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Ausgegraben : „Ich bin hier nur der Berater“

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Ex-Kapitän Hans-Erich Bradhering erzählt über Eisschollen, asiatische Kapitäne und Autos, die noch an Stoßstangen angefasst werden durften.

  • Auf die Idee für unsere kleine Mini-Serie hat uns ein Gespräch mit Amrums Pastorin Thurid Pörksen gebracht, die ihre Vakanzvertretung auch dazu nutzt, mit möglichst vielen Insulanern über früher zu klönen. Das gefiel uns. Also sind wir losgezogen. Erzähl’ doch mal! Deine Lieblingsgeschichte von früher … Viertel Teil: Hans-Erich Bradhering.

Hans-Erich Bradhering lebt auf Föhr, ist aber Langeneßer und schon bei seinem Großvater immer mit auf dem Schiff gefahren. 100 Personen passten drauf. Im Herbst und Winter fuhr es Versorgungsgüter von Wyk auf die Hallig. „Und ich war Opas Anhängsel“, erzählt der 74-Jährige.

Einmal die Woche konnten die Langeneßer in einer Tide nach Föhr. Drei Stunden Aufenthalt und dann wieder retour. Alle drei Wochen war long shopping, dann erlaubten die Wasserstände ein morgens hin und abends zurück. An den Kolonialwarenladen von Stammer in der Hafenstraße kann er sich noch gut erinnern. „Später, mit 13/14, war ich schon die rechte Hand von Opa, aber als er krank wurde und starb, hab ich sein Schiff nicht fahren wollen, das war mir zu unheimlich – ich hätte immer an ihn denken müssen.“

Bradhering ging zur ASAG, jener Amrumer Schifffahrts-AG, die sein Onkel, der Steenodder Kapitän August Jakobs, 1960 gegründet hatte, um für mehr Vielfalt das Monopol der Wyker Dampfschiffs-Reederei (WDR) zu brechen. 1965 wechselte er zur WDR und blieb dort 20 Jahre.

Wyks Hafen war damals tideabhängig. „Was anderes kannte man ja nicht.“ Es gab keine festen Abfahrtszeiten. Die „Insel Föhr“ von 1968 beförderte 700 Passagiere und schon 40 Autos. Die „Insel Amrum“, 1970 für den Pkw-Transport gebaut, hatte eine Kapazität von 48. „Aber noch wichtiger war, sie konnte fünf bis sechs Lastwagen mitnehmen“, erzählt Bradhering.

Als es im Winter ruhiger wurde und zu viel Personal auf den nordfriesischen Inseln war, fuhr Bradhering die Strecke Cuxhaven – Helgoland im Linienverkehr; im Sommer wieder Föhr – Amrum – Dagebüll. „Die Fahrwasser waren enger und längst nicht so gut bezeichnet. Und das Navigieren mit Echolot war auch nicht komfortabel.“ Um Zeit zu sparen, konnte man zwischen Wyk und Dagebüll abkürzen: „Bei halber Tide konnte man fast direkt fahren.“ Noch heute ließe sich da eine Viertelstunde locker rausholen, sagt Bradhering. „Wir hatten uns damals genau gemerkt, wann wo wieviel Wasser war.“ Die eingesparte Zeit hatten die Kapitäne dann über für die Beladung. „Es galt, alle Lücken auszufüllen. Die Autos haben wir noch mit der Hand verschoben, um ja alles auszureizen. Die Leute sind vorwärts raufgefahren, dann haben wir mit vier Mann an Kotflügel und Stoßstange angefasst und dann – jum, jum, jum – dran geruckelt, bis er stand, wie er sollte. Während der ASAG-Zeit haben wir mal Autos aufs Oberdeck verladen. Eins passte nicht ganz, das stand quer. Und beim Ruckeln am Kotflügel riss der ab und der Matrose, der das Metall in der Hand hielt, flog gleich mit über Bord. Wenn viele Autos zu verladen waren, haben wir auch schon mal die Bänke hoch auf die Sonnensegellatten gepackt, dann war mehr Platz. Schließlich verdiente man mit Autos mehr Geld.“

Es gab Eiswinter, da haben die Schiffsführer über sieben Stunden von Dagebüll bis nach Wyk gebraucht. „Wir haben uns Stück für Stück durch die Eisplatten geboxt, immer wieder vor, dann zurück, dann wieder vor – dann waren wir 30 Zentimeter weiter“, erinnert sich Bradhering. Der Kapitän saß mit der Fähre auch schon mal in einer Scholle fest, die das Gefährt gefährlich Richtung Föhrer Ley verschob, einem Wattstrom nordöstlich von Föhr. „Mit der nächsten Tide brach dann gottseidank das Eis und wir kamen wieder frei.“

Ein bisschen Tagebuch hat der 74-Jährige geführt über seine Zeit bei der Reederei. An große Katastrophen kann er sich nicht erinnern. Spaß gemacht habe die Planung der Neubauten, die er begleitet hat. Den Anfang machte die alte „Schleswig-Holstein“, die 1972 von Margot Stoltenberg, der Gattin des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, getauft wurde. Beim Anlegen der Schiffe habe es auch nie Schwierigkeiten gegeben. „Mir lag das im Blut. Ich habe da nie drüber nachgedacht. Wobei Amrum schwieriger ist als Föhr, weil da das Fahrwasser enger ist. Wenn die Strömung gegenan lief und das Schiff mit dem Heck zur Brücke gedreht werden musste, war das nicht immer einfach. Wobei wir alle unsere Marken hatten, die uns halfen.“

Der pensionierte Kapitän war mit seiner gesamten Berufszeit sehr zufrieden. Seine Sätze klingen lebendig, als wäre er immer noch überrascht über all das Schöne, das ihm passiert ist – passieren durfte. Seine Laufbahn war klassisch: Matrose, Seefahrtsschule in Hamburg, als Steuermann auf großer Fahrt. Bradhering studierte sechs Semester Nautik und machte das Kapitänspatent. Richtig abenteuerlich waren seine Überführungen alter WDR-Schiffe in andere Länder: nach Italien, Indien und Thailand.

„Diese Autofähren sind einfach keine Seeschiffe, und deshalb sind das auch kribbelige Fahrten da runter. Bei der Reise nach Thailand war ich eigentlich nur Berater, aber an Bord kannte sich niemand aus. Richtung Gibraltar hatten wir viel schlechtes Wetter, aber ich stand die ganze Zeit mit dem Maschinisten allein auf der Brücke.“ Der Föhrer nahm es pragmatisch. „Es ist einfach eine andere Mentalität. Der erste Offizier und der Käpt’n kamen ab und zu auf die Brücke, guckten – und waren wieder weg. Ich hab denen gesagt, ich sei hier nur Berater. Aber das war denen egal. Die waren seekrank und haben sich auch nicht mehr erholt. Zwei Mann aus dem Maschinenraum und ich als Nautiker, wir drei haben dieses Schiff da runter gebracht.“ Die abenteuerliche Reise gibt’s übrigens nachzulesen in Stefan Krückens Buch „Wellenbrecher“, für das Kapitäne ihre besten Geschichten erzählt haben.

Bradherings Haus in Wrixum heißt „Hilligenlei“. Das Namensschild stammt vom Schiff seines geliebtes Großvaters. „Es hing an der Backbordseite, von da hab ich’s abgemacht“, sagt der 74-Jährige. „Das freut mich jeden Tag.“

  • Hans Erich Bradherings (74) Leben ist eng mit dem Wasser verbunden. Der Ex-Kapitän war über 20 Jahre bei der WDR. Seine spannendste Geschichte hat er sogar in einem Buch erzählt.

 

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