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Gefährlicher Übermut auf dem Autozug

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aussteigen während der Fahrt verboten lautet die strikte Anordnung beim Sylt-Shuttle / Seit 2013 gilt auch eine Anschnallpflicht

Immer wieder missachten Benutzer des Autozugs Sylt-Shuttle die Beförderungsvorschriften, manchmal mit fatalen Folgen – zwei Vorfälle aus jüngster Zeit, die für Schlagzeilen gesorgt haben: Am Sonnabend vor einer Woche lief der Beifahrer eines BMW während der Fahrt von Niebüll nach Westerland auf dem Oberdeck um das Fahrzeug herum. Der Lokführer des entgegenkommenden Autozuges sah ihn und informierte den Fahrdienstleiter. Daraufhin leitete der Lokführer des betroffenen Zuges sofort eine Schnellbremsung ein. Erst dadurch bemerkte der junge Mann, dass irgendwas nicht stimmte und stieg wieder ein. Der Zug kam kurz vor Klanxbüll zum Stehen. Bei der Ankunft des Autozuges in Westerland wartete bereits die Bundespolizei. Auf Befragen gab der 37-jährigen Mann an, dass er nur etwas aus dem Kofferraum holen wollte. Er muss mit einem Strafverfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr rechnen.

Noch spektakulärer, jedoch in der Folge glimpflicher für den Verursacher, verlief die Aktion eines 48-jährigen Engländers am Nachmittag des 22. Juli. Der Fahrer eines Range Rovers war scheinbar so überwältigt vom Anblick des Wattenmeeres, dass er sich während der Zugfahrt auf die Motorhaube setzte. Dabei beobachtete ihn ein Bahnmitarbeiter, der Zugführer wurde unterrichtet und reduzierte umgehend die Fahrgeschwindigkeit des Zuges. Nach einiger Zeit begab sich der Mann dann wieder in sein Fahrzeug. Bei Ankunft des Zuges in Westerland räumte er reumütig sein Fehlverhalten ein. Ihn erwartet eine Ordnungswidrigkeitenanzeige mit mindestens 100 Euro Geldstrafe.

Die für den Bahnbetrieb zuständige Bundespolizei warnt alle Benutzer des Autozuges eindringlich davor, ihre Fahrzeuge während der Überfahrt zu verlassen. Das könne lebensgefährlich sein, darüberhinaus bestehe seit Anfang 2013 für alle Fahrzeuginsassen eine Anschnallpflicht. Hintergrund der Neuregelung waren die dramatischen Ereignisse im Juli 2012. Ein damals zweijähriger Junge kam während der Überfahrt an die Tür des Wohnmobils, die daraufhin aufsprang, und wurde vom Sog des Fahrtwinds aus dem Auto gerissen. Der Vater sprang sofort hinterher, um sein Kind zu retten – beide wurden dabei schwer, aber zum Glück nicht lebensgefährlich verletzt. „Der tragische Vorfall war für uns der endgültige Anlass, dem Management des DB Sylt-Shuttle im Rahmen der Gefahrenvorsorge eine generelle Anschnallpflicht in allen Fahrzeugen während der Zugüberfahrt zu empfehlen“, sagt Pressesprecher Hanspeter Schwartz von der Bundespolizeiinspektion Flensburg.

Diese Empfehlung wurde bereits zum 1. Januar 2013 umgesetzt. „Die für Insassen der Kraftfahrzeuge vorgeschriebenen Sicherheitsgurte müssen im eigenen Interesse während der Überfahrt stets angelegt sein. Die Sicherungspflicht für Kinder ist stets vorzunehmen“, heißt es seitdem in den Beförderungsbedingungen des DB Sylt-Shuttle. Und: „Die Türen des Kraftfahrzeugs müssen geschlossen bleiben und während der Überfahrt darf das Kraftfahrzeug nicht verlassen werden.“

„Außerdem haben wir an den Autoverladungen in Niebüll und Westerland Schilder angebracht, die auf die Anschnallpflicht im Sylt-Shuttle hinweisen“, erläutert Egbert Meyer-Lovis, der Pressesprecher der Deutschen Bahn AG. Auch seien die Mitarbeiter auf dem Zug angewiesen, auf die Anschnallpflicht zu achten, aber „während der Fahrt kann natürlich niemand mehr überprüfen, ob alle Insassen auch tatsächlich angeschnallt bleiben. Da kann man nur an den gesunden Menschenverstand appellieren.“

Neben der Gefahr für sich selbst unterschätzen die vermeintlich Wagemutigen vor allem die Risiken für ihre Mitreisenden. Der Autozug ist je nach Streckenabschnitt mit Geschwindigkeiten von 70 bis zu 140 Stundenkilometern unterwegs. Bei einer Vollbremsung wie im aktuellen Fall kann es leicht zu Verletzten unter den anderen Sylt-Shuttle-Nutzern kommen. Ob ein Lokführer bei solchen Vorfällen nur die Geschwindigkeit verringern oder gar schnell bremsen muss, entscheidet auch darüber, welche Art von Strafe der Verursacher zu erwarten hat. Entscheidend ist, ob ein gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr gemäß Paragraf 315 des Strafgesetzbuches vorliegt. Dort heißt es: „Wer [...] die Gefahr fahrlässig verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Das ist insbesondere der Fall, wenn der Lokführer aufgrund des tatsächlichen oder vermeintlichen Notfalls eine Schnellbremsung durchführen muss, die andere Nutzer des Sylt Shuttles gefährden kann. Im Fall des Engländers auf der Motorhaube führte der Lokführer jedoch keine Schnellbremsung durch, sondern reduziert lediglich die Fahrgeschwindigkeit. Deshalb lag auch lediglich eine Ordnungswidrigkeit gemäß Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung vor, die mit gestaffelten Geldstrafebeträgen geahndet werden kann. Aber solche Vorfälle können laut Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis auch haftungsrechtliche Konsequenzen seitens der Bahn AG wegen betrieblicher Einschränkung zum Beispiel durch Zugverspätungen oder gar Zugausfälle nach sich ziehen.

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erstellt am 15.Sep.2014 | 13:22 Uhr

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