200 Jahre Seebad Wyk : „Kinder sind die Gäste von morgen“

Mit reichlichem Essen und Bewegung an der frischen Luft wurden kränkelnde Stadtkinder aufgepäppelt.
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Mit reichlichem Essen und Bewegung an der frischen Luft wurden kränkelnde Stadtkinder aufgepäppelt.

Wyk wirbt schon früh um die Allerjüngsten. Insulaner dagegen dürfen den Strand im Sommer nicht betreten.

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12. November 2019, 18:30 Uhr

Ab Mitte der 1960-er Jahre wird meistens zu Pfingsten in der Zeitung bekannt gegeben, dass der Strand nun für die Kurgäste vorbereitet sei. Das heißt, einheimische Kinder dürfen sich ab sofort nur noch am Hafenstrand aufhalten. Der Strand „bi de Flunk“ am „Strandhotel“ wird zum Revier, die kleine Hafenbrücke zum Treffpunkt der Einheimischen. Was macht es da schon, dass dieser Strandabschnitt bei der großen Sandaufspülung nicht berücksichtigt wird. Dort sind ja nur Einheimische.

Das dankbare Gretelein

Die Kurgäste haben den übrigen Strand im Sommer ganz für sich, und Strandwärter achten darauf, dass das auch so bleibt. Noch in den 1970-er Jahren fragt sich ein junges einheimisches Mädchen, ob es ihren Ferienflirt überhaupt in der Sandburg am Kurgäste-Strand besuchen darf. Auch andere Kinder genießen keinen uneingeschränkten Strandaufenthalt. Zur besseren Über- und Aufsicht müssen sich die Kinder der Kurheime in bestimmten Strandabschnitten aufhalten. Sandburgen bauen, schwimmen, hinaus ins Watt, das Meer bei Sturm – die Kinder leben auf. So schreibt das „dankbare Gretelein“ ins Gästebuch des „Haus Rothraut“ die Zeilen: „Hier ist es fein, hier mocht ich gerne sein“. Und ein kleiner Feriengast schickt 1956 in seiner ganzen Begeisterung dem „Fräulein Lehrerin Fock“ in Kassel eine Postkarte: „Viele Grüße wünscht Euch von der Nordsee Euer Friedhelm“.

Prinzessin Vicky und ihre sämtlichen Pflänzchen

Bürgermeister Böttger appelliert 1963 an die Vermieter: „Viele wählen deshalb Wyk als Ziel, weil die klimatischen Verhältnisse so beschaffen sind, daß sie ihren Kindern einen erholsamen Aufenthalt verschaffen können. Die Vermieter sollten die Kinder freundlich empfangen, denn die Kinder von heute sind die Kurgäste von morgen“. Schon bald nach der Seebad-Gründung heißt es, auch an die Kinder müsse gedacht werden, denn so manche Dame habe ihre „sämtlichen Pflänzchen“ dabei. So auch Kronprinzessin Vicky von Preußen, die 1873 wieder mit ihrem Mann Wyk besucht. Sie werden „von allen ihren Kindern begleitet, bis zu dem Baby herab, welches wie eine Rosenknospe aus seinem rosa Hütchen hervorlachte“. Dass der spätere Wilhelm II. hier von ein paar Inseljungs ein ordentliches „Jackvoll“ bekommen hat, ist keine Legende. Aber wie sagte eine alte Wykerin: „Holpen hett dat ok nich“.

Wer Zuhause nicht „gut tut“ kommt ins Internat

Manche Kinder-Gäste kommen allerdings nicht zum Vergnügen auf die Insel. Wer Zuhause nicht „gut tut“ kommt ins Internat. Ganz sicher ist eine Mutter im Jahr 1912 nicht, ob sie ihren Sohn für einige Monate ins Nordsee-Pädagogium des Südstrand-Sanatoriums geben soll. Einerseits braucht ihr Sohn August Friedrich dringend einen geregelten Unterricht, andererseits bereiten der Mutter die „bekannten Gefahren des Internatslebens“ große Sorgen. Aber man kann sie beruhigen, schließlich „kann von den nach allen vier Windrichtungen ausschauenden Fenstern des hohen Pädagogiumsgebäudes ziemlich die ganze Insel unter Sicht gehalten werden“.

Zu den Wyker Kinder-Gästen gehört 1919 auch der kleine Ernst Ludwig Heuss mit seiner Mutter Elly Heuss-Knapp, die im Jahr darauf gleich noch einmal kommen.  Ernst Ludwig, der Sohn des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss,  wird sich später im Widerstand gegen den Nationalsozialismus engagieren.

Michael Stich gewinnt das Gästeturnier

Ein  Junge, der im Juli 1982 zusammen mit dem Wyker Andreas Jensen das Herren-Doppel des Wyker Gästeturniers gewinnt, wird später zum Tennisstar: Michael Stich. Er ist während des Turniers Gast bei der Familie Jensen.  Das erinnert an die Zeit der Gasteltern auf Föhr. 1902 wird in Hamburg die „Vereinigung zur Vermittlung von unentgeltlichem Ferienaufenthalt“ gegründet, durch die bis 1905 schon 1032 Kinder nach Föhr kommen. In den mehrwöchigen Aufenthalten entstehen Freundschaften und familiäre Bande. Teilweise kommt es zu tränenreichen Abschieden am Wyker Hafen. „Ordentlich aufgepäppelt“ mit bis zu sechs Kilo mehr auf den Rippen geht es nach Hause. Manche kommen nach ihrem Schulabschluss wieder auf die Insel und finden bei ihren ehemaligen Gasteltern feste Anstellungen (1909:  vier Jungen, zwölf Mädchen). Und vier kinderlose Familien adoptieren ihre elternlosen Kinder-Gäste.

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