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Geburtshilfe auf Föhr : Keine Patentrezepte präsentiert

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Politiker informierten sich über die Föhrer Stimmungslage. Sie machten den Insulanern wenig Hoffnung auf eine Wiedereröffnung des Kreißsaals.

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erstellt am 18.Nov.2015 | 20:06 Uhr

Deklariert war der Nachmittag als Informationsveranstaltung. Informationen nahmen dann vor allem die Gäste auf dem Podium mit. Und genau mit dieser Intention waren Landes- und Kreispolitiker auch nach Föhr gekommen. Sie wollten zuhören, aus erster Hand erfahren, welche Sorgen die Insulaner haben und welche konkreten Probleme seit der Schließung der Geburtshilfeabteilung am Wyker Krankenhaus aufgetreten sind. Und sie wollten sachlich diskutieren, an einem Strang ziehen und die Parteipolitik bei diesem Thema außen vor lassen – was ihnen auch weitgehend gelang.

Die Hoffnung vieler Insulaner im voll besetzten Kurgartensaal, dass sie von den an diesem Nachmittag erschienenen Politikern konkrete Unterstützung in ihrem Anliegen bekämen, den Wyker Kreißsaal wieder zu eröffnen, erfüllte sich dagegen nicht. Angesichts zu geringer Geburtenzahlen und in einem – bis heute von der Klinikleitung unter Verschluss gehaltenen – Gutachten angeblich festgestellten Mängeln „sind uns vom Gesetzgeber die Hände gebunden“, so die Kreistagsabgeordnete der Grünen, Martje Seemann, die gleichzeitig immer wieder betonte, wie sehr sie als Hebamme eigentlich voll hinter dem Anliegen der Insulaner stehe, „denn Schwangerschaft ist keine Krankheit“.

Zwar war die Veranstaltung von den Föhr-Amrumer Grünen organisiert worden und das Podium überpropotiornal mit Politikern der Ökopartei besetzt, doch das, so berichtete der Föhrer Grünen-Sprecher Henner Grutkamp, lag schlicht daran, dass sie vor längerer Zeit schon eigentlich als Mitgliederversammlung geplant worden sei. Man habe sich dann aber kurzfristig zusammen mit anderen Parteien zu einer gemeinsamen Veranstaltung entschieden und an der hätten dann wegen bereits bestehender anderer Termine nicht alle Eingeladenen teilnehmen können.

So war von der SPD wegen einer zeitgleich stattfindenden Sitzung in Husum mit Annemarie Linneweber nur eine Lokalpolitikerin anwesend, während die CDU ihre Landtagsabgeordnete Astrid Damerow und das Sylter Kreistagsmitglied Manfred Uekermann, der auch Vorsitzender der Insel- und Halligkonferenz ist, geschickt hatte. Von den Grünen waren neben Seemann die Landtagsabgeordneten Andreas Tietze (Sylt) und Marret Bohn, die von Föhr stammt, sowie der Kreistagsabgeordnete Uwe Schwalm, der auch im Aufsichtsrat des Klinikums Nordfriesland sitzt, gekommen.

„Wir haben das auf Sylt schon alles hinter uns“, konten sich Tietze und Uekermann gut in die Stimmungslage der Föhrer einfühlen, die von der Schließung ihrer Geburtshilfeabteilung genauso „eiskalt erwischt wurden“, wie die Politiker, berichtete Marret Bohn. „Ich bin entsetzt, wie das kommuniziert wurde“, sagte Astrid Damerow und Uekermann empörte sich, dass trotz der Sylter Erfahrungen auch auf Föhr noch kein Notfallkonzept vorlag, als das Aus für die Geburtshilfe verkündet wurde. Und immer noch nicht vorliegt, was, so erfuhren die Politiker an diesem Nachmittag, werdende Mütter und Hebammen gleichermaßen verunsichert.

Nicht das einzige, was seit der Kreißsaal-Schließung Anfang Oktober nicht rund läuft. So berichtete Bohn, dass sie von ihrer Föhrer Familie erfahren habe, „dass es mit dem Boardingkonzept nicht so funktioniert, wie es sollte und uns immer erzählt wird“. Denn während die Diako behauptet habe, dass keine Frau abgewiesen werde, hatte eine junge Föhrerin genau das erlebt, war, weil das Flensburger Krankenhaus sie nach Hause schickte und im für Schwangere von den Inseln eingerichteten Boardinghaus kein Platz war, in einem Hotel gestrandet. Prompt ging es ihr dort nachts sehr schlecht. Zum Glück konnte die junge Mutter auch in der Nacht über Handy Kontakt zu ihrer Föhrer Hebamme Kirsten Rickmers halten, die dafür sorgte, dass sie mit schweren Komplikationen gerade noch rechtzeitig in die Klinik kam. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei einer Zentralisierung auf große Entbindungsabteilungen weniger Fehler passieren als bei unserer Eins-zu-Eins Betreuung“, meinte denn auch Rickmers Kollegin Kerstin Lauterberg.

Die Akteure vor Ort sehen durch die Kreißsaal-Schließung die Sicherheit von Müttern und Kindern gefährdet, der Gesetzgeber setzt auf große Geburtsstationen und die Kreispolitiker machten den Insulanern angesichts der desolaten Finanzlage des nordfriesischen Klinikums keine Hoffnung, dass der Wyker Kreißsaal wieder geöffnet wird. „Die Gefahr ist ziemlich groß, dass das Klinikum Nordfriesland Anfang nächsten Jahres insolvent ist“, sagte Uwe Schwalm. „Dann gehen die Lichter aus und ihr könnt das Ding hier für einen Euro kaufen“.

„Es wird jetzt dringend ein Notfallkonzept unter Einbeziehung der Akteure vor Ort gebraucht und das Gutachten, das zur Kreißsaalschließung führte, muss transparent gemacht werden. Außerdem müssen wir alle dafür sorgen, dass der Sicherstellungszuschalg für das Wyker Krankenhaus erhalten bleibt“, nahm Marret Bohn aus der Veranstaltung mit. „Die Inseln und Halligen brauchen insgesamt ein medizinisches Notfallkonzept“, betonte Manfred Uekermann. „Es ist wichtig, dass Mütter sich auch hier noch entscheiden können, Kinder zu bekommen“, ergänzte Astrid Damerow.

Martje Seemann empfahl ihren Föhrer Kolleginnen, die Möglichkeiten zu prüfen, im Wyker Kreißsaal ein Geburtshaus zu eröffnen. Und Andreas Tietze ging noch einen Schritt weiter: „Die Inselklinik ist mit dem Sicherstellungszuschlag tragfähig. Ich will ihnen das Krankenhaus nicht aufschwatzen, aber Mut machen, ihre Gesundheitsversorgung selbst in die Hand zu nehmen“.

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