„Ich dachte, ich habe das im Griff“

Oftmals entwickelt sich der Alkoholgenuss schleichend zur Sucht.
Oftmals entwickelt sich der Alkoholgenuss schleichend zur Sucht.

Alkoholabhängigkeit: Im Therapieverbund Diakonisches Werk werden Betroffene seit 25 Jahren unterstützt und beraten

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11. Oktober 2018, 18:03 Uhr

Michael B. Aus Niebüll ist alkoholabhängig. Seit einigen Wochen befindet er sich in der ambulanten Rehabilitation im Beratungs- und Behandlungszentrum (BBZ) des Diakonischen Werks Südtondern. Sein letzter Rückfall liegt Monate zurück. Der 48-Jährige ist nicht das erste Mal im BBZ. Seine Alkoholabhängigkeit begann mit dem 18. Lebensjahr; quasi als „Mannwerdung“ im Familienkreis. „Ich fühlte mich sofort enthemmt, war in bester Stimmung“, erinnert sich der Nordfriese.

Schleichend entwickelte sich aus den ersten Alkoholerfahrungen die Sucht- und lange dauerte es, bis Michael B. sie sich eingestehen konnte. Beim ersten Kontakt mit der Motivationsgruppe des BBZ stellte der 48-Jährige jedoch fest: Er ist nicht allein mit seiner Krankheit. Hier sitzen Menschen zusammen, die dasselbe Problem haben – und gemeinsam versuchen, Strategien und Wege aus der Suchterkrankung zu finden. Dazu gehört die wöchentliche Reflexion, das Aufarbeiten und die Besprechung spezieller Situationen wie Rückfallgedanken oder Suchtdruck.

Die Motivationsgruppe ist die Vorbereitungsphase für die ambulante Rehabilitation. Hier wird eine Problemanalyse erstellt, die Diagnostik vertieft und das Ausmaß der Suchterkrankung beschrieben. Seit 25 Jahren gibt es nun dieses Angebot.

Michael B. setzte schon damals den Alkohol gezielt ein, um in Diskotheken am Wochenende den „Helden auf allen Pisten“ zu darzustellen. In der Woche gab es anfangs eine durch die Arbeit selbst auferlegte Beschränkung. Das Gefühl arbeitsfähig zu sein, gaukelte dem Bürokaufmann vor, den Alkohol im Griff zu haben. Ein folgendes Studium wurde durch trockene Phasen ebenfalls erfolgreich absolviert. Doch die Abstürze am Wochenende wurden heftiger, auch der Konsum am Abend nahm zu. Als die Lage sich vor drei Jahren zuspitzte, begab er sich in eine nahe Fachklinik. Doch die Abstinenz hielt nicht lange vor. „Ich habe gedacht, ich könnte die Sucht im Griff behalten“, lautete damals seine Selbsteinschätzung.

Nach weiteren Aufenthalten in der Fachklinik glückte eine längere Phase ohne Alkohol, auch weil es Rückhalt durch die Freundin gab. „Doch im Urlaub war ich wieder tief im Sumpf“, so der Alkoholkranke. Ein letzter Rückfall im Mai soll nun der Wendepunkt sein. Mittlerweile wurde auch der Arbeitgeber informiert. „Jetzt hat es Klick gemacht“, so die Erkenntnis, dass es mit „kontrolliertem Trinken“ nicht geht. Seine letzte Chance: „Der Gang in die Gruppe ist fast lebenswichtig“, sagt der Betroffene. „Hier werde ich ernst genommen, ich sehe, dass es anderen genauso geht.“

In der Gruppe gibt es viele Anregungen, aber auch Konfrontation mit Problemsituationen. „Ich werde hinterfragt, überprüfe mich selbst, erhalte Tipps für Entspannung.“ Suchttherapeutin Alexandra Mrosek fördert und fordert jeden im kritischen Dialog im Einzelgespräch oder im Gespräch mit der Gruppe. Sie betreut montags sowohl die Motivations- als auch die ambulante Reha-Gruppe. Die Einsicht und die Bereitschaft, dem Alkohol dauerhaft abstinent zu bleiben und einen eventuellen Rückfall konsequent aufzuarbeiten, gehört laut der Therapeutin zur Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Therapie.

Michael B. hat die Einsicht über seine Krankheit erlangt. Dazu kommt das Bekenntnis anderen gegenüber: „Meine Sportkumpels, meine Familie und Freunde wissen von meinem Problem“, sagt der groß gewachsene Mann. Der Gedanke, Alkohol als Stimmungsmacher oder Beruhigungsmittel einzunehmen, ist „zu 98 Prozent“ besiegt. „Ich habe nun andere Möglichkeiten, das macht mich frei – ich bin froh darüber, mich nun endgültig entschieden zu haben. Die Sucht habe ich ein Leben lang.“ Neben der ambulanten Reha-Gruppe geht der Alkoholkranke in eine Selbsthilfegruppe, die er auch nach der Therapie weiter besuchen wird. „Eine Grundvoraussetzung – genauso wie alkoholfreie Räume zuhause“, sagt Alexandra Mrosek.

Kontaktadressen für Betroffene: Das Beratungs- und Behandlungszentrum Niebüll, Westerlandstraße 3, Tel: 04661/96590, Beratungs- und Behandlungszentrum Sylt, OT Westerland, Kirchenweg 37, Tel: 04651/8222020.

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