Feldpostbriefe : „Ich kann nicht auf Menschen schießen“

Der junge Soldat Otto de la Roi.
Der junge Soldat Otto de la Roi.

Heute vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Für viele junge Soldaten begann damit nach dem sinnlosen Schlachten der zurückliegenden Jahre endlich eine bessere Zukunft.

shz.de von
08. Mai 2015, 16:00 Uhr

Heute vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Für viele junge Soldaten begann damit nach dem sinnlosen Schlachten der zurückliegenden Jahre endlich eine bessere Zukunft. Einer von ihnen war der damals 18-jährige Wyker Otto de la Roi (1926-1996). Im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs, im August 1943, wurde er mit nicht ganz 17 Jahren eingezogen und kam zunächst in ein Ausbildungslager nach Hamburg-Harburg. In dieser Zeit sagte er einmal: „Ich bin doch ein Inseljunge, ich kann doch nicht auf Menschen schießen!“ Bis zum März 1945 schrieb er zahlreiche Feldpostbriefe an seine Eltern Agnes und Wilhelm de la Roi, Briefe, die seine Tochter, die Historikerin Dr. Karin de la Roi-Frey, im Nachlass ihres Vaters fand und aus denen sie jetzt aus Anlass des 70. Jahrestages zitiert.

Auf braunem, stets holziger werdenden Papier berichtete Otto de la Roi vom Alltag des Krieges, nahm teil an den Sorgen zu Hause und dachte an die Zeit nach dem Krieg. Seine letzten Briefe schrieb er Ende März 1945, nachdem er sich von einem geplatzten Trommelfell mit 40 Grad Fieber im Lazarett erholt hatte. Otto de la Roi geriet vor nun 70 Jahren in englische Gefangenschaft und kam in ein belgisches Lager. Danach blieben lange Zeit alle Nachrichten aus, bis er schließlich auf seine geliebte Heimatinsel zurückkehren konnte.

17. März 1945, General Unverzagt-Kaserne in Hamburg-Harburg: „Liebe Mutter ... sieh bitte auch mal nach meinem Werkzeug, ob es auch nicht rostet ... ich kriege sowas nicht wieder, und nach dem Krieg muß ich mein Geld damit verdienen.“

19. März 1945, General Unverzagt-Kaserne in Hamburg-Harburg: „Denn soll ich wohl in Zukunft mit der Panzerfaust Panzer jagen, bis jetzt bin ich aber noch immer von Panzern gejagt worden an der Front. Das hört sich so schön an ‚Panzer jagen‘, ist aber gar nicht so einfach. ... Am liebsten würde ich zu meinem Eiland fahren und vom ganzen Rummel nichts mehr hören und sehen.“

21. März 1945, General Unverzagt-Kaserne in Hamburg-Harburg: „Liebe Mutter, Du schreibst, wenn ich nach Andresen anrufen würde, würden die Dich holen und wir könnten uns nochmal sprechen ... das ist gar nicht so einfach, wenn man endlich Anschluß hat, wird das Gespräch meistens nach ein paar Minuten wieder getrennt. ... Gestern hatten wir auch wieder einen schweren Angriff ... die Bahnverbindung Hamburg-Harburg ist auch weder in Arsch..“

26. März 1945, Scharnhorst-Kaserne in Hamburg-Harburg: „Ich hatte Euch ja schon geschrieben, daß ich auch ausgesucht worden war zum Panzerjagdkommando. Am 21. März wurden wir nach Bergen bei Celle geschickt, vierzig Mann waren wir. In Bergen sollten wir unterschreiben, daß wir uns freiwillig gemeldet hätten. Ein Teil von uns hat es getan, für mich kommt sowas aber nicht in Frage. Wir waren achtzehn Mann, die nicht wollten. Uns haben sie wieder zurückgeschickt. Ich bin froh, daß ich von dem Himmelfahrtskommando wieder weg bin. Die anderen, die da geblieben sind, kriegen noch zehn Tage Ausbildung und kommen dann zur Front. Ich will lieber Pionier bleiben. ... Liebe Eltern, ich bin ja in den letzten Wochen oft mit der Bahn gefahren ... Auf so einer Reise kann man glatt verhungern, auf den Bahnhöfen gibt es nirgends mehr Marschverpflegung. Wenn man von der Kaserne nichts mitkriegt zu essen, für eine Fahrt von mehreren Tagen ist es Scheiße. ... In den letzten sechs Tagen habe ich kaum schlafen können. ... Liebe Mutter, hast Du mal an Jann Nissen seine Tante geschrieben und an Ernst seine Eltern. Ich glaube kaum, daß sie Nachricht haben, es sind ja sehr viele einkassiert worden vom Tommy [die Engländer, die Verfasserin].“

27. März 1945, 9 Uhr abends aus der Scharnhorst-Kaserne in Hamburg-Harburg: „ ... das sind solche Lumpen, die einfach die Post der Kameraden wegnehmen, wohl in der Hoffnung, daß da Marken [für Lebensmittel, d.V.] drin sind. Das ist vielleicht eine Gemeinheit ... in Zukunft wird die Post nur noch gegen Vorlage des Soldbuchs ausgegeben. In der letzten Zeit wird überhaupt furchtbar viel gestohlen. ... Heute habe ich für einen Feldwebel ein Fahrrad geflickt. Als ich fertig war, gab er mir ein halbes Weißbrot. Er hatte gerade Besuch, sonst hätte er es wohl nicht machen können, na jedenfalls habe ich mich gefreut. ... Ja, liebe Eltern, man müßte sich immer satt essen können und es müßte mal Urlaub geben, mehr will ich gar nicht. Wie lange ich noch hier bleibe, weiß ich nicht. Es kann jeden Tag losgehen, es ist alles fertig, höchstwahrscheinlich wieder nach dem Westen. An der Front gibt es wieder Verpflegungsstufe eins und zehn Zigaretten am Tag, das ist auch was wert. Lange dauert der Krieg ja doch nicht mehr. ... Liebe Mutter, hebst Du noch immer meine ganze Post auf, das wird später mal interessant sein.“

Otto de la Rois Satz „Lange dauert der Krieg ja doch nicht mehr“ galt als Wehrkraftzersetzung und hätte, wäre er im Brief entdeckt worden, unabsehbare Folgen gehabt.

28. März 1945, Hamburg-Harburg, Marschkompanie: „Es ist nun mittags ein Uhr, in einer Stunde marschieren wir ab zum Bahnhof, es wird wohl wieder nach dem Westen gehen. ... Wir haben Waffen bekommen, die aus dem [Ersten, d.V.] Weltkrieg stammen, alles so schwer und unhandig. Mein Gewehr ist bald ebenso lang wie ich.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen