Proben für den Ernstfall : Horror-Szenario auf der Landesstraße

Den Rettern bot sich ein schreckliches Bild.
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Den Rettern bot sich ein schreckliches Bild.

Zum Glück nur eine Übung: Massenunfall in der Leuchtturmkurve fordert die Einsatzkräfte auf Amrum.

shz.de von
27. März 2017, 18:30 Uhr

Das Unfall-Szenario, das die rund 72 Rettungskräfte auf der Amrumer Landesstraße in der sogenannten „Leuchtturmkurve“ vorfanden, sah furchterregend aus. Ein unübersichtliches Knäuel aus Fahrzeugen stellte sich den Einsatzkräften dar, in denen viele Personen zu Schaden gekommen waren, die teilweise um ihr Leben rangen. Durch den Massenanfall von Verletzten war die schon häufig geübte Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und Feuerwehr auf Amrum gefordert.

„Das ist doch eine Puppe, die da auf der Motorhaube liegt?“, versuchte sich eine ältere Dame zu beruhigen, als sie durch das Dickicht auf die Straße blickte, bevor die Rettungskräfte eintrafen. Dass dies lediglich eine Übung sei, reichte als Erklärung nicht aus. „Aber da vorne in der Kurve, da ist doch ein schwerer Unfall geschehen“, legte sie nach. Mit der Versicherung, dass auch dies Bestandteil der Übung sei, ließ sie sich am Ende doch überzeugen.

Als Regisseur dieser umfangreichen Aktion war Kreisausbilder Jörg Carstensen von der Wyker Freiwilligen Feuerwehr nach Amrum gekommen. Mit einem guten Drehbuch im Gepäck, waren sich alle Beteiligten einig. Die vielen Variablen und der im Vorfeld nicht festlegbare Ausgang war eine Herausforderung. „Wir hätten eine Übung mit solch enormem Umfang nicht durchführen können, wenn die Wyker Dampfschiffs-Reederei die Überfahrt nicht gesponsert hätte“, sagte Carstensen. So brachte der Regisseur nicht nur fünf ausgemusterte Fahrzeuge per Tieflader von Föhr mit, sondern auch das Spezialfahrzeug HLF 20 für den Einsatz bei Unfällen und technischen Anforderungen der Wyker Feuerwehr mit einer Gruppenbesetzung. „Vor zwei Jahren haben wir solch eine Übung auf Föhr organisiert, an der die Kameraden der Wittdüner Wehr mit ihrem Löschgruppenfahrzeug mit technischer Hilfeausrüstung teilnahmen“, erklärte Carstensen. Anders als auf Föhr, wo es seinerzeit stark geregnet hatte, blieb es am Übungstag auf Amrum allerdings trocken.

Bereits am Vortag war am Wittdüner Gerätehaus die sogenannte Kettenübung an einem Fahrzeug geprobt worden. Bei dieser Befreiung von Unfallopfern, deren Verletzungen keine patientengerechte Rettung mehr zulassen, wird das Fahrzeug regelrecht auseinandergeknickt. So sollen die Verletzten eine schnelle ärztliche Versorgung erhalten und ihre Überlebenschancen erhöht werden.

Am Übungstag fanden die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes dann fünf Pkw vor, die in einen Unfall mit zwei Traktoren mit Anhänger verwickelt waren. Aufgrund der starken Rauchentwicklung und der Anzahl der vorgefundenen Personen löste Rettungsdienstleiter Andreas Zawieja für die Insel Amrum Vollalarm aus.

Aus drei Fahrzeugen mussten mehr oder weniger verletzte Kinder und Erwachsene mit schwerem technischen Gerät befreit werden. Dabei fanden die Einsatzkräfte überaus realistisch geschminkte freiwillige „Opfer“ vor. So war Amtswehrführer Hauke Brett aus Nieblum mit Tochter Jelva bereits früh am Morgen im Wittdüner Gerätehaus tüchtig gewesen. „Die Requisiten hat Jörg Carstensen alle selbst gebastelt“, erklärte Brett, als er dem Opfer die im Hals steckende Glasscherbe anklebte und die Verletzung mit einer Dosierung Theaterblut wirkungsvoll abrundete.

„Wir hatten trotz des umfangreichen Unfallszenarios dank der eingespielten Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und Einsatzkräften der Feuerwehr eine sehr kurze Chaosphase“, fasste die leitende Notärztin Claudia Derichs am Ende zusammen. Dass die Messlatte hoch gehangen habe und es galt, „eine sehr schwere Aufgabe abzuarbeiten“, resümierte Jörg Carstensen. „Nach rund einer Stunde waren mit einer Ausnahme alle eingeklemmten Personen aus den Fahrzeugen befreit und konnten ärztlich versorgt werden. Eine Person, die von einem Verkehrsschild durchbohrt worden war, konnte schließlich nach eineinhalb Stunden befreit werden.“

„Wir dürfen nicht vergessen, dass die notärztliche Versorgung der Patienten im Zeitraffer passierte“, erklärte Notarzt Peter Totzauer. „Ich musste allein drei Personen intubieren. Unter realen Bedingungen hätten wir bei solch einem Szenario weitere Ärzte angefordert. Die, wie bei dem Schiffsunfall am Wittdüner Fähranleger, aus den Amrumer Kliniken kämen oder vom Festland eingeflogen werden müssten“, so Totzauer.

„Ich ziehe den Hut vor allen Beteiligten für das Geleistete“, zeigte sich Hauke Brett zufrieden und lobte die eingespielte Zusammenarbeit. „Die Amrumer Einsatzkräfte bringen bei solchen umfangreichen Schadenslagen erwiesenermaßen eine große Erfahrung mit.“ Der Amtswehrführer zeigte sich auch von der bewährten Lösung der wettergeschützten Zwischenlagerung und dem Abtransport der Verletzten mit dem Omnibus beeindruckt.

Claudia Derichs wünschte sich für die nächste Übung vornehmlich erwachsene Darsteller als „Opfer“. Die Ärztin befürchtet, dass die Szenarien für Kinder zu realistisch sein könnten. Nebels Ortswehrführer Oliver Ziegler regte für die Leuchtturmkurve eine Zuwegung über den parallel verlaufenden Tanenwai an. Die Übung habe gezeigt, dass die Straßenführung mit der einfassenden Bewaldung bei einem Verkehrsunfall für die Rettungsfahrzeuge wie ein Pfropf wirke.

Die Wyker Brandschützer lobten die Gastfreundschaft und die gute Zusammenarbeit. Diese sei bemerkenswert gewesen, vor dem Hintergrund, dass sich die Kameraden doch fremd waren. Dennoch habe man wie selbstverständlich miteinander funktioniert und die Notsituation abgearbeitet.

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