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Weihnachten : „Heute bin ich Hauptdarsteller“

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Ein Tannenbaum erzählt aus seinem Leben.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2016 | 15:15 Uhr

In den nächsten Tagen ist er einer der Hauptdarsteller in unseren Wohnzimmern. Deshalb lässt der Insel-Bote den Tannenbaum einmal selbst zu Wort kommen:

Aha. Jetzt ist es also soweit. Ich wecke ihr Interesse. Weihnachten steht quasi nicht mehr vor der Tür, sondern hat Einzug in fast jedes Haus gehalten, und so können ich und meine grünbenadelten Kollegen endlich unserem botanischen Schattendasein entfliehen und direkt unseren Platz im Mittelpunkt des jährlichen Festtags-Geschehens einnehmen. Selbst den langen Wasserweg zu den nordfriesischen Inseln scheuen wir nicht; auch auf Föhr und Amrum haben wir unseren unverzichtbaren Platz mitten in der Weihnachtsstube.
Das ganze Jahr über interessiert sich so gut wie niemand für uns – Gärtner, Nordic Walker und Hunde einmal ausgenommen – jetzt waren wir bereits am Frühstückstisch das Thema Nummer eins: Eine Kiefer? Oder eine Nordmanntanne? Hauptsache, der Baum nadelt nicht.
Die Auswahl eines Tannenbaums ist eine mehrdimensionale Entscheidung, die schon Weihnachtsfeste vom „Fest der Liebe“ ins gefühlte „Fest der Hiebe“ verwandelt hat.
Eigentlich sind wir schnöde hohe Nadelbäume, botanisch tituliert von „Abies procera“ bis „Abies alba“, doch werden wir dieser Tage vorzugsweise Weihnachtsbäume, um die sich jede Menge Geschichten ranken, die in zahlreichen Liedern huldvoll besungen und neben roten Kugeln auch mit zahlreichen Erwartungen geschmückt werden.
Das Lamettakleid für die ältere Generation wechseln wir wahlweise für die jüngere in poppige Farben. Auf jeden Fall sind wir mit Lichtern verziert – entweder ganz klassisch mit echten Kerzen, oder, politisch korrekt, mit energiesparenden LED-Lämpchen.
Für ganze Kinderscharen stellen wir ein unbearbeitetes Trauma dar, mussten diese – nicht nur unter der falschen Präposition leidend – versreiche Gedichte, mühsam tags zuvor erlernt, „unter“ dem Tannenbaum vortragen, damit zumindest der betagten Erbtante Tränen in den trüben Augen stehen. Oder sie mussten – noch schlimmer – ihre Erstlingswerke auf Blockflöte, Geige oder Trompete zu Gehör bringen. Wir Tannenbäume haben übrigens keine Hände zum Ohrenzuhalten...Sei’s drum, auch für diese Art von Staffage bei Familienerinnerungen sind wir gerne dabei.

Aufgezogen wurden wir dafür in Dänemark, tragen aber gerne zur nachbarschaftlichen Völkerverständigung bei und lassen uns von engagierten Festlandshelfern gut vernetzt zum Fähranleger Dagebüll transportieren. Von dort geht es dann per Schiff nach Wyk oder Wittdün, wo wir von vielen Insulanern schon sehnsüchtig erwartet werden. Vielleicht liegt ein Grund dieses seit Jahren ungebremsten insularen Tannenbaum-Enthusiasmus daran, dass wir es in früheren Zeiten schwer hatten, auf Föhr und Amrum Fuß nicht nur im Tannenbaumständer zu fassen: Waren die Inseln vom Festland abgeschnitten, konnten wir unseren Weg nicht antreten, der Platz neben dem Gedichte rezitierenden, brav gescheitelten Kleinkind blieb unbesetzt. Die Inseln selbst waren früher zu waldarm, um den Bedarf quasi vor der Haustür zu decken. Doch da der Friese nicht nur an und für sich sehr erfindungsreich, sondern auch ein Mann und in Walfängerzeiten vor allem eine Frau der Tat ist und war, wusste man sich in tannenbaumlosen Zeiten zu helfen: Aus dünnen Holzlatten werkelte man flugs ein Gestell, das mit Buchsbaum, Taxus oder anderem Immergrün umwunden wurde. Mit Kerzen und Süßigkeiten ergänzt, wurde und wird unser schmaler Ersatz ins Fenster gestellt.

Bis uns alle dann das gemeinsame Schicksal ereilt: Nach den Weihnachtstagen werden wir entkleidet und aus der nun nicht mehr festlichen Stube verbannt.










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