125 Jahre Seebad Wittdün (letzter Teil) : Kriege, Bauboom und Fehlentscheidungen

Zur Saison 1914 wurde am Wittdüner Südstrand eine Strandpromenade errichtet.
1 von 2
Zur Saison 1914 wurde am Wittdüner Südstrand eine Strandpromenade errichtet.

Der Badeort wurde 1890 gegründet. Nur wenige Orte hatten in so kurzer Zeit eine so wechselvolle Geschichte.

shz.de von
19. Juli 2015, 19:45 Uhr

Ungeachtet des Konkurses der Bädergesellschaft und des Besitzwechsels florierte Wittdün bis zum 1. Weltkrieg weiter, wurde sogar im Juli 1913 durch den Besuch „Ihrer Hoheit, Prinzessin Irene Heinrich von Preußen geehrt, als Höchstdieselbe das Kinderheim des Vaterländischen Frauenvereines einweihte.“

Kurz vor Ausbruch des Krieges erhielt Wittdün eine gemauerte Strandpromenade, nachdem Sturmfluten durch Dünenabbruch Hotels auf der Oberen Wandelbahn gefährdet hatten. Aber dann brach am 1. August l9l4 der 1. Weltkrieg aus. Von einem Tag zum anderen standen alle Gästehäuser leer – bis Kriegsende im Herbst l9l8. Und wieder hagelte es Konkurse und Notverkäufe in Wittdün, das damals fast ausschließlich vom Fremdenverkehr lebte. Ebenso schlimm: Im Gefolge des Krieges und dem Ende der Monarchie im Deutschen Reich traten Adel und Militär, das Hauptpublikum in Wittdün, von der Bühne.

Als dann 1920 im deutsch-dänischen Grenzraum eine Abstimmung über die zukünftige Staatszugehörigkeit angesetzt wurde, kamen dänische Geschäftsleute, die auf Grund der fast tausendjährigen Zugehörig der Westerharde (Westerlandföhr und Amrum) zu Dänemark ein Votum für Dänemark erwarteten, und kauften fast alle bedeutenden Häuser: Kurhaus, Kaiserhof‚ Victoria, Vierjahreszeiten und noch andere, sowie Inselbahn und E-Werk.

Aber bei der Abstimmung wählte Wittdün einstimmig deutsch und die dänischen Immobilienbesitzer stießen ihr Eigentum wieder ab. Es folgte ein munterer Besitzwechsel. Einige der großen Häuser wurden von Sozialträgern in Kinderheime umgewandelt, einige aber gerieten auch in den Besitz von Einheimischen, so Vierjahreszeiten und Victoria in die Hände von Carl Quedens, dem Sohn des Gründers von Wittdün. Eine große Rolle im Hotelleben spielte damals aber auch der aus Husum stammende Friseur Jens Cornelius Petersen‚ kurz IC. genannt, der etliche der bedeutenden Häuser, darunter das Kurhaus Satteldüne, pachtete. Die Inselbahn, Verkehrsträger für alle Amrumer Dörfer, war von einer Gesellschaft aus Sachsen übernommen worden.

Trotzdem konsolidierten sich die Verhältnisse in Wittdün, auch durch die Ansiedlung weiterer solider Bürger aus dem Deutschen Reich sowie auch einiger Amrumer, die den Ruf Wittdüns als Fremdkörper auf der Insel nicht fürchteten.


Wieder Krieg und Krisenzeiten


Dann aber brach inmitten einer Aufschwungphase der 2. Weltkrieg aus und wieder standen in Wittdün alle Betten von einem zum anderen Tag leer. Einige der großen Hotels wurden mit Soldaten oder als Lazarett belegt und gegen Kriegsende mit Ostflüchtlingen und Vertriebenen, so dass Wittdün neben den knapp rund 250 Einwohnern fast 400 Flüchtlinge und Vertriebene zählte, die in den Häusern untergebracht waren und den Fremdenverkehr blockierten. An unmittelbaren Kriegsfolgen hatte Wittdün nur zwei Häuser durch Zufallsbomben verloren, das Haus Brandenburg und das große Logierhaus der Familie Breckwoldt.

