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Geburtshilfe in Wyk : Landrat bekräftigt Schließung

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Enttäuschung für dievielen Zuhörer: Dieter Harrsen zeigt sich im Föhr-Amrumer Amtsausschuss in keinem Punkt kompromissbereit.

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erstellt am 05.Mär.2016 | 12:30 Uhr

Bis auf den letzten Platz besetzt war der Zuschauerbereich des Wyker Sitzungssaals, als der Amtsausschuss am Freitag zu seiner Sondersitzung zusammenkam – Indiz dafür, wie sehr die Insulaner die Schließung der Geburtshilfeabteilung am Wyker Krankenhaus auch fünf Monate später noch bewegt. Zum ersten Mal, seit die Schließung verfügt worden war, war nun der Aufsichtsratsvorsitzende des nordfriesischen Klinikums, Landrat Dieter Harrsen, zu diesem Thema auf die Insel gekommen und stellte sich den Zuhörerfragen.

Doch wer im Publikum gehofft hatte, mit Harrsen über die Konsequenzen, die die Schließung der Geburtshilfe für schwangere Insulanerinnen hat, diskutieren zu können, gar Verständnis für die Probleme der Frauen zu finden, die nun zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin aufs Festland müssen, weg von ihren Familien, der hatte sich getäuscht. Der Landrat machte ein ums andere Mal klar, dass an der Entscheidung, den Kreißsaal zu schließen, nicht mehr zu rütteln sein wird. Und er brach eine Lanze für Klinik-Geschäftsführer Frank Pietrowski, der große Risiken auf sich genommen habe, weil er die Geburtshilfeabteilung nicht schon viel früher geschlossen hatte.

„Was können die Insulaner außer zu demonstrieren tun, um die Lage zu ändern“, wollte etwa Friedrich Amfaldern von Harrsen wissen und erhielt die Antwort: „Das sind Gegebenheiten, die man hinnehmen muss, wie die Flut kommt.“

Doch was genau steht in dem Gutachten, auf das sich Landrat und Klinik-Geschäftsführer berufen und das angeblich Sicherheitsmängel in der Wyker Geburtshilfe aufzeigt? Seit Monaten fordern Bürger und Inselpolitiker, dass dieses Gutachten öffentlich gemacht wird, seit Monaten verweigern Harrsen und Pietrowski das mit Hinweis auf den Datenschutz. Selbst der Wunsch von Föhrer und Amrumer Politikern, das Gutachten nach Schwärzung der entsprechenden Passagen in nichtöffentlicher Sitzung einsehen zu dürfen, lief stets ins Leere – auch am Freitag wieder. „Das ist, wie wenn man mit seinem Auto zum TÜV fährt, und der sagt, das Auto ist nicht in Ordnung, aber den Mängelbericht kriegen sie nicht“, kritisierte Dunsums Bürgermeister Erk Hemsen. „Wir sind total deprimiert, wenigstens eine Quintessenz aus dem Gutachten sollten wir bekommen, damit wir wissen, welche Kriterien nicht eingehalten werden und wie wir da nachbessern können“, appellierte die Wyker Stadtvertreterin Dr. Silke Ofterdinger-Daegel (Kommunale Gemeinschaft) und Stadtvertreter Peter Schaper (SPD) betonte, dass die Situation für die Bevölkerung auf den Inseln unerträglich sei, weil sie nicht wisse, warum der Kreißsaal geschlossen wurde.

„Dass es auf keiner deutschen Insel mehr eine Geburtshilfestation gibt, zeigt doch, dass das Anforderungsprofil zu hoch ist“, entgegnete Harrsen. Außerdem, so der Landrat, seien allein, um das nötige Personal vorzuhalten, 1,7 Millionen Euro im Jahr nötig.

Auch der Kritik von Amtsausschuss-Mitgliedern, dass das Gutachten schon ein Jahr vor der Schließung vorgelegen habe, ohne dass rechtzeitig ein Notfallkonzept entwickelt wurde, wusste Harrsen etwas entgegenzusetzen. „Wenn der Klinikgeschäftsführer schon Monate vorher nach einem Konzept fragt und dann nicht gleich die Abteilung schließt, trägt er die Verantwortung, wenn in dieser Zeit etwas passiert“, so der Landrat.

Auch der Vorwurf, dass der vom Kreistag im Hebst beschlossene Runde Tisch zur Situation der Geburtshilfe auf den Inseln bis heute noch nicht eingerichtet sei, prallte an Harrsen ab. „Der Runde Tisch wurde nicht beschlossen, um an einer Wiedereröffnung der Geburtshilfe zu arbeiten,“, erklärte er. „Beantragen sie ruhig im Kreistag, sie soll wieder öffnen, dafür kriegen sie keine Mehrheit“.

Zum Notfallkonzept gehört, dass der Kreißsaal für den Fall weiter funktionsfähig bleibt, dass Frauen bei vorzeitigen Wehen oder Komplikationen in der Schwangerschaft nicht rechtzeitig aufs Festland gebracht werden können. Doch auch das stellte Harrsen am Freitag in Frage. Anlass war eine Geburt auf Föhr im Januar, als eine Insulanerin, die ihr krankes größeres Kind nicht allein lassen wollte, bis zum Geburtstermin auf der Insel geblieben, dann mit Wehen im Wyker Kreißsaal gelandet war und ein gesundes Baby auf der Insel entbunden hatte.

Der Klinikträger wolle den Kreißsaal zwar weiter für Notfälle zur Verfügung stellen, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende. „Aber das können wir nicht, wenn noch einmal ein Notfall bewusst und vorsätzlich herbeigeführt wird. Wenn das wieder vorkommt, werden wir den Kreißsaal schließen, das ist eine ganz klare Ansage“, sagte Harrsen und erklärte, dass Mütter, die absichtlich eine Geburt auf Föhr provozieren, mit hohen Schadenersatzforderungen der Krankenkassen rechnen müssten, wenn etwas schief geht. „Wir haben einige Frauen, die sagen, dass sie bis zum Geburtstermin hier bleiben wollen, und das funktioniert nicht“, pflichtete Amtsvorsteherin Heidi Braun dem Landrat bei.

„Es ist für mich unvorstellbar, dass den Politikern unterstellt wird, sie würden den Kreißsaal leichtfertig schließen“, erklärte Harrsen. „Unvorstellbar ist, dass sie damit drohen“, entgegnete Zuhörerin Gesche Roeloffs. „Wenn Männer Kinder bekämen, würde das so nicht laufen“, sagte Zuhörerin Mechtild Midderhoff, und während im Publikum Beifall aufbrandete, beendete Heidi Braun die Diskussion.

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