Mit der Lanze hoch zu Ross : Herren und Frauen der Ringe

Gut gelaunte Monarchen: Jens Olufs, Carl-Oluf Roeloffs, Freya Hansen und Reinhard Hansen (v.l.). Fotos: christian von stülpnagel (2)
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Gut gelaunte Monarchen: Jens Olufs, Carl-Oluf Roeloffs, Freya Hansen und Reinhard Hansen (v.l.). Fotos: christian von stülpnagel (2)

Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf: Alle vier Föhrer Vereine haben ihre neuen Könige ermittelt und fiebern nun dem großen Finale in Oevenum entgegen.

shz.de von
12. Juli 2018, 13:15 Uhr

Es ist bereits kurz vor 17 Uhr, als Carl-Oluf Roeloffs sein Pferd noch einmal antreibt und die Lanze hebt. Er kneift die Augen zusammen und zielt. Er weiß: Trifft er jetzt den Königsring, ist er der neue Herrscher des Ringreitervereins Westerland-Föhr. Im ersten Anlauf dieser Runde im Stechen hat er den Ring bereits aufgespießt, während seine beiden Kontrahenten nicht getroffen haben. Landet der Ring von der Größe eines Zehn-Cent-Stücks jetzt ein weiteres Mal auf seiner Lanze, ist er uneinholbar. Im Galopp reitet er auf die beiden Holzpfähle zu, zwischen denen das kleine Metallteil an einem Seil hängt. Er streckt die Lanze aus – und trifft. Jubel brandet auf, nicht nur bei Roeloffs selbst. Auch im Publikum freut man sich mit dem neuen Oberhaupt der Ringreiter.

Könige und Königinnen

Roeloffs hat damit 25 weitere Reiter geschlagen, die ebenfalls Herr der Ringe werden wollten. Auch den bis dato amtierenden König Jan Brodersen, der nach seinem Sieg im vergangenen Jahr allerdings bis 2022 nicht noch einmal Regent werden darf. Die Schärpe in den Schleswig-Holstein-Farben nimmt Brodersen deshalb ab und übergibt sie an Roeloffs, der sich dann noch einmal auf sein Pferd schwingt und unter dem Applaus des Publikums eine Ehrenrunde reitet. Auf den Plätzen eins bis vier landen Volker Nickelsen, Hark Martensen, Charly Riewerts und Erik Jensen.

Von den vier Föhrer Ringreitervereinen waren die „Weißen“, also die Westerlandföhrer mit ihren hellen Jacken, die letzten, die in diesem Jahr ihr Oberhaupt gekrönt haben. Zuvor waren bereits in Alkersum die Frauen in die Steigbügel gestiegen, um ihre Königin zu ermitteln. In einem packenden Wett-kampf hatte sich Freya Thomsen gegen ihre Konkurrentinnen durchgesetzt. Die Plätze eins bis sechs belegten Svenja Jensen, Ehlen Ketelsen, Andrea Christiansen, Finja Diedrichsen, Antje Brodersen und Ute Kiefer-Kluge. Seit 1919 war das Ringreiten den Männern vorbehalten, Frauen durften nicht an den Wettkämpfen teilnehmen. Doch die Statuten wurden geändert und vor einiger Zeit gründeten die Föhrer Reiterinnen ihren eigenen Verein. Seither sind die „Roten“ eine feste Größe im Inselsport.

Den ältesten Ringreitverein der Insel stellen mit den „Grünen“ die Osterlandföhrer. Im kommenden Jahr feiern sie bereits ihr 100-jähriges Bestehen. Wie der Vorsitzende Dirk Wögens verrät, wird es dann auch einen Geburtstagswettkampf und einige Feste geben. In diesem Jahr wurde zunächst der 99. grüne König gekrönt, wobei sich Reinhard Hansen durchsetzen konnte: „In den 24 Jahren, die ich jetzt mitreite, habe ich das erstmals geschafft“, erzählt er stolz. Sein Geheimrezept? „Gibt es nicht. Man muss einfach dranbleiben und durchhalten. Und es ist dann auch immer etwas Glück dabei.“ Für Hansen ist mit dem Sieg ein Wunsch in Erfüllung gegangen: „Einmal im Leben wollte ich König werden. Denn wenn man dabei ist, möchte man auch gewinnen.“ Die Plätze belegten hier Gerd Ohlsen, der sich auch den K.o.-Pokal für die meisten gestochenen Ringe sicherte, Karl-Julius Volkerts, Peter Wögens, Kalle Sönnichsen, Ingwer Michelsen und Arne Früchtnicht.