Es folgten nach Kriegsende weitere schwere Jahre ohne Einnahmen aus dem Tourismus, aber geprägt durch weiteren Verfall der Häuser. Erst als 1950 die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in andere Teile der jungen Bundesrepublik umgesiedelt wurden, konnte an einen Neubeginn des Badeortes gedacht werden, der aber zunächst unverändert geprägt war von einem hohen Anteil an Kinderheimplätzen. 1952 zählte man in Wittdün über 700 Betten in neun Kinderheimen – fast alle in früheren noblen Hotels – und nur noch 370 Betten für erwachsene Kurgäste.

Aber dann wurden die ersten Akzente für einen Neubeginn gesetzt. 1955 konnte ein neues Kurmittelhaus errichtet werden, was den damals wichtigen Status Nordseeheilbad bedeutete. Und 1954 und 1959 wurde die Attraktivität des Orts durch zwei Zeltplätze in den Dünen Richtung Leuchtturm gesteigert. Der wenig später in der Bundesrepublik ausbrechende Bauboom im Zuge des Wirtschaftwunders machte sich auf der Amrumer Südspitze bemerkbar, durch Einheimische, aber noch auffälliger durch auswärtige Baugesellschaften. Hier spielte vor allem die aus Nürnberg stammende Strandwohnungsbau-Gesellschaft (SWB) eine große Rolle, die unter andrem einige der Gründerzeit-Hotels durch großzügige Gebäude mit Ferien-Appartements ersetzte. Und an der Hauptstraße (heute Inselstraße) konzentrierten sich Geschäftshäuser, die noch heute den Charakter Wittdüns bestimmen und der Gemeinde über die Steuerkraft der Bürger eine gute finanzielle Grundlage ermöglichen.

Ein weiterer Höhepunkt in der Entwicklung des Ortes war dann die Bebauung der Südspitze, nachdem das große, ortsprägende Kurhaus abgebrochen worden war. Die Absicht, hier Bauland für junge Insulaner zu schaffen‚ konnte aber nur teilweise erfüllt werden, weil ein findiger Rechtsanwalt bald eine Gesetzeslücke entdeckte, die auch Auswärtigen den Ankauf von Grundstücken mit Hilfe einheimischer Spekulanten ermöglichte.

Wittdün, als reiner Badeort 1890 gegründet, hat in jüngerer Zeit weniger Glück mit dem Kurbetrieb gehabt. 1972 wurde im Westend von Wittdün ein offenes, beheizbares Meerwasser-Schwimmbad gebaut, das aber bald für ein erhebliches Minus bei den Kureinnahmen sorgte und schließlich 1984 wieder stillgelegt wurde. Auch das 1988 erbaute neue Kurmittelhaus entwickelte sich durch veränderte Bedingungen der Krankenkassen zu einem Problemfall, ebenso das 1997 eröffnete Badeland.


Ein Seebad ohne Badestrand


Einen ganz schlimmen Streich spielte aber die Natur dem Seebad auf der Südspitze. Von Westen her wandern riesige Sandmassen des Kniepsandes über die frühere Badebucht am Südstrand und verschütteten in den letzten Jahren den Wittdüner Badestrand. Es ist ein Kuriosum, dass Wittdün, von allen Seiten vom Meere umrahmt, derzeit keinen brauchbaren Badestrand hat und Wittdüner Gäste nach Nebel oder Norddorf fahren müssen, ebenso zu vielen Veranstaltungen. Ein weiteres Manko des Kurbetriebes war aktuell der ersatzlose Abbruch der Nordseehalle als geräumige Veranstaltungshalle.

Das Seebad Wittdün blickt nun auf sein l25-jähriges Bestehen zurück – zunächst nur als „Kolonie“ der Gemeinde Amrum, seit 1912 als selbstständige Kommune. Es gibt wohl wenige Orte in Deutschlands Grenzen mit einer ähnlich aufregenden, wechselvollen Geschichte.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen