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Abend mit Gänsehaut : Hommage an Theodor Storm

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Es war daheim auf unserem Meeresdeich: In Wyk widmete sich ein Abend ausschließlich dem Husumer Dichter.

shz.de von
erstellt am 20.Apr.2017 | 08:30 Uhr

Vor 200 Jahren wurde der Dichter Theodor Storm geboren. Ein Dichter und Anwalt, der in Husum lebte und dessen Heimatliebe sich auch in der großartigen Novelle „Der Schimmelreiter“ Bahn brach, die heute eins seiner bekanntesten Werke ist.

In der „Alten Druckerei“ wurde ein Storm-Abend gestaltet, der nun Premiere feierte. Der kleine Laden war zum Bersten voll, was mit 45 Gästen rund um Tische, Hocker und Tresen hinter den beschlagenen, alten Kastenfenstern der Gaststätte eine Atmosphäre ergab, in die die Schimmelreiter-Geschichte, die ebenfalls aus einem Wirtshaus an der nordfriesischen Küste heraus erzählt wird, hervorragend passte. Musikalisch begleitet wurde der Abend am Klavier von Annamaria Cserepka, Lehrerin an der Föhrer Musikschule.

Die Ungarin, seit fünf Jahren auf Föhr, hat den beiden „Druckerei„-Chefs Michael Steuer und Torsten Tews schon oft musikalische Untermalung beschert – aber noch nie so, wie jetzt: „Die beiden hatten mich gebeten, zum ‚Schimmelreiter‘ zu improvisieren", sagt die 38-Jährige. Ihre Antwort: „Improvisieren – nö, aber Komponieren – ja!“ Was sie dann schuf zur Geschichte vom Deichgrafen Hauke Haien und seinem Kampf um ein flut-trotzendes Deichprofil waren derart gefühlvolle Stücke, die sowohl den Ton der Erzählung als auch die Gefühle der Zuhörer trafen – mehr noch: „Ich hatte Gänsehaut“, bekannten sich Gäste.

Jenseits der Töne spielten sich Michael Steuer und Torsten Tews die Worte zu, wechselten die Rollen, sprachen beim „Schimmelreiter“ den Wanderer, den querdenkenden Deichgrafen, seine treue Frau, die skeptischen Dörfler; manövrierten sich stimmlich hinein in ein Drama – besonders Torsten Tews stemmte seine Stimme gegen den Wind und die steigende Tide, wie, als würden auch sie ihren schlimmsten Ritt reiten – genau wie Hauke Haien, der sich auf seinem Schimmel am Ende hineinwarf in den brechenden Deich, nachdem die See seine Frau und sein Kind verschlungen hatte. Vorsichtig schlug Annamaria Cserepka die Tasten, im warmen Wirtshaus, wo die Geschichte, auch im Original von 1888, leise ausklang. Schnitt.

Den ersten Teil des Abends gestalten Steuer und Tews mit Gedichten Storms, darunter so berühmte wie „ Die Stadt“, „Ostern“, „Mondlicht“, „Für meine Söhne“ und „Von Kindern und Katzen und wie sie die Nine begruben“ (rührend). Man hätte sich mehr erzählende Verbindung zwischen den Stücken gewünscht, die – wie Michael Steuer sagte, von ihm ausgesucht worden waren, um Storm, den dünnhäutig-zerrissenen, in all seinen Facetten zu zeigen: als Chorleiter, glühenden Liebesgedichteschreiber, Kämpfer für die Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins und Sagensammler. Als streitbaren Anwalt, der der Dänischen Krone die Loyalität verweigerte, deshalb seine Zulassung verlor, nach Potsdam ging und Theodor Fontane kennenlernte, gesellschaftskritische Aufsätze schrieb und gleich danach ein Märchen. Nach dem Sieg der Deutschen kehrte Theodor Storm 1864 als Landvogt nach Husum zurück, wurde wieder Richter und schrieb und schrieb und schrieb: gedichtete Heimat oder große Literatur. Der eine sagt so, der andere so. Jähzorn, Herrschsucht, sehr junge Frauen. „Der Schimmelreiter“ war sein letztes Werk.

Aber nein, genau dieses An-die-Hand-nehmen widerstrebt dem Theatermann Steuer. „Der Künstler spricht durch sein Werk“, sagt er. „Alles andere ist nicht mein Stil.“ Der schon in Hamburg als Theaterregisseur arbeitende 73-Jährige, hat vielleicht keine Möge für zu viel erklärendes Beiwerk, aber eine sichere Hand für Dramaturgie; denn um große Geschichten so zu zerlegen, dass kein Spannungsbogen zu früh bricht und Höhen und Tiefen gewahrt bleiben auf dieser kurzen Abend-Distanz, das ist schon Kunst.

Für Annamaria Cserepka, die Musik und Literatur studiert hat, war dieser Abend wie ein Stück Kammermusik mit drei Stimmen. „Ich will dem Text seine Höhepunkte lassen, und selbst einen Beitrag liefern, der hineinpasst.“ Das ist ihr mit kleinen, launenvollen Klavierstücken gelungen. Von Komponisten, ähnlich ambivalent, widerspenstig, sensibel, politisch zerrieben wie Storm selbst. Etwa vom russischen Exzentriker Alexander Skrjabin, vom armenischen Komponisten Aram Khatschaturian, dem Ungar Béla Bartók und dem Norweger Edvard Grieg. Was Cserepka aber eine besondere Freude war: der Männerwelt von Storm, die sehr leidenschaftliche Musik der Clara Schumann entgegenzustellen, die – als selbstständige Frau – zu beider Lebzeiten eine absolute Ausnahmeerscheinung war.

Last but not least: Küchenlady Inke Peper hatte sich zu dem Abend wieder ein besonderes Menü ausgedacht, eingerahmt von Husumer Hochzeitssüppchen und Potsdamer Erdbeertörtchen. Der hausgemachte Labskaus war so gut, dass man auch aus diesem Grund dem Storm-Jahr noch möglichst viele Storm-Abende in der „Alten Druckerei“ wünscht. Die nächsten Termine: 29. Juni, 3. August, 14. September und 24. Oktober.

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