Auch die Mitteldörfer, die in schwarzen Jacken zum Wettkampf antreten, haben in diesem Jahr, kurz vor den Feierlichkeiten zum 70. Vereinsbestehen, bereits ihren König ausgeritten: Neuer Regent ist Jens Olufs. Er hat jetzt zu Hause in der Küche einen Stuhl als Thron deklariert: „Ich wollte immer schon König werden, fühlte mich aber in diesem Jahr sehr weit weg davon. Aber anscheinend sollte es sein.“ Olufs freut vor allem, dass auch seine Kinder bei diesem Sport dabei sind: „Es ist schön, dass meine Kleinen sich mit mir freuen.“ Die weiteren Preise gingen an Günther Clausen, Thorsten Diedrichsen, Hans-Uwe Brodersen, Roluf Jensen, Frerk Jensen und Heiko Clausen. Die meisten Ringe konnte Heiko Christiansen auf seine Lanze nehmen.

Ringreiten als Dorffest

Immer, wenn die Männer und Frauen mit den Lanzen auf ihre Pferde steigen, hat das Spektakel Dorffest-Charakter. Der amtierende König wird mit viel Trubel von seinem Haus abgeholt, zwischen den Wettkämpfen gibt es immer wieder Pausen für die ein oder andere Stärkung und am Ende einen feierlichen Umzug mit Blaskapelle zu Ehren des neuen Monarchen sowie ein Fest bis tief in die Nacht. Beim Wettkampf feuert das Publikum lautstark an und bejubelt jeden Ring, der auf der Lanze landet. Auch viele Urlauber bestaunen das Spektakel. So wie Doris und Klaus Tressnow, die gleichsam Ringreit-Experten sind: „Wir haben es schon überall gesehen, auch auf dem Festland.“ Die beiden Berliner sind vor allem von der Gemeinschaft und der Geschicklichkeit der Reiter angetan. „Schön, dass hier der Brauch so intensiv gepflegt wird.“ In diesem Jahr haben sie außerdem ihre Enkelin Antonia mitgenommen. Die reitet selbst gern und sagt: „Ich würde das schon gerne einmal probieren.“

Nachwuchsprobleme

Ein Thema bei allen Vereinen ist der mangelnde Nachwuchs. Dirk Wögens von den „Grünen“ erklärt: „In unserem Einzugsgebiet liegt Wyk, also haben wir eigentlich die meisten Einwohner. Nur haben wir aus Wyk zur Zeit keinen einzigen aktiven Reiter.“ Woran das liegt, weiß er nicht, meint aber: „Viele wachsen nicht mehr mit Pferden auf. Das ist traurig, weil zu den Wettkämpfen ja schon immer viel Publikum kommt.“ Außerdem sei man im Wettkampf zwar schon ehrgeizig, in den Vereinen gehe es jedoch vor allem um den Spaß. „Wir sind alle sehr kameradschaftlich“, betont auch der grüne König Reinhard Hansen.

Einer der jungen, der dabei ist, ist Tjorben Roeloffs, Sohn von Carl-Oluf, dem König der „Weißen“. „Ich bin mit Pferden aufgewachsen und habe schon als Kind bei den Jugendturnieren mitgemacht“, erzählt er. Da habe es für ihn eigentlich keine andere Möglichkeit gegeben, als auch bei den Großen mitzureiten. Den Grund für den fehlenden Nachwuchs sieht er in der fehlenden Zeit und dem mangelnden Interesse vieler Jungen: „Reiten wird heute als Mädchending gesehen. Und später sind viele bei der Arbeit und haben keine Zeit.“ Dabei würde Roeloffs sich mehr Junge in den Vereinen wünschen: „Die Wettkämpfe würden dann ja auch viel interessanter werden.“

Die Vereine sind jedoch ratlos, wie sie dem mangelnden Interesse der Jugend begegnen sollen. Man könne ja niemanden zwingen, heißt es. Eine Maßnahme ist, das Mindestalter für den Eintritt in die Vereine zu senken. Ursprünglich lag die Grenze bei 25 Jahren, nach Möglichkeit sollte man bereits verheiratet sein. Mittlerweile wurde die Schwelle bereits auf 18 Jahre abgesenkt. Bei den Männern scheint diese Maßnahme jedoch bisher wenig zu fruchten. Lediglich die Frauen verzeichnen derzeit Zuwächse im Verein.

Bleibt nur, das Spektakel interessant zu halten und so Zuschauer neugierig zu machen. Die Vereine organisieren dafür im Juli Kurgast- und Kinderringreiten. Und nicht zu vergessen: Das große Finale der Saison am 11. August in Oevenum. Beim Bundesringreiten sind dann alle vier Vereine dabei und treten gegeneinander an. Wieder eine Chance, Nachwuchs für die friesische Tradition zu begeistern. Und für den weißen König Carl-Oluf Roeloffs und die anderen Regenten erneut die Chance, abzuräumen.

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