Zwischen Amrum und Föhr : In geheimer Mission in der Norderaue

Der deutsche Marinemaler Willy Stöwer (1864-1931), der „Raffael des deutschen U-Boots“, schuf dieses Aquarell, das den deutschen Hilfskreuzer „Seeadler“ bei der Aufbringung der französischen Bark „Cambronne“ zeigt. Der Kommandant der Seeadler war kein geringerer als Graf Luckner.
Der deutsche Marinemaler Willy Stöwer (1864-1931), der „Raffael des deutschen U-Boots“, schuf dieses Aquarell, das den deutschen Hilfskreuzer „Seeadler“ bei der Aufbringung der französischen Bark „Cambronne“ zeigt. Der Kommandant der Seeadler war kein geringerer als Graf Luckner.

Felix Graf Luckner lag mit seiner „Seeadler“ im Dezember 1917 vor Amrum . Die Besatzung machte nachts einen Landausflug.

shz.de von
11. April 2018, 17:24 Uhr

Nach den Erinnerungen des Norddorfer Lehrers Heinrich Arpe wurde die Amrumer Inselwache Anfang Dezember 1917 instruiert: „Diese Nacht wird ein Dreimastvollschiff einlaufen. Es soll unbehelligt passieren.“ Schon bald machten Gerüchte und Spekulationen die Runde, zumal der Name des Schiffes verdeckt worden war. Dazu kam, dass der täglich einlaufende Postdampfer das geheimnisvolle Schiff nur weiträumig umfahren durfte.

Der Dreimaster, der in der Norderaue zwischen Amrum und Wyk vor Anker gegangen war, verschwand eines Morgens plötzlich und wurde nicht wieder gesehen. Das Rätsel löste sich bald. Felix Graf Luckner hatte mit seinem als Segelschiff getarnten Kaperkreuzer „Seeadler“, dem „Piratenschiff des Kaisers“, in der Norderaue gelegen.

Luckner, der „Seeteufel“, berichtet in seinem gleichnamigen Buch: „Die Norderaue hatten wir glücklich passiert, draußen vor der Boje setzten wir Segel. Es war schmuddelige Dezemberluft, naßkalt und unfreundlich, die griesgraue Nordsee frischte langsam auf. Voll standen die Segel, 2600 Quadratmeter Segelfläche, an den 50 Meter hohen Masten. Mit voller Fahrt ging es längs der deutschen Küste“.

Luckner versenkte in den Kriegsjahren 1915 bis 1917 angeblich 15 feindliche Schiffe. Er behauptete, dass er „keiner Mutter Tränen der Trauer verursacht habe“. Denn er rettete stets die Mannschaften der Schiffe und setzte sie ab, nur ein Seemann soll bei seinen Kaperungen umgekommen sein. Das trug Luckner nicht nur den Titel „Gentleman-Pirat“ ein, er wurde auch durch seine großen Kräfte berühmt, die zum Verbiegen von Eisenstangen oder dem Zerreißen des New Yorker Telefonbuchs reichten. Außerdem konnte er hinreißend von seinen Seeabenteuern erzählen, auch schrieb er Seemannsgeschichten, die es mit der Wahrheit nicht so genau nahmen, die Menschen aber faszinierten.

In New York traf der Amrumer Philipp Ahrens Luckner und dort „haben die beiden sich lebhaft auf Plattdeutsch über Amrum unterhalten“, schreibt Heinrich Arpe. Dabei kam auch heraus, dass sich die Besatzungsmitglieder des Kaperschiffs „Seeadler“ im Dunkeln an Land geschlichen hatten und sich sehr über die gar nicht flache Insellandschaft wunderten. Hatten sich diese gestandenen Seemänner womöglich in der Nordsee verirrt? Nein, sie landeten zufällig an der Steilküste zwischen Nebel und Steenodde.

Ein paar Wochen nach diesem spektakulären Besuch in der Norderaue wurde im Wyker Lichtspielhaus der Film „Graf Dohna und seine Möwe“ gezeigt. Die „Möve“, die sich entsprechend dem Dienstsiegel korrekt mit „v“ schrieb, war ein zum Hilfskreuzer umgebauter Bananendampfer der Hamburger Reederei Laeisz. Ihr Kommandeur, Nikolaus Graf zu Dohna-Schlodin, galt mit seiner Mannschaft ebenso wie Graf Luckner und seine Männer als „Piraten des Kaisers“. Dohna-Schlodien brachte 1916/17 auf zwei Atlantikfahrten 39 alliierte Handelsschiffe auf oder versenkte sie.

Für die Amrumer waren rauchende Schornsteine der am Horizont vorbeifahrenden Schiffe im 1. Weltkrieg nichts Besonderes. Eines Morgens aber erzählten die Kinder ihrem Lehrer Heinrich Arpe: „Es fuhren am Horizont viele Schiffe, deren Schornsteine furchtbar rauchten. Alle hatten bis über die Masten geflaggt.“ Arpe wusste Bescheid: „Es war ein Teil der Hochseeflotte, die dem heimkehrenden Grafen Dohna und seiner ‚Möve‘ entgegengefahren war, ihn im Angesichte Amrums ehrend zu begrüßen.“ Und Dohna hielt in seinem Bericht fest: „Der Amrumer Leuchtturm war der erste Gruß der Heimat.“

Dohna-Schlodien schrieb über seine Kaperungen mit der „Möve“ Bücher, die mit einer Auflage von bis zu 250 000 Exemplaren zu Bestsellern wurden. Auch propagandistisch nutzte man die Erfolge der „Möve“, so für den Anfang 1918 in Wyk gezeigten Film. Er gilt als verschollen, erhalten gebliebene Szenen werden noch heute in Dokumentationen über den 1. Weltkrieg gezeigt.

Und was wurde aus dem „Seeadler“ und der „Möve“? Im August 1917 lief die „Seeadler“ 250 Seemeilen westlich von Taihiti auf ein Riff und wurde dann durch Sprengpatronen zerstört. Felix Graf Luckner schaffte es mit einigen Männern in einem Beiboot über 2300 Kilometer zurückzulegen, um dann in neuseeländische Gefangenschaft zu kommen. Der andere Teil seiner Mannschaft blieb ihrem „Geschäft“ treu, kaperte einen Schoner, gelangte bis nach Chile und wurde dort interniert.

Die „Möve“ ging 1920 als Kriegsbeute an Großbritannien, wurde 1933 nach Deutschland verkauft und in „Oldenburg“ umbenannt. Im April 1945 versenkte sie ein alliierter Luftangriff in einem norwegischen Fjord.

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