zur Navigation springen

Schiffskatastrophe vor Amrum : In der Dunkelheit die Orientierung verloren

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Zehn Tote am Amrumer Kniep – die Tragödie der Bark „Ilma“ im November 1903 (zweiter Teil): Die Gestrandeten ertranken im eisigen Nordseewasser.

In der Familien-Chronik des Hoteliers Carl Quedens (Hotels „Vier Jahreszeiten“ und „Victoria“) ist ein weiterer, detaillierter Bericht über die „Schwedische Bark Ilma“ aufgeschrieben. Auch in anderen Berichten ist von einem schwedischen Schiff die Rede, obwohl Kapitän, Besatzung und Reederei in Norwegen beheimatet waren. Aber Norwegen und Schweden bildeten seinerzeit eine Union, erst 1905 erhielt Norwegen die Eigenständigkeit.

Carl Quedens schreibt: „Am 24. November 1903 nachmittags kam bei Windstärke vier bis fünf die stolze schwedische Bark ‚Ilma‘, beladen mit Grubenhölzern, die Vortrapptiefe hineingesegelt und ging südwestlich vom Amrumer Leuchtturm vor Anker. Abends wurde der Sturm immer stärker und ist wahrscheinlich die Ankerkette gebrochen und das Schiff auf Grund gekommen. Abends 8 Uhr habe ich noch in der Dunkelheit gesehen, dass ein Licht um Kniepsand herumwanderte. Ich stand in der Nähe des Inselhauses von Dr.Nadler (am Ende von Köhns Übergang) und beobachtete. Plötzlich verschwand das Licht und kam nicht wieder zum Vorschein.
Am anderen Morgen um 4 Uhr ging ich in voller Dunkelheit über die Dünen hinunter zum Wittdüner Badestrand, fand dort fünf Kleidersäcke und ein großes Schiffsboot unter dem Hotel ‚Victoria‘ und ein großes Loch darin, worauf ich ein schlimmes Unglück befürchtete. Ich ging zum Strandvogt, Kapitän Volkert Ouedens, und meldete diesen Vorgang. Als es um 8 Uhr hell wurde, konnte ich draußen vor Kniepsand eine Dreimastbark sichtigen und wurde gewahr, daß der Großmast noch senkrecht stand, während sich Fockmast und Besan nach dem Großmast hin neigten. Inzwischen waren der Tonnenleger Ricklefs und das Wittdüner Ruderrettungsboot ‚Elberfeld‘ nach dem gestrandeten Schiff hinausgefahren. Sie fanden aber keine Menschen mehr an Bord und sind nach Wittdün resp. Steenodde zurückgekehrt. Nachmittags, als Hochwasser war, habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie zuerst der Fockmast und dann der Besan und dann der Großmast umfiel und das Schiff in den Fluten verschwand.

Am nächsten Morgen trieb eine männliche Leiche beim ‚Kurhaus‘ an, ein junger Matrose aus Kopenhagen, der zur Besatzung der ‚Ilma‘ gehörte, wie sich später herausstellte der Sohn eines Feldwebels und als tüchtiger Schwimmer bekannt. Die Kälte hat seine Hände erlahmt. Der Vater kam von Kopenhagen zur Beerdigung. Einen Tag später war der ganze Strand von Wittdün bis zur Satteldüne mit tausenden von Grubenhölzern, zirka zwei bis 2,5 Meter lang, bedeckt sowie eine Schiffsbordseite‚ Masten‚ Rahen und Klüverbaum auf Kniepsand angetrieben. Die andere Schiffsbordseite trieb auf Pellworm an.

Am zweiten Tag drehte der Wind nach Osten und es trat eine tiefe Ebbe ein. Bei Niedrigwasser ging ich zum Strand bei Wriakhörn und fand dort sechs männliche Leichen, darunter der Kapitän. Die Leichen lagen alle 20 bis 30 Meter hintereinander und es schien, als ob sie Kurs auf den Leuchtturm genommen hätten. Ich holte daraufhin mein Fuhrwerk und brachten die Leichen nach der Evangelischen Kapelle in Wittdün, wo sie aufgebahrt wurden. Nun ist folgendes festzustellen: Die Besatzung
hat wahrscheinlich abends in der Dunkelheit das gestrandete Schiff im Schiffsboot verlassen und ist südlich um Kniepsand herumgetrieben, weil ich vom Strand aus in dieser Richtung das Licht gesehen hatte. Dann ist das Schiffsboot auf eine vor dem Kniep liegende Sandbank getrieben und die Besatzung hat geglaubt, jetzt auf den festen Strand zu sein und lief auf den Leuchtturm zu, der sehr nahe erschien. Aber leider war noch ein tiefer Priel dazwischen und die Flut hatte eingesetzt. Die Besatzung hatte aber das Schiffsboot verlassen (das in der Dunkelheit offenbar nicht wiedergefunden wurde oder mit der Flut abgetrieben war) und alle ertranken.

Zwei Leichen wurden noch zum Strandvogt Johannes Jensen in Nebel gebracht. Drei Tage später fand die gemeinschaftliche Beerdigung in der nordwestlichen Ecke des St.-Clemens-Friedhofes statt, wo jetzt das Kriegerdenkmal (vor seiner Umsetzung auf den heutigen Standort) steht. Ein Grabstein des jungen Matrosen aus Kopenhagen (Alfred Rahbeck) steht noch dort“.

So weit der Bericht von Carl Quedens. Der Grabstein ist inzwischen längst verschwunden, ebenso alle Spuren damaliger Beerdigungen von den Toten des Amrumer Strandes. Im Jahre 1906 wurde dann auf dem Mühlenhügel westlich von Nebel ein „Heimatlosenfriedhof“ angelegt, wo Strandleichen, deren Name nicht mehr zu ermitteln war, beerdigt wurden, auf den Holzkreuzen nur das Datum des Fundtages. Von den zehn Mann Besatzung der Bark „Ilma“ waren also neun angetrieben und auf dem St.-Clemens-Friedhof begraben. Das norwegische Ehepaar Liv Haug und Terje Aurdal nimmt mit neunzigprozentiger Sicherheit an, dass darunter auch der Urgroßvater Gjert Olsen Björndal war.

Die Tragödie der „Ilma“ hatte dann noch ein Nachspiel. Der Wittdüner Strandvogt Volkert Martin Quedens erhob in Schreiben an den Vorsitzenden des Ortsausschusses der DGzRS, Julius Schmidt, beziehungsweise an die DGzRS-Zentrale in Bremen den Vorwurf, dass die Besetzung des Rettungsbootes der Station Süd höchst unzweckmäßig sei, weil die Besatzung erst von Nebel nach Wittdün befördert werden musste. Zweifellos hatte Ouedens mit diesem Vorwurf recht, aber Julius Schmidt vermutete, dass es dem Ankläger eher darum ging, als Vormann in das Rettungsboot eingebunden zu werden, „damit er als Strandvogt“ immer zuerst an der Strandungstelle eintrifft und sein Geschäft als Berger von Schiff und Ladung betreiben und Bergelöhne kassieren kann. Tatsächlich wurde Volkert Martin Quedens ab 1910 zum Vormann der Station Amrum Süd ernannt und blieb es bis zu seinem Tod 1918.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen