Alkersum: Schüler schreiben Schullektüre : Gelungenes Gemeinschaftswerk

 Volkert Faltings mit den jugendlichen Buchübersetzern und den kleinen Illustratoren.
Volkert Faltings mit den jugendlichen Buchübersetzern und den kleinen Illustratoren.

Buchprojekt der Ferring-Stiftung: „Ben liebt Anna“ und viele Föhrer Kinder lieben die friesische Sprache.

shz.de von
19. Juni 2018, 17:30 Uhr

Das Buch, was jetzt von Abiturienten der Eilun-Feer-Skuul ins Friesische übersetzt wurde, heißt „Ben mei Anna so hal liis“ (Ben liebt Anna).

Der neunjährige Ben hat sich unsterblich in Anna verliebt. Leider zieht das polnische Aussiedlermädchen bald wieder weg. In Peter Härtlings Jugendbuch von 1979 geht es um enttäuschte Liebe, und hinter den Kulissen dieses wieder einmal sehr engagierten Schülerprojekts eigentlich auch. „Wir bedauern schon, dass man schulbehördlicherseits auf solchen Veranstaltungen, die für den Friesischunterricht im Besonderen und das Friesische im Allgemeinen einen hohen, fast schon symbolischen Stellenwert haben, so wenig Präsenz zeigt“, fasste der Vorstand der Ferring-Stiftung, Volkert Faltings, sein Bedauern darüber in Worte, dass die Vertreterin des Kieler Bildungsministeriums kurzfristig abgesagt hatte. Dabei wäre die Veranstaltung in der Ferring-Stiftung ein guter Anlass gewesen, um im Gespräch mit den beteiligten Kindern und Jugendlichen einen Eindruck davon zu bekommen, wie viel Friesisch für sie bedeutet.

Anlass war die Präsentation des knapp hundertseitigen Buches, das acht Schüler des Abijahrgangs in Eigenregie übersetzt hatten, unterstützt von Friesischlehrer Faltings und der Ferring-Stiftung, die Lektorat, Grafik und Druck übernahm. Um die Kosten nicht ausufern zu lassen, warben die Schüler unter Föhrer Firmen um Sponsoren. „Denn tatsächlich haben wir in all den Jahren noch keinen Cent staatlicher Unterstützung erhalten“, sagte Faltings.

Herzig illustriert wurde das Ganze von Dritt- und Viertklässlern der Grundschule Föhr-Land, der Dänischen Schule und der Rüm-Hart-Schule in Wyk. Rund 150 kleine Zeichner hatten im Kunstunterricht zu den von den Abiturienten vorgelesenen Kapiteln die Stifte kreisen lassen. Die Auswahl fiel garantiert nicht leicht, und am Ende standen acht von ihnen stolz vor versammelter Zuhörerschaft und nahmen je ein druckfrisches Buch entgegen.

Im Anschluss gab es eine kleine Leseprobe. Von den Jungübersetzern, die alle Friesisch als Prüfungsfach gewählt haben, wird wohl nur Emma Eisersdorff mit der Sprache berufsmäßig weitermachen. Die 18-Jährige will auf Lehramt studieren und später – so ist der Plan – auf ihrer Heimatinsel neben Deutsch auch Friesisch unterrichten. Gelernt hat sie die Sprache durchs Hören und hauptsächlich durch Schulkameraden von Föhr-Land. Wie die Abiturienten in einer Umfrage feststellen konnten, kann der Anteil der regelmäßig Friesisch sprechenden Schüler auf Föhr mit 30 Prozent als recht ordentlich gelten. Stirbt diese Sprache nun irgendwann aus oder veraltet? „Ich glaube das ja nicht,“ sagt Emma Eisersdorff. „Sie verändert sich, und es werden ein paar mehr deutsche Worte reinrutschen. Aber das finde ich nicht schlimm.“ Die junge Föhrerin liebt ihre Sprache. Auch Faltings unterstützt diesen Ansatz: „Ich könnte händeweise Beispiele nennen, in denen ehemalige Schüler gerade den Friesich-Unterricht immer wieder als eines der ganz entscheidenden Kriterien hervorheben für die Herausbildung ihrer eigenen Regionalidentität.“

So eine Literaturübersetzung ist nicht ohne. Die Unterschiede zwischen einer Nominalsprache wie Deutsch mit mächtigen Substantiven und wilden Satzgefügen zu einer von Verben lebenden Sprechsprache wie dem Friesischen sind immens. „Man muss sich davon lösen, Wort für Wort übersetzen zu wollen“, sagt Faltings. „Manche Worte gab es gar nicht im Friesischen. Da haben wir dann überlegt, wie man das stattdessen ausdrücken kann“, sagte Marike Lorenzen. „Ich habe auch immer mal meine Mutter gefragt, wenn ich nicht weiterkam“, ergänzte Justin Obojiagbe. „Auch die kurze Zeit war eine Herausforderung“, stellte Derya Gökmen fest. Die 14 Kapitel samt umfangreichem deutsch-friesischen Wort-Glossar mussten zwischen November und Februar geschafft sein. „Eine Übersetzung ins Friesische aus dem Englischen, wie in den Jahren zuvor Kurzgeschichten von Ernest Hemingway, ist aufgrund der ähnlichen Sprachstruktur tatsächlich einfacher“, erklärte Volkert Faltings.

„Ben liebt Anna“ ist das 15. Buchprojekt, das Föhrer Gymnasiasten auf die Beine gestellt haben. Und wie immer bei solch einem Anlass, konnte Volkert Faltings stolz vermelden: „Es ist wohl einzigartig, dass sich Schüler ihre Unterrichtslektüre selbst scheiben.“ Was dringend nötig zu sein scheint, denn für den qualifizierten Friesisch-Unterricht scheint es längst keine so guten Materialien zu geben, wie für andere Sprachen. „Die Schüler haben am Ende des Jahres einen Riesen-Stapel loser Blätter“, beklagt Faltings. Auch Arfst Nickelsen, Friesischlehrer an der Eilun-Feer-Skuul , zeigte sich erfreut über ein weiteres Buch. „Wir brauchen immer neuen Lesestoff. Und dieses Buch schließt altersmäßig die Lücke zwischen Bullerbü und Hemingway.“




zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen