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St.-Clemens-Gemeinde : Keine Frau für Illusions-Geplüsch

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Pastorin Thurid Pörksen hält auf Amrum die Stellung, bis die vakante Seelsorgerstelle wieder besetzt ist. Bis zum Jahresende soll ein neuer Pastor gefunden sein.

Thurid Pörksen will die Menschen erreichen, mit klaren Worten und ohne salbungsvolles Chichi – bei Predigten, Eheschließungen und Konfirmandenstunden. „Ich hatte immer meine Probleme mit zu viel Illusions-Geplüsch“, sagt die 71-Jährige, die jetzt auf Amrum kommissarisch pastort, bis vielleicht Ende des Jahres ein Nachfolger für Georg Hildebrandt gefunden ist, der im Frühjahr die Insel Richtung Rügen verließ.

Es ist der G-20-Sonntag. In Hamburg brennt seit wenigen Stunden kein Auto mehr, und die Hamburger fegen den Irrsinn gewaltbereiter Idioten vom Pflaster des Schanzenviertels. Thurid Pörksen hat ein paar Minuten ihrer Predigt für „die blindwütige Gewalt der Nächte“ reserviert. Beziehungslos, unverantwortlich und völlig unbrüderlich sei das gewesen, urteilt sie.

Wie kam sie eigentlich nach Amrum? Schon Thurid Pörksens Großmutter war Kurgast auf der Insel. Als Pörksens Mutter mit ihren Kindern von Hamburg auf die Insel nach Süddorf zog, war die Tochter 15 Jahre alt. Die Insel ist klein, zuhause sind sie eine Handvoll Geschwister, und Thurid Pörksen, die fürs Abitur das Internat in Niebüll besucht, tut das naheliegendste, um dem engen Zuhause zu entgehen: Sie heiratet – Knut, den Sohn des damaligen Amrumer Pastors Erich Pörksen. Da war sie gerade 17. Vom Schwiegervater mit den Worten unterstützt „Auf meine Kanzel kommt keine Frau“, beginnt sie später, Theologie zu studieren. Und weil Männer nicht immer Recht behalten, steht sie heute auf „seiner“ Kanzel – und in seinem Talar. „Den habe ich geerbt, er war zu groß, aber ich habe ihn heiß gewaschen. Und es ist für mich besonders, ihn zu tragen.“

1968, mitten im Studium in Kiel und Hamburg, kommt ihr gedanklich eine Strömung dazwischen, die sie nach Berlin treibt: eine aus Lateinamerika herüberschwappende neue Richtung der christlichen Theologie: Die Theologie der Befreiung – eine Stimme der Armen. Stichwort: Christen für die Solidarität. Dorothee Sölle, Deutschlands berühmteste Befreiungstheologin, war eine der großen Frauen dieser Zeit. „Plötzlich ging es um politische Veränderung“, sagt Pörksen begeistert. Aus dem immer größer werdenden sozialen Bewusstsein für die Not von Menschen in der einen Welt, ergaben sich drei Hauptthemen, die bis heute Pörksens Arbeit bestimmen: Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. „Um die wollen wir uns hier konkret und praktisch bemühen“, schreibt sie in ihrem aktuellen Gemeindebrief.

