser sein. 20 Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien sowie Afghanistan und Eritrea feierten den Abschluss des Integrationskurses gemeinsam mit ihren Lehrern in den Räumen der ehemaligen Kurverwaltung am Südstrand.

Seit Februar hatten sie gebüffelt, in rund 600 Stunden die deutsche Sprache gepaukt und in etwa 100 Stunden in einem sogenannten Orientierungskurs Allgemeinwissen über die deutsche Geschichte und Kultur angesammelt. 17 Teilnehmer haben nun die Sprachprüfung erfolgreich absolviert, sieben wurde dabei mit der „Selbstständigen Sprachverwendung“ (B1) das höchste Prüfungsniveau bescheinigt. Zehn haben mit A2 (Elementare Sprachverwendung) ein nicht ganz so gutes Ergebnis erzielt und sprechen kein fließendes Deutsch, beherrschen aber ein alltagstaugliches Sprachniveau. Schüler, die nicht oder mit A2 bestanden haben, können 300 Stunden samt Prüfung wiederholen.

Für jene, die irgendwann die deutsche Staatsbürgerschaft anstreben, ist der bestandene Integrationskurs eine wichtige Etappe. Dazu müssen mit B1 die höchste Sprachstufe erreicht und der Orientierungskurs bestanden werden. Für Letzteren hatten Schüler und Lehrer einen bundesweit einheitlichen 300-Fragen-Katalog abgearbeitet, aus dem in der schriftlichen Prüfung 15 von 30 Fragen richtig beantwortet werden mussten. Auf die Ergebnisse warten alle Beteiligten derzeit gespannt.

Dass viele der Teilnehmer Fragen und Antworten auswendig gelernt hatten, sieht Lehrer Manfred Thomsen nicht als Problem. Immerhin habe es begleitend 100 Stunden Unterricht gegeben, in denen die starren Fragen in ein Rahmenprogramm eingebettet waren. Für Thomsen, der nach einigen Querelen im Juni, als mit Ricarda Loibl die zweite Lehrkraft das Handtuch geworfen hatte (wir berichteten), den Unterricht gemeinsam mit dem pensionierten Föhrer Lehrer Günther Jensen geleitet hatte, ist der Orientierungskurs ein unverzichtbarer Baustein. Dieser behandelt die Schwerpunkte „Politik in der Demokratie“, „jüngere Geschichte“ und „kulturelle Unterschiede“. „Er bildet das Fundament für die Integration“, ist dieser Kurs auch für Jensen elementar.

„Es war eine Aufgabe, die mich gereizt hat“, erinnert sich Jensen, der in seiner aktiven Zeit Deutsch, Englisch und Sport lehrte. Anders als Manfred Thomsen, der viele Jahre an der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein für die Organisation und Durchführung von Sprachkursen zuständig war, war er während des Kurses eingestiegen und ins kalte Wasser gesprungen. Die große Altersspanne der Schüler aus unterschiedlichen Ländern und deren Traditionen seien eine Herausforderung und das Lernen keine Einbahnstraße gewesen, „mich mit anderen Lebensweisen und Wahrnehmungen des Lebens in Deutschland auseinanderzusetzen, war sehr wertvoll“.

Dabei ging der erste Integrationskurs auf der Insel unter schwierigen Voraussetzungen an den Start. Rund ein Drittel der Teilnehmer konnte Deutsch weder lesen noch schreiben. Für sie hätte eigentlich ein sogenannter Alphakurs vorgeschaltet werden müssen, sagt Manfred Thomsen. 300 Stunden, in denen ausschließlich Lesen und Schreiben geübt wird. Das ließ sich auf der Insel wegen der geringen Teilnehmerzahl aus Kostengründen nicht realisieren. Wertvolle Hilfe leistete die Flüchtlingshilfe, deren Mitglieder privat Lese-, Schreib- und Sprechübungen mit den Flüchtlingen parallel zum Unterricht machten.

Wettgemacht wurde dieses Manko durch die Begeisterung der Flüchtlinge. Die auch Günther Jensen lobt. Mehr als ansehnlich sei es, dass die Teilnehmer aus einem völlig anderen Sprach- und Kulturbereich sich in dieser kurzen Zeit dermaßen qualifiziert hätten. Und auch Thomsen bescheinigt den Schülern ein großes Engagement. Die Voraussetzungen zu erleben und am Ende zu sagen, „von 20 haben 17 die Prüfung erfolgreich absolviert, das ist eine tolle Sache.“

Beide Lehrer sind sich einig, dass die Arbeit auf der Insel fortgeführt werden muss. Dazu zählt für Günther Jensen die Vermittlung in Firmen oder Fortbildungen. „Was so positiv angefangen hat, darf nicht mit dem Abschluss des Sprachkurses vorbei sein.“ Dass die Voraussetzungen gut seien, betont Manfred Thomsen: „Rund die Hälfte der Kursteilnehmer ist in Sachen Praktikum, Ausbildung oder Beruf bereits jetzt auf einem guten Weg“.

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