Auf Föhr : Gülle in Hülle und Fülle

Die Gülle-Lagune von Ocke Ketels ist bis zum Rand gefüllt.
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Die Gülle-Lagune von Ocke Ketels ist bis zum Rand gefüllt.

Die offizielle Sperrzeit für die Ausbringung von Wirtschaftsdüngern läuft heute ab. Die Landwirte hoffen nun auf Regenstopp und trockene Flächen.

shz.de von
01. Februar 2018, 14:00 Uhr

Das neue Jahr beginnt wie das alte aufgehört hat: nass. Besonders die Landwirte leiden darunter, da bewirtschaftete Flächen gar nicht oder nur eingeschränkt befahrbar sind. Das hat viele Folgen: Die Ernteerträge waren im Vergleich zu den Vorjahren schlechter, vereinzelt musste auf den dritten Grasschnitt und auf die Ansaat von Wintergetreide verzichtet werden. Jetzt kommt noch das Problem der Gülle hinzu: Die Pötte sind voll, während die Tiere weiter neuen Dünger produzieren – die Jauche steht den Landwirten allmählich bis zum Hals.

„So voll war unsere Lagune noch nie“, berichtet Ocke Ketels vor dem bis zum Rand gefüllten Gülle-See. „Seit September hat es mehr oder weniger ununterbrochen geregnet, seitdem konnten wir keine Gülle mehr ausbringen“, so Ketels, der in Nieblum einen Hof mit rund 180 Kühen bewirtschaftet. Die Ländereien sind zu nass für Trecker-Güllefass-Gespanne, die schweren Fahrzeuge würden Schäden verursachen oder sich festfahren. Die Föhrer Landwirte helfen sich untereinander: Einige finden noch freie Kapazitäten bei Kollegen oder auf Höfen, die den Milchviehbetrieb aufgegeben haben. Aber auch diese werden bald erschöpft sein. „Ich habe schon bei Nachbarhöfen nachgefragt, aber keine Chance. Wer noch freie Kapazitäten hat, darf sich gerne bei mir melden“, sagt Ketels und schmunzelt.

Das vergangene Jahr war überdurchschnittlich nass: „2017 haben wir 1034 Millimeter Niederschlag auf dem Quadratmeter gemessen“, berichtet der Vorsitzende des Wasserbeschaffungsverbandes, Hark Ketelsen. „Üblich sind hier etwa 850 Millimeter pro Jahr.“ Reichlich überproportional waren die Monate September und Oktober, mit jeweils 170 und 150 Millimetern. Im Januar fielen bisher schon über 110 Millimeter Niederschlag, sprich: mehr als 110 Liter pro Quadratmeter. „Auf der einen Seite konnten die Landwirte ihre Gülle im Herbst nicht mehr ausbringen, auf der anderen kommt der Regen, der in die Pötte fällt, dazu“, so Ketelsen.

Vom 1. November bis zum 31. Januar herrscht ein Ausbringungsverbot von Gülle. Diese Frist kann aber um 14 Tage vorgezogen werden, also vom 15. Oktober bis zum 15. Januar. Auch Ocke Ketels nutzt die Fristverschiebung, „aber die hat mir in diesem Jahr wenig gebracht, die Felder sind einfach zu nass.“

Die Fristverschiebung muss eigentlich zuvor angemeldet sein, im vergangenen Jahr durfte diese aber auch nachträglich beantragt werden. Dank einer Ausnahmegenehmigung hätte sogar seit zwei Wochen wieder Wirtschaftsdünger ausgefahren werden dürfen. Grundlage dafür ist der sogenannte Havarieerlass des Landwirtschaftsministeriums. Rausfahren dürfen Landwirte mit Sondergenehmigung allerdings nur, wenn die Flächen nicht wassergesättigt, überschwemmt, schneebedeckt oder gefroren sind – und so nutzte die Ausnahme den Bauern im nassen Januar 2018 nichts, die Gülle musste in den Pötten bleiben.

Nach dem Notfallplan des Landwirtschaftsministeriums dürfen Bauern zusätzlich vorübergehend Lagunen zur Zwischenlagerung der Gülle bauen. Eine Güllelagune ist ein Erdbecken, das mit Spezialfolie abgedichtet wird. Für die Bauern ist der Bau der Not-Lagunen jedoch mit erheblichen Kosten verbunden und in der Praxis kaum durchzusetzen: Bei der Wahl des Standorts sind Mindestabstände zu Gewässern und die Höhe des Grundwasserspiegels zu beachten. Außerdem muss nach sechs Monaten der Rückbau erfolgen.

Kay Nickelsen, Vorsitzender des Föhrer Vereins für landwirtschaftliche Fachbildung, bewirtschaftet einen Hof in Toftum mit etwa 150 Kühen. Vier Güllepötte sind bei ihm bereits voll – zwei eigene und zwei gemietete. „Vorgeschrieben sind Kapazitäten für sechs Monate und die haben ja auch alle, die Monate sind nur um.“ Aber nicht nur die Gülle macht dem Toftumer zu schaffen: Der letzte Grasschnitt war schon Anfang September und Wintergetreide konnte auch nicht in dem Umfang ausgesät werden, wie geplant. „Und es ist fraglich, ob das überhaupt was wird.“ Durch die Nässe liegt der Keimling nur im Wasser, was dazu führen könnte, dass er anfängt zu faulen.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf einen Wetterumschwung in den nächsten Wochen: „Am besten wäre jetzt eine trockene Woche und ein bisschen Frost, damit der Boden wieder härter wird“, schildert Ocke Ketels. Und noch etwas wünschen sich Ketels und seine Kollegen: Dass das extrem nasse vergangene Jahr nicht zum Normalfall wird.


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