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Strenge Vorgaben : Geburtshilfe auf Föhr vor dem Aus

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Erschwerte medizinische Bedingungen und ein deutlich höheres Haftungsrisiko: Inselklinik stellt die Versorgung ab Dezember ein.

Die werdenden Föhrer und Amrumer Eltern müssen sich zukünftig umstellen: Ab Dezember stellt die Inselklinik Föhr-Amrum in Wyk die geburtshilfliche Versorgung ein. Nach Bad Oldesloe, Oldenburg in Holstein und Westerland auf Sylt wird dann auch auf Föhr die Geburtshilfe geschlossen. Sie ist die Klinik mit der geringsten Geburtenzahl in Deutschland und derzeit das letzte geburtshilfliche Krankenhaus auf einer Insel ohne Landanbindung.

„Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, betonen Landrat Dieter Harrsen als Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums Nordfriesland sowie dessen Geschäftsführer, Frank Pietrowski. „Um die Schwangeren mit dieser neuen Situation nicht allein zu lassen, hoffen wir bis Ende November eine geburtshilfliche Notfallkonzeption für die Inseln vorlegen zu können“, stellt Harrsen in Aussicht. Dazu laufen bereits Gespräche mit den Rettungsdiensten zu Land, Wasser und Luft. Ebenso werden die Föhrer und Amrumer Hebammen eingebunden – in jedem Fall wird das Klinikum übergangsweise bis zum 31. März 2016 die Rufdienste der Hebammen finanzieren.

In den kommenden Wochen wird zudem mit den Krankenkassen eine Finanzierung von Unterbringungsmöglichkeiten für die Schwangeren von den Inseln in Husum (ein so genanntes „Boarding-Konzept“) verhandelt. Ziel ist es, dass den betroffenen Familien ab Anfang Dezember 2015 eine solche Option wie derzeit in der Klinik Niebüll sowie in der DIAKO Flensburg offen steht. Dort werden schon seit Anfang 2014 schwangere Frauen von Sylt geraume Zeit vor der Geburt untergebracht und vom geburtshilflichen Team der jeweiligen Kliniken betreut. „Unser Ziel ist es, ein ähnliches Versorgungskonzept abzustimmen, wie es jüngst für die Insel Sylt vereinbart worden ist“, erläutert Pietrowski.

Der Entschluss, die Geburtshilfe aufzugeben, ist auf mehrere Entwicklungen zurückzuführen. Strengere Vorgaben – sogenannte Leitlinien – der gynäkologisch-geburtshilflichen Fachverbände und die vermehrte politische Diskussion über die Zukunft kleinerer geburtshilflicher Einrichtungen in Schleswig-Holstein hatten das Klinikum veranlasst, sowohl eine qualitative als auch rechtliche Bewertung der geburtshilflichen Situation in Nordfriesland vornehmen zu lassen.

Die Gutachter kommen für die Geburtshilfe auf Föhr zu dem Ergebnis, dass diese nur ansatzweise den in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe geforderten strukturellen und prozessualen Mindeststandards für den Betrieb einer geburtshilflichen Abteilung einer Klinik der Grund- und Regelversorgung standhält und legen daher eine Schließung nahe.

„Diese Bewertungen haben nichts mit den auf der Insel handelnden Personen zu tun. Diese leisten alle eine hervorragende Arbeit. Das Problem sind die durch die Insellage erschwerten medizinischen Versorgungsbedingungen und das hiermit verbundene deutlich erhöhte Haftungsrisiko für den Klinikträger“, erläutert Frank Pietrowski. Insbesondere lebensbedrohliche und unkalkulierbare Notfälle, wie zum Beispiel durch starke Blutungen während der Schwangerschaft oder der Geburt, erfordern eine schnelle und jederzeitige Verfügbarkeit eines Geburtshelfers, Anästhesisten sowie vor allem einer ausreichenden Anzahl von Blutkonserven oder einer sehr kurzfristigen Beschaffung dieser Blutprodukte vom Festland – was aufgrund möglicher schwieriger Wetterlagen nicht immer möglich ist.

Auf der Basis der gutachterlichen Stellungnahmen hat das Klinikum in den vergangenen Monaten verschiedene Überlegungen angestellt, die Versorgung auf Föhr mehr an diese Vorgaben anzupassen. „Wir müssen aber feststellen, dass dies mit einem vertretbaren Aufwand nicht so gelingen wird, dass auch nur annähernd die erforderliche Sicherheit für Mutter und Kind geschaffen werden kann“, macht der Aufsichtsratsvorsitzende klar. Insbesondere die regelhafte Vorhaltung von erheblichen Mengen von Blutkonserven auf der Insel für Notfälle, die gerade in der Geburtshilfe unvorhergesehen vorkommen können, ist nicht realistisch umsetzbar. Ebenso fehlt es in diesen Situationen an der erforderlichen kinderärztlichen Versorgung.

Diese an sich schon schwierige Situation verschärft sich dadurch, dass durch einen erheblichen Mangel an medizinisch-technischen Laborassistenten die Laborversorgung auf der Insel umgestellt werden muss. Erforderliche Blutgruppenbestimmungen können dann nur noch über das Labor der Klinik Niebüll erfolgen. Dies bedeutet insbesondere in geburtshilflichen Notfallsituationen eine zusätzliche zeitliche Verzögerung in der Blutversorgung.

„Nachdem wir zu diesen ernüchternden Erkenntnissen gelangt sind, mussten der Aufsichtsrat und die Geschäftsführung handeln“, erläutert Dieter Harrsen. „Alle Faktoren zusammen genommen, können wir die Geburtshilfe ab Ende November nicht mehr aufrechterhalten. Bei einem Schadensfall könnten wir ansonsten den betroffenen Familien nicht mehr in die Augen schauen. Zudem würde jedes Gericht den Verantwortlichen im Klinikum ein Organisationsverschulden unterstellen – mit gravierenden persönlichen Folgen.“

Frank Pietrowski ergänzt, dass bei juristischen und haftungsrechtlichen Auseinandersetzungen die Vorgaben der Fachverbände als Maßstab zur Überprüfung der Vorgehensweisen herangezogen werden. Dies würde im Schadensfall zu unkalkulierbaren finanziellen und juristischen Folgen für die handelnden Personen und das Klinikum Nordfriesland führen. „Wir können unter den dann gegebenen Umständen nicht mehr länger erwarten, dass dieses Risiko von der Geschäftsführung und dem Klinikum übernommen wird“, erläutert Landrat Dieter Harrsen die von Aufsichtsrat und Geschäftsführung getroffene Entscheidung.

„Wir bedauern diesen anstehenden Schritt, der ausschließlich aus Qualitäts- und Sicherheitsgesichtspunkten erfolgt, wirklich sehr“, betont Frank Pietrowski. „Wir sehen uns als breit aufgestellten Versorger unserer Bevölkerung und der Gäste in unserer Region. Streichungen in unserem Leistungsspektrum widersprechen eigentlich unserem eigenen Credo. Aber vor dem Hintergrund der beschriebenen Situation ist ein Weiterbetrieb der Einrichtung ab Dezember 2015 zum Schutz der Schwangeren und des ungeborenen Lebens bzw. der Säuglinge nicht weiter verantwortbar.“

Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe kommt auf eine entsprechende Nachfrage des schleswig-holsteinischen Sozialministeriums zu dem Ergebnis, dass Abweichungen von den Mindeststandards bei Insellagen eine potentielle Gefährdung der Gesundheit und des Lebens von Mutter und Kind bedeuten und dies keine akzeptable Lösung der regionalen Versorgungsprobleme darstellen könne.

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erstellt am 16.Sep.2015 | 09:00 Uhr

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