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Früherer Leuchtturmwärter von Amrum : Knud Knudsen: Der Herr des Lichts

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

297 Stufen musste Knud Knudsen täglich hinauf. Linsen putzen, Glühlampen auswechseln. Sein Arbeitsplatz: der Amrumer Leuchtturm.

Vor allem der Aufstieg am Abend war wichtig. 297 Granit-Stufen hoch bis zur Turmspitze. Dann musste Knud Knudsen nicht nur die drehende Optik auf seinem Leuchtturm überprüfen. Sein Blick ging in 40 Metern Höhe über das nordfriesische Wattenmeer hin zu den Nachbarinseln und Halligen: Sylt, Föhr, Hooge, Pellworm. Brannten auch dort die Leuchtfeuer? Nach der Kontrolle war Feierabend. 297 Stufen abwärts. Neben dem Leuchtturm auf der Insel Amrum war Knudsen zu Hause. Nachts wurde er manchmal durch eine Hupe geweckt, die neben seinem Bett installiert war. Dann war wieder einmal eine Glühbirne oben auf dem Turm durchgebrannt. „Zum Glück schaltete sich automatisch eine Ersatzlampe ein, so dass ich nicht hoch musste. Aus Sicherheitsgründen“, sagt Knudsen. Erst am nächsten Morgen begann wieder der Aufstieg, die neue 2000-Watt-Glühlampe unter dem Arm.

Auf Amrum und für die vielen Gäste, die täglich kamen und einen Blick von oben auf die Nordsee werfen wollten, war Knudsen nur der „Leuchtturmwärter“. Doch die offizielle Berufsbezeichnung lautete „Leuchtfeuerwärter“. Bis 1984 Schluss war. Die Automatisierung ersetzte den Menschen. Als der schmucke rot-weiße Ziegelbau 1874 fertig war, wurden zur Überwachung und Wartung der 16-linsigen Optik mit der dazugehörigen fünfdochtigen Argand-Lampe noch drei Leuchtfeuerwärter gebraucht. Heute blitzt beim Einbrechen der Dunkelheit alle 7,5 Sekunden eine Hallogen-Metalldampflampe auf. Knudsen ist sich indes nicht sicher, ob die Seeleute das Leuchtfeuer tatsächlich noch nutzen. „Die haben heute doch alle Elektronik und Satelliten-Navigation an Bord“, sagt er.

Leuchtturmwärter a.D.: Knud Knudsen.
Leuchtturmwärter a.D.: Knud Knudsen. Foto: DEW
 

Als er 1981 gefragt wurde, ob er die Aufgabe am Amrumer Leuchtturm übernehmen wolle, hatte Knudsen – wie er heute gesteht – ein wenig die eigene Höhenangst vergessen. Zum Putzen der Fresnel-Linse musste er auf dem Rundgang in luftiger Höhe eine Leiter aufstellen. Bei einem Sturz hätte ihn das Geländer auch nicht mehr geschützt. „Wenn ich nach unten sah, wurde mir schon mulmig“, gibt er zu. Also schaute Knudsen in die Ferne, genoss bei guter Sicht den Blick bis zur Insel Helgoland und baute sich eine eigene Absturzsicherung. Auch sonst war ihm der Arbeitsplatz anfangs nicht ganz geheuer. Beim ersten großen Novembersturm stieg er mit einem Eimer Wasser hinauf ins Lampenhaus. Er wollte sehen, wie sehr der Turm schwankt, der vom Boden aus gemessen 41,8 Meter hoch ist. „Das Wasser im Eimer war kräftig in Bewegung. Aber es ist zum Glück nicht übergeschwappt. Da war ich ganz beruhigt“, lacht der Nordfriese.

Knudsen ist auf der Nachbarinsel Pellworm groß geworden. Der letzte Leuchtfeuerwärter war er zwar nicht, der ging erst 1998 auf der Ostsee-Insel Hiddensee in den Ruhestand. Aber schließlich gehört der Amrumer Leuchtturm, der bis heute seinen Dienst tut, zu den höchsten an der deutschen Nordseeküste. Knudsen ist derweil aufs Festland gezogen. „Inselleben hab’ ich genug gehabt. Und hoch hinaus muss ich auch nicht mehr“, sagt der heute 84-Jährige.

 

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