In zweiter Ehe heiratet Pörksen mit Mitte Vierzig wieder einen Pastor, Arend Bertzbach. Sie gehen gemeinsam von Bremen nach Sassnitz auf Rügen, kurz nach der Wende. „Eine Sozialkatastrophe war das, was wir vorfanden. Militär, Industrie, alles am Boden, und maximal fünf bis sechs Prozent der Leute waren in der Kirche.“ Da hieß es anpacken. „Und zwar mit einer Kirche für die Leute“, sagt Pörksen. Als die Gemeinde ein total heruntergekommenes Lehmfachwerkhaus erbte, und die Lokalzeitung einen Aufruf zur Mithilfe startete, schuf Pörksen daraus mit der überwältigenden Unterstützung derer, die zwei Hände und Ahnung von Mangelwirtschaft hatten, einen Ort für alle, mit Bürgertreff, Café, Silberschmiede, Volksküche, Mieterbund, Sozialverein und Ökoheizung und nannte es Grundtvig-Haus. Solch ein Kommunikationszentrum dürfte 1:1 im Sinne des Namensgebers gewesen sein, des dänischen Reformtheologen Nikolai Frederik Severin Grundtvig, dessen Grundsatz „zuerst Mensch und dann Christ“ Thurid Pörksen teilt. Im gleichen Geiste initiierte sie eine Kutterrenovierung und gab den daran beteiligten nicht ganz so einfachen Jugendlichen einen Schatz an die Hand, der Labsal für deren Selbstbewusstsein war. 16 Jahre blieb das Ehepaar auf Rügen. „Wo mein Mann orgelte und den Chor aufbaute“, sagt Pörksen liebevoll.

Mit 60 Jahren nutzte sie den Vorruhestand um gemeinsam mit ihrem Mann in die Tourismusseelsorge zu gehen, für vier Jahre nach Lanzarote und ein Jahr Fuerteventura. „Mein Mann für die Musik, ich für die Worte.“ Dort haben sie auch überwintert und hatten mehr Zeit, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. „Wir hatten auch eine Art Vermittlerrolle für diejenigen Touristen, die dort leben und sich einigeln. Wieder initiiert Pörksen einen Treffpunkt zum Hören, Sehen und sich kennenlernen. „Damals gab es da auch schon Flüchtlinge, die haben wir immer eingeladen.“

Für Pörksen ist Andersartigkeit eine Bereicherung. „Wir sollten Gegensätze auf eine lebbare Ebene heben“, sagte sie in ihrer letzten Predigt. „Die Anderen“ sind ohnehin eins von Pörksens großen Themen. In der Predigt erinnert sie an die Worte der großen Lyrikerin Rose Ausländer: „Wir wohnen / Wort an Wort / Sag mir / dein liebstes / Freund / meines heißt / DU.“ Mit ihrer Konfirmandengruppe geht sie der Frage nach, woher wir kommen, wer wir sind und mit wem, geht Wurzeln entdecken, gemeinsam hören sie weisen Alten zu: Kapitänen, Insulanern mit Auswanderervergangenheit oder Widerständlern der Nazizeit. Beschränkungen abbauen, soziale Kompetenz stärken, ganz menschliche Fragen nach guter Gemeinschaft, auch mit Pflanzen und Tieren, das sind ihre Ziele. Weshalb der Weg zu den Wurzeln, den sie mit den Konfirmandenkindern geht, auch in die Natur führt. „Es gibt ein Miteinander, das auf Augenhöhe funktioniert“, daran glaubt sie ganz fest. Auch hier wieder wichtig: Austauschorte. „Es ist ein Plus, wenn viele Leute mit ihren Meinungen kommen“, sagt Pörksen.

Sie und ihr Mann hatten sich ein Haus in Rodenäs gekauft und nichts gegen das Gärtnern dort. Wobei Propst Bronk im Mai auf der Suche nach einem Interimspastor für Amrum genau wusste, dass Pörksen bereits zig Urlaubsvertretungen auf der Insel gemacht hatte und eiland-erprobt war. „So saß ich eben noch gemütlich zuhause, und dann war ich plötzlich hier“, sagt sie und sitzt gemütlich in Nebel im Haus am Prästerstigh.

Thurid Pörksen denkt, dass bis zum Jahreswechsel der Posten neu besetzt sein wird. Die Stelle wurde ausgeschrieben und es gibt – auch nicht so selbstverständlich – mehrere Bewerber. Solange genießt sie ihre Arbeit und die Insel. Krempelt in der Freizeit den Garten um und geht Leute besuchen: „Von früher erzählen.“




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