Flüchtlinge auf den Inseln : Hilfe beim Start in ein neues Leben

Bei der Schreibwerkstatt wird auch viel gelacht.
Bei der Schreibwerkstatt wird auch viel gelacht.

Behördengänge, Deutschunterricht und noch viel mehr: Auf Föhr kümmert sich ein engagierter Helferkreis um die Asylbewerber.

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21. Mai 2015, 08:30 Uhr

Sie kommen aus anderen Ländern, anderen Kulturkreisen, sprechen meistens kein Deutsch und kennen die Gepflogenheiten in ihrer neuen Heimat nicht. Doch zum Glück gibt es Insulaner, die die Flüchtlinge, die auf Föhr landen, bei ihren ersten Schritten in ein neues Leben an die Hand nehmen. Eine Unterstützung, die unmittelbar bei der Ankunft beginnt. Ehrenamtliche Helfer holen die Neu-Insulaner am Hafen ab, begleiten sie zu ihren Wohnungen und bei ersten Behördengängen, führen sie zum Sperrgutbasar, um noch fehlende Einrichtungsgegenstände auszusuchen, und zur Föhrer Tafel, bei der sich auch die Asylbewerber, deren finanzielle Unterstützung noch unter der für Hartz-IV-Empfänger liegt, mit Lebensmitteln eindecken können.

„Wir hatten schon ein kleines Netzwerk gebildet, bevor uns das Amt um Unterstützung bat“, berichten Siegfried Rettig und Karin Faltings vom „harten Kern“ des Föhrer Netzwerks „Hilfe für Asylbewerber“. Ein Netzwerk, dem inzwischen rund 20 Insulaner angehören, die sich je nach Zeit und Fähigkeiten einbringen. So ist Karin Faltings Dolmetscherin für die Menschen, die aus Afghanistan nach Föhr gekommen sind. Die Föhrerin hat elf Jahre im Iran gelebt und spricht fließend Farsi, die Sprache, die auch in Afghanistan gesprochen wird. „Meine Telefonnummer hängt in Arztpraxen, Schulen und Kindergärten“, steht sie Gewehr bei Fuß, wenn es irgendwo Verständigungsprobleme gibt.

Damit sich die Flüchtlinge, nicht nur die aus Afghanistan, möglichst bald auch ohne Übersetzer zurechtfinden und verständigen können, gibt es außerdem verschiedene Angebote, die deutsche Sprache zu erlernen. Und das nicht nur in einem Sprachkurs bei der Volkshochschul-Leiterin Karima Meynköhn. Zwei Menschen aus Afghanistan können bei Karin Faltings mit Hilfe eines Computerprogramms Deutsch üben, ein weiteres Netzwerk-Mitglied studiert regelmäßig gemeinsam mit zwei Syrern die Tageszeitung.

Um Sprache geht es auch bei einem Angebot von Claudia Fuchs: Sie lädt Asylbewerber zu einer ganz besonderen Schreibwerkstatt ein, in der die sich in ihrer Muttersprache ihre oft schrecklichen Erlebnisse in den Heimatländern und bei der Flucht von der Seele schreiben können.

Auf der Insel fühlen diese Menschen sich erstmals nach langer Zeit wieder sicher, fühlen sich angenommen von den Einheimischen, die ihnen teilweise auch ganz praktische Unterstützung anbieten. So wie Arwin Nahmens, der mit Asylbewerbern in seiner Werkstatt deren Fahrräder repariert.

„Die Föhrer sind tatsächlich ganz positiv eingestellt“, freuen sich Faltings und Rettig. Viele würden berichten, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg selbst geflohen seien und sich deshalb gut in die Situation dieser Menschen einfühlen könnten.

Und so haben auch die Angebote des Helferkreises Zulauf, die dazu beitragen sollen, dass alteingesessene und Neu-Föhrer einander kennen lernen können. Da war die gemeinsame Feier am Heiligen Abend, bei der Deutsche und Menschen aus anderen Ländern zusammen kochten, aßen, erzählten und fröhlich waren. Da sind die monatlichen Gemeindefrühstücke, zu denen die St.-Nicolai-Gemeinde ausdrücklich auch Asylbewerber einlädt, und da sind die regelmäßigen Glaubensgespräche von Christen und Muslimen, die dazu beitragen sollen, die Religion des anderen kennenzulernen und Vorurteile – auf beiden Seiten – abzubauen.

Erste Freundschaften lassen sich außerdem bei den internationalen Fußballspielen knüpfen, zu denen Michael Lorenzen seit Monaten regelmäßig einlädt. Jeden Dienstag treffen sich Fußballfans aus vielen Nationen mit dem Wyker Polizisten und Grünen-Stadtvertreter zum gemeinsamen Kicken – im Winter in der Sporthalle der Rüm-Hart-Schule, jetzt auf dem Bolzplatz am Schulzentrum. „Dank Spenden hatten im Winter sogar alle Hallenturnschuhe“, freut sich Siegfried Rettig.

Die aktive Unterstützung durch Insulaner ist wohl mit ein Grund, dass manche Flüchtlinge, wenn ihr Asylantrag bewilligt wurde, gerne auf der Insel bleiben und dort eine neue Existenz aufbauen möchten. Aus den unterschiedlichsten Berufen kommen sie. „Einen Friseur und zwei Schneider haben wir“, zählt Faltings auf, „einen Chemiker, einen Zahnarzt, einen Lehrer und einen Juristen“. Gut ausgebildet seien allerdings vor allem diejenigen, die Schule und Studium noch vor Ausbruch des Krieges in ihren Heimatländern abschließen konnten. „Manche konnten keine Schule mehr besuchen, weil die zerbombt wurde“, weiß Siegfried Rettig.

Er unterstützt die Flüchtlinge, wenn sie eine Arbeit aufnehmen wollen – ein gar nicht so leichtes Unterfangen, müssen doch einige Fristen eingehalten und Hürden überwunden werden, bis ein Asylbewerber seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten darf. Entsprechend wütend ist Rettig, wenn er von dem Mann erzählt, der bereits seit zwei Jahren auf der Insel lebt und im Winter einen Saisonjob in der Gastronomie für den Sommer 2015 angeboten bekam. Anfang Januar, so schildert es Rettig in dem Newsletter, den er regelmäßig an die Mitglieder des Helferkreises verschickt, wurde die Arbeitserlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragt, am 30. März kam endlich die Bewilligung. Doch da war die Stelle längst anderweitig vergeben. Eine Behördenschlamperei, auf die Rettig prompt mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde reagiert hat.

Nun hofft er, dass die beiden Flüchtlinge, die sich im Bundesfreiwilligendienst engagieren wollen, mehr Glück haben. Zwei junge Menschen, die in der Föhrer Behindertenwerkstatt in Küche und Wäscherei Sozialdienst leisten wollen – wohl wissend, dass sie so kaum mehr Geld in der Tasche haben werden, als wenn sie weiterhin ausschließlich von „Stütze“ leben.

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