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Insel-Bote

21. Oktober 2017 | 21:42 Uhr

Auf Föhr : Gefräßige Gäste

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Immer mehr Landwirte klagen über Fraßschäden. Die Gänseplage war Thema bei der Bezirksversammlung des Bauernverbandes.

shz.de von
erstellt am 02.Feb.2017 | 16:30 Uhr

Die Gänsepopulation war das zentrale Thema auf der Bezirksversammlung des Kreisbauernverbandes Südtondern. Kreisjägermeister Thomas Carstensen erklärte einleitend: „Die Gänsepopulation beschäftigt in Nordfriesland flächendeckend.“ Die Tiere würden immer weiter ins Landesinnere wandern, da die Zahl ansteige. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, Wolfgang Stapelfeldt, bestätigte diese Einschätzung: „Laut einer Umfrage gab es 2014 in Südtondern 68 Betriebe mit Fraßschäden.“

Das Problem lasse sich aber nicht so einfach durch die Jagd der Tiere lösen, informierte Carstensen die anwesenden Landwirte in einem Vortrag. „Wir verstehen, dass der Schaden groß ist. Wir dürfen aber nicht zu jeder Zeit und in beliebiger Masse jagen“, sagte der Kreisjägermeister. Es gebe Richtlinien, an die sich die Jäger halten müssten.

Die Aufgabe der Jäger sei ambivalent: Zum einen sollen sie die Tierbestände soweit herunterfahren, dass die Forst- und Landwirtschaft nicht gefährdet wird. Auf der anderen Seite sollen die Tierbestände in gewissem Maße erhalten bleiben.

Daher gebe es unter anderem bestimmte Jagdzeiten, die sich nach den Brut- und Schonzeiten der Gänse richten. „Nach Paragraf 22 des Landesjagdgesetzes (LJagdG) dürfen Elterntiere nicht geschossen werden, solange die Jungtiere nicht selbstständig genug sind. Sonst würden die Jungtiere elendig verhungern“, sagte Carstensen. Andere Gänsearten seien ganz von der Jagd ausgeschlossen.

Um den Schaden zu verhindern, könne laut Paragraf 27 LJagdG die zuständige Behörde anordnen, den Wildbestand unabhängig von Schonzeiten innerhalb einer bestimmten Frist zu verringern. Dies müsse mit Rücksicht auf die Interessen aller – auch des Naturschutzes geschehen. In diesem Fall könne der Landwirt einen Antrag zur Abwehr von Schaden stellen.

Es gebe drei Möglichkeiten die Population zu verringern, so der Kreisjägermeister: Jagd, Vergrämung, Vermehrungsbehinderung. Die erste Option sei , dass der Jäger ein paar Gänse streckt. Das Problem hier sei, was er danach mit den toten Tieren macht. „Man kann nicht mehr Gänse schießen, als gegessen werden. Zumindest die Brusthälften und Keulen müssen verwendet werden“, sagte Carstensen. Es müsse also genügend Abnehmer geben. Darauf bemerkte ein Mitglied des Verbandes, auf dem Festland gebe es einen Tierfutterhersteller, der gerne tausende Gänse nehmen würde – vermutlich gegen einen Sonderpreis, aber dass es an mangelnden Abnehmern nicht liegen könne.

Die Vergrämung durch Lärm, Unruhe und Abschuss einzelner Individuen sei mit viel Arbeit verbunden, so der Kreisjägermeister. Maschinen und parkende Autos, genauso wie Vogelscheuchen und Schussapparate würden nach ein paar Tagen ihre Wirkung verlieren: „Die Gänse lernen schnell dazu. Irgendwann wissen sie, dass der Schussapparat nur ballert – aber nichts tut.“

Seiner Meinung nach ist die Vermehrungsbehinderung am effektivsten. „Im vergangenen Jahr wurden in Nordfriesland insgesamt 7000 Eier eingesammelt – ein großer Anteil davon auf Föhr“, sagte Carstensen.

Das Problem sei, dass das Eiersammeln Landbesitzern ohne Jagdschein nicht erlaubt ist, da es zur Jagd dazugehöre. „Wir versuchen, die Erlaubnis auch für Landbesitzer durchzubringen“, sagte der Kreisjägermeister.

Wichtig beim Eiersammeln sei, das Nest nicht zu zerstören. Sonst würde die Gans sich ein neues bauen. Ziel sei, dass das Tier das Nest behält, sich aber in diesem Jahr nicht vermehrt.

Aus den genannten Gründen sei es ausgeschlossen, die Population jagdlich zu verringern, so der Kreisjägermeister. „Alle Jäger in Schleswig-Holstein zusammen, würden es nicht schaffen – selbst wenn sie nichts anderes machen würden.“

Das Problem liege in der Gesellschaft. „Wenn die Gesellschaft die Gänse haben möchte, dann müssen zumindest die Landwirte, die darunter leiden, entschädigt werden“, argumentierte er.

Diesbezüglich hatte er eine gute Nachricht im Gepäck. Bisher habe die Landesregierung damit argumentiert, sie dürfe laut EU keine Direktzahlung an die Landwirte herausgeben, da dies den Wettbewerb verzerren würde, so Carstensen. Das Land dürfe nur Ausgleichszahlungen an die Landwirte auszahlen, wenn diese von der EU kofinanziert sind. „Allerdings gibt es mittlerweile andere Bundesländer, die dies tun. Das hat den Druck erhöht und so wurde ein Arbeitskreis gegründet“, sagte Carstensen.

Dieser Arbeitskreis, zu dem der Kreisjägermeister dazugehört, arbeitet an einem Online-Computerprogramm. „Auf der ersten Ebene des Programms soll jeder die Möglichkeit haben, seine Beobachtungen der Gänse einzutragen“, erklärte Carstensen. Die zweite Ebene richte sich allein an Landwirte und Bedienstete des Landes Schleswig-Holstein. Auf der dritten Ebene finde eine Plausibilitätskontrolle statt. „Hier wird geprüft, ob die eingetragenen Zahlen übereinstimmen“, erklärte Carstensen. „Wenn es große Abweichungen gibt, wird dem ganzen nachgegangen. Es kann sich aber auch um einen Zahlendreher handeln.“ Anschließend werde der Betragsausfall in Euro umgerechnet.

„Interessant wird es dann. Die Frage ist, was das Land macht, wenn wir handfeste Zahlen haben“, sagt der Kreisjägermeister. Die bessere Dokumentation von Schäden helfe beim Argumentieren. „Ich bin seit 20 Jahren jagdpolitisch tätig“, sagte Carstensen. „Ich bin zuversichtlich, dass endlich etwas gemacht wird.“

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