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Brandschützer auf Amrum : Hilfe gegen die Bilder im Kopf

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Peter Lückel ist Feuerwehrmann mit zusätzlicher Ausbildung für die psychosoziale Notfallversorgung und damit eine wichtige Anlaufstelle für die Kameraden.

Peter Lückel wollte eigentlich gar nicht zur Feuerwehr. „Die war für mich so weit weg, wie was nur weg sein kann“, sagt er. Der Grafiker, der damals bereits seit 18 Jahren auf der Insel lebte, hatte gerade gebaut, die Soulband mit gegründet, war verheiratet und hatte zwei schulpflichtige Kinder. Also eigentlich genug Beschäftigung für den Tag. Im Jahr 2000 kam dann alles anders. Während eines Grillfestes spürte er die Hand von Wolfgang Stöck auf seiner Schulter. Feuerwehrmann, Querbeet-Sänger und Chef im Seezeichenhafen. Lückel muss immer noch lachen, wenn er sich rückerinnert. „Wolfgang legte mir also seine Pranke auf die Schulter und dann hörte ich seinen Bass im Ohr: So mein Lieber, jetzt hast du ein Haus, jetzt bist du in der Feuerwehr.“ Ja, sagt Lückel und zuckt mit den Schultern. „Und so kam ich in die Feuerwehr. Ich hatte vorher wirklich nie darüber nachgedacht.“ Früher war das auf der Insel tatsächlich Tradition: Wenigstens einer aus einer Hausgemeinschaft war in der Freiwilligen Feuerwehr.

Peter Lückel wollte nicht viel machen. Da war er sich mit seiner Frau einig. Das, was nötig ist, mehr nicht. „Ich war ja auch noch Jugendwart beim Segelverein.“ Er machte also Truppmann 1 und 2. „Das war kein Problem, auch die Übungsdienste nicht, alles gut“, sagt Lückel. Und dann kam wieder Wolfgang Stöck … nein, dieses Mal kam Klaus-Peter Ottens, ebenfalls seit Jahren in der Amrumer Feuerwehr fest eingebunden. Man suche noch jemanden für die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV oder PSU: U wie Unterstützung) nach belastenden Einsätzen. Und Peter sei doch von der Ausbildung her Erzieher und habe schon im pädagogischen Bereich gearbeitet. Ob er sich das vorstellen könne? „Da habe ich ja gesagt, weil es sich ja auch wirklich interessant anhörte.“

Damals begann man gerade zu merken, dass die Feuerwehrleute nach fordernden Einsätzen lieber einem Kameraden etwas erzählen, als einem Fremden. Diese Nachsorgegespräche, die man sich als Erste-Hilfe-Maßnahme für die Seele vorstellen muss, wurden auch schon mal von Pastoren vorgenommen. „Die waren zwar geschult im Umgang mit Leid, aber nicht fit im Feuerwehr-Wesen. Und das animiert einen, der gerade schlimme Sachen gesehen hat, nicht gerade zum Reden.“

Lückel machte den Kurs (neun Wochenenden in Lübeck innerhalb eines Jahres), und hängte noch einen Kurs „Führungsassistent“ hinten dran. Von diesen zusätzlich ausgebildeten Einsatzkräften gibt es in Nordfriesland acht. Auf Amrum zwei, Peter Lückel und Lars Thomas, Sozialpädagoge an der Fachklinik Satteldüne. Ihnen wurden während der Ausbildung Erkenntnisse aus der Hirnforschung vermittelt, sie lernten, Gespräche so zu führen, dass stressbelastete Kameraden wieder Boden unter den Füßen spüren. Sie sind nicht den eigenen Wehren unterstellt, sondern dem Kreis Nordfriesland. Jeder der acht hat eine Woche Telefon-Bereitschaft. Und jede freiwillige Feuerwehrwache im Kreis hat diese Hotline-Nummer. „Der jeweilige Wehrführer entscheidet. Wie läuft der Einsatz? Bleiben da blöde Bilder?“, sagt Lückel. Wenn ja, ruft er die Bereitschaft an. „Wir auf Amrum sind natürlich nicht die schnellsten am Einsatzort, aber wir organisieren sofort Hilfe auf dem Festland.“

Über die Art der Einsätze darf er nicht reden. Über den Inhalt der Gespräche auch nicht. Wer wann wofür welche Hilfe in Anspruch nimmt, unterliegt der Schweigepflicht. Man kann aber davon ausgehen, dass nach schlimmen Unglücken durch Feuer oder zum Beispiel bei Karambolagen von Autos oder Zügen die PSNVler ihren Kameraden zur Seite stehen. Denn: wenn Menschen außergewöhnlichen Ereignissen ausgesetzt sind, reagiert der Körper bis zu 24 Stunden lang mit massiven Stress-Symptomen auf das Geschehen. Diese gilt es zu verarbeiten. Zum Beispiel durch kurze Gespräche während und nach den Einsätzen. „Es geht einfach darum, dass die Leute über die Sache sprechen können und reflektieren. Und nicht wortlos auseinandergehen“, sagt Lückel. Defusing nennt man diese strukturierten Gruppengespräche innerhalb der ersten zwölf Stunden nach einem belastenden Einsatz. Debriefings dagegen finden in der Regel Tage danach statt und geben Gelegenheit, sich „nüchterner“ mit Kameraden über das Erlebte auszutauschen.

Alle paar Wochen treffen sich die Notversorger, üben Anrufsituationen und Gesprächsführung. Es gibt auch Seminare. Und ein interessantes Phänomen, mit dem man umgehen lernen muss: das Adrenalin. „Die größten Stressprobleme haben oft nicht die, die mitten im Geschehen stecken, sondern die, die hinten die Straße absperren“, sagt Lückel mit Blick zurück auf seine Seminare. „Die vorne sind voll mit Adrenalin, und denen hinten fehlts. Und dann kriegen sie die schlimmen Bilder nicht mehr aus dem Kopf.“ Auf so unterschiedliches Empfinden müssen sich die Helfer einstellen können.

Angst hat Peter Lückel vor derartigen Einsätzen nicht. „Wir sind gut ausgebildet.“ Das manchmal mulmige Gefühl kommt eher von dem Gedanken, hoffentlich früh genug da zu sein, hoffentlich helfen zu können.

Auch Lückel sieht die große Herausforderung, vor der das Feuerwehr-Ehrenamt auf der Insel steht. „Das soziale Engagement geht zurück, und vielleicht hat die Feuerwehr ja noch so einen alten Strammstehen-Ruf, auf den keiner Bock hat. Dabei sind wir ein guter Querschnitt ganz normaler Leute.“ Tatsächlich ist es bunt in Amrums freiwilligen Wehren: Handwerker, Architekten, Verkäufer, Ärzte, Selbstständige. „Außerdem gilt eines“, sagt Lückel. „Wir können uns nur selbst helfen. Drum herum ist niemand, nur Wasser.“

Das Wort Kamerad ist übrigens eines, was Lückel früher nicht so leicht über die Lippen kam. „Hatte irgendwie keinen guten Klang. Eher so nach Befehl und Gehorsam.“ Das hat sich geändert. „Inzwischen weiß ich Kameradschaft echt zu schätzen“, sagt der 54-Jährige, der erst mit 40 Jahren, zur Feuerwehr kam. „Ich wurde sofort super aufgenommen. Da war gleich das Gefühl, immer schon dabei gewesen zu sein. Die Leute haben mich einfach an die Hand genommen.“ Das Wort Kamerad interpretiert er heute anders. „Ich freue mich über die Gleichgesinnten. Die für andere da sind, und sich auch gegenseitig helfen – auch mir.“

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erstellt am 28.Jun.2016 | 17:30 Uhr